Vainstream Rockfest – 29.06.2019 – Münster

Es ist Samstag – wolkenfreier blauer Himmel und Temperaturen über 30 Grad Celsius bilden das Festivalwetter für das diesjährige Vainstream Rockfest. Am Hauptbahnhof in Münster tummeln sich massenweise Festivalfans, die ihre Shirts von Rammstein, Rock am Ring und Co. präsentieren und gruppenweise mit dem ersten Bier in der Hand voller Vorfreude in Richtung Hawerkamp spazieren.

Die Uhr schlägt noch nicht einmal 11 Uhr, da scheint das Vainstream, das bereits Monate im Voraus ausverkauft ist, schon gut gefüllt zu sein. Erste Anlaufstelle für viele ist der Merchstand, an dem noch schnell versucht wird, das eine oder andere Wunschshirt zu ergattern. Doch bereits jetzt sind die begehrten Shirts mit dem obligatorischen Tierbild, dieses Jahr ein Esel, zum Teil bereits vergriffen.

Einige Bands sind schon am Spielen, die ersten Besucher schon gut angetrunken, die Sonne knallt. Glücklicherweise gibt es Wasserstellen, an denen Trinkflaschen kostenlos aufgefüllt werden können, Duschen um sich zu erfrischen und den Coconut Beach für die kleine Pause zwischendurch.

Diese Strandanlage mit aufgeschüttetem Sand beherbergt auch einen kleinen Pool, der bereits jetzt fast auschließlich nur noch aus Sonnencreme besteht. Essensstände aller Art sorgen dafür, dass keiner der Besucher an diesem Tag hungrig nach Hause gehen muss.

Die DKMS (Deutsche Knochenmarkspende) hatte bereits einige Tage vor dem Festival zu einer Registrierungsaktion für die zweijährige Viktoria, welche an Blutkrebs leidet, aufgerufen. Wer möchte kann sich direkt vor Ort eintragen lassen.

Im Freien sind zwei Bühnen aufgebaut, auf denen abwechselnd Gigs stattfinden. Viele Gäste müssen zum Teil nur ein paar Schritte nach rechts oder links laufen, um direkt in den Genuss des nächsten Acts kommen zu können. Der Wechsel verläuft naht- und reibungslos. Nach einem kurzen Soundcheck von maximal 2-3 min erfolgt direkt der nächste Auftritt.

Das Vainstream-Publikum ist trotz extremer Wetterbedingungen weder tanz- noch singfaul und würdigt den Einsatz der Bands mit ebenso viel Energie wie diese selbst bieten. So kommen viele beispielsweise den Aufforderungen von Our Last Night-Sänger Trevor Wentworth nach mehr Action im Pit gerne nach. Die US-amerikanische Band, die derzeit wie so viele andere Gruppen Europa unsicher macht, weiß das Publikum vor der Londsdale-Stage zu begeistern. Als Songs wie „Dark Storms“, „Common Ground“ oder „Sunrise“ angestimmt werden, können viele Besucher mitsingen – eine gute Unterstützung und Dank auch für Gitarrist Matt Wentworth, der leicht angeschlagen ist.

An einem Tag, der mit Rekord-Temperaturen wirklich jeden zum Schwitzen bringt, darf selbst einem Rocker folgende Frage gestellt werden, wenn er auch dann noch eine Lederjacke trägt: Warum? Ohne die Antwort zu geben, scheint Lawrence Taylor von While she sleeps gemerkt zu haben, dass hier etwas nicht stimmt. Direkt nach dem ersten Song entledigt er sich seines stylischen Kleidungsstückes und erfreut die Fans im luftigeren Tank-Top mit seinem Gesang. Schließlich muss er im Laufe des Sets gestehen, dass er sich zwar im Vereinigten Königreich oft Sonne wünsche, nun aber ebendieser ein ordentliches „Fuck Off“ entgegen schmettern muss.

Trotzdem schlagen sich While She sleeps wacker; auch bei dieser Band gibt es vor der Bühne kaum Stillstand. „You know what to fucking do!“ – Ja, das wissen die Vainstreamer. Und die Band ist nicht weniger agil. Besonders der Mann am Mikro sorgt mit seinen Animationen für Bewegung. Ob es dabei unbedingt notwendig ist, der Belegschaft mit umgeworfenen Boxen mehr Arbeit zu mache, sei einmal dahin gestellt. Das gehört vielleicht auch in die Reihe Rockstar und Lederjacke. Es sei den derzeit sehr angesagten Briten, die auch schon in der Vergangenheit in Münster für Stimmung sorgten, aber gegönnt. Das Publikum haben sie auf jeden Fall auf ihrer Seite. Das stimmt selbst in den kleinsten Pausen, die schnell das eine oder andere Mal wie bei „The Guilty Party“ durch Song-Intros vom Band beendet werden, den Band-Namen im fordernden Singsang an. Berührungsängste mit „der Familie“ wie Klettermaxe Taylor die Fans nennt, hat dieser ohnehin nicht. Nachdem er dazu auffordert, jeder solle einen Freund auf die Schultern nehmen, gönnt er sich selbst ein Bad in der Menge. Songs wie „Four Walls“ und „Hurricane“ dürfen bei einen Festival-Set der Band nicht fehlen und werden gebührend gefeiert. Stilecht und in passender Rocker-Lederjacken-Manier verabschiedet sich der While She Sleeps-Sänger, indem er sich effektvoll von einer extra dafür von ihm platzierten Box fallen lässt.

Die Green Hell Clubstage befindet sich einige Meter abseits in der Sputnikhalle. Da diese nur begrenzten Platz bereitstellt, warten einige Fans teilweise schon ein bis zwei Shows vorab in der Halle auf die Auftritte bestimmter Künstler. Dies ist hauptsächlich bei Mantar ersichtlich. Ihre britische Vorgängerband Haken hat die vielen Zuhörer scheinbar eher unfreiwillig und wirkt wie eine gewagte Kombination aus Progressive Metal verbunden mit ruhigen Parts und einem Gesang, der irgendwie nicht für diese Songs vorgesehen war. Aber eigentlich machen ja genau solche Vorkommnisse ein Festival aus und führen zu einer Erweiterung des eigenen Bandhorizontes.

Unter anderem sorgt die aus dem US-Bundesstaat Louisiana stammende Band Cane Hill dort am Nachmittag auch für Stimmung. Ihre musikalisch interessante Mischung zeichnet sich durch deftigen Sound mit Nu-Metal und Hardcore-Klängen aus.

Damit und einem facettenreichen Gesang, der mit entsprechendem Effekt versehen auch schon einmal an den von Großmeister „Marilyn Manson“ erinnert und in Stücken wie „It Follows“ seine Bandbreite zeigt, stellen sie sich vor.

Auf die Frage, wer sie denn schon einmal live gesehen habe und wer noch nicht, scheint eine recht gleichwertige Verteilung der Arme in die Luft zu gehen. Zum Abzählen bleibt da zwar keine Zeit, aber auch die neuen Leuten bestätigen mit einem Applaus, dass es ihnen gefällt. Songs wie das rhythmisch zum Teil an „Korn“ erinnernde „Too far gone“ oder „Lord Of Flys“, „Hateful“, und „Too Far Gone“ bringen die Halle in Bewegung.

Viele nutzen die Zeit zwischendurch auch mal für ein kleines Powernapping. Pünktlich zu Mantar ist die Fanbase dann aber wieder bereit für die große Verausgabung. Doch irgendetwas passt dem Bremer Metal-Duo nicht und der Soundcheck zieht sich. Das Publikum aber ist wild und scharrt bereits mit den Hufen, sodass beim Soundcheck schon die ersten Köpfe auf und ab wippen und auf das „Hey“, das eigentlich dem Mischer gilt bekommt Hanno auch eine Antwort aus der Menschenmasse.

Nach circa zehn Minuten kann es dann losgehen. Die Fans bekommen endlich ihre lang ersehnte Belohnung und Hanno und Erinc eskalieren wie gewohnt oberkörperfrei zu Songs wie “Seek + Forget” und “Cross the Cross”.

Die nachfolgenden Konzerte der Dropkick Murphys, Donots und Architects unter freiem Himmel fühlen sich nun fast schon wie Erholung an, da es endlich wieder Platz und einigermaßen erträgliche Temperaturen gibt. So langsam machen sich die ersten Gäste bereits auf den Heimweg. Hart Gesottene können noch bis 1 Uhr nachts die letzten Bands Booze & Glory und Skinny Lister genießen.

Wie viele der diesmal vertretenen Bands, die nicht das erste und sicherlich auch nicht das letzte Mal beim Vainstream anwesend waren, kommen sicher auch einige der Besucher immer wieder. Für wen das jetzt schon außer Frage steht: Ganz nach dem Motto „nach dem Vainstream ist vor dem Vainstream“ hat der Vorverkauf für das Jahr 2020 bereits begonnen. Am 27. Juni 2020 wird dann gleichzeitig auch noch das 15-jährige Vainstream-Jubiläum gefeiert.

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Fotos: Stefanie Zerres

Text: Stefanie Zerres und Julia Kimmerle

Julia Kimmerle

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Julia Kimmerle

Musikliebhaberin. Bevorzugt alles mit und um Rock.