Blood Red Shoes – Get Tragic

Was für eine belebende Wirkung eine kreative Auszeit haben kann und wie man sich richtig dem Zeitgeist anpasst, zeigen Blood Red Shoes mit ihrem neuen Werk “Get Tragic“.

Fünf Jahre mussten Fans des Duos aus Laura-Mary Carter und Steven Ansell auf neues Futter für den Hunger nach dem charakteristischen Alternative/Garage/Indie-Rock-Mix warten. An sich nicht unbedingt die längste Zeit (schließlich lechzt die Anhängerschaft von Tool schon seit über zwölf Jahren nach der nächsten Platte), jedoch wurde die Pause durch Bangen und Hoffen dominiert. Denn es war keine normale Überbrückungsphase bis zum nächsten Album, sondern eine einvernehmlich geplante Auszeit vom Projekt Blood Red Shoes. Dementsprechend groß waren auch die Sorgen der Hörerschaft. Werden sie wieder zurückkehren? Ist das kreative Potential der doch limitierenden Zusammensetzung aus Gitarre und Schlagzeug mittlerweile nach fünf Alben langsam erschöpft?

Wir können Entwarnung geben: Ja, sie sind wieder da – und wie! Auf “Get Tragic” meldet sich das Duo aus Brighton wieder frisch, sexy und energiegeladen zurück. Trotzdem sollten sich Fans auch auf neue Geschmäcker gefasst machen. Schon der Opener “Eye To Eye” schleicht sich mit wummernden Bässen an die ahnunglosen Gewohnheitstiere heran, während ungewohnte Synthie-Melodien bedrohlich die anwachsende Gravitas des Songs untermalen. Das Unbekannte verführt, zieht in den Bann und lässt mit Ende des Songs die Falle zuschnappen. Für die nächsten 34 Minuten entkommt niemand mehr den beiden Rückkehrern.

Die Stimme von Laura-Mary sorgt für den zusätzlichen sirenenhaften Sog, der aber gar nicht mehr notwendig gewesen wäre. Denn ab “Mexican Dress” zeigen sich Blood Red Shoes wieder so, wie wir sie kennen: Mit dreckig-bretternden Gitarrenriffs, treibenden Drums und einer wohligen Wucht, die beim Hören aus den Boxen drückt. Jeder der elf Songs hat den harten Kern inne, den wir so lieben gelernt haben. Und doch schafft es das Duo, immer wieder anders zu klingen. Von Song zu Song schlüpfen sie in andere Soundgewänder, bleiben jedoch darunter dieselben. So unternehmen sie im Refrain von “Beverly” einen Ausflug in düstere Psychedelic-Welten à la Uncle Acid & The Deadbeats, während in “Anxiety” ganz besonders die musikalische Seelenverwandschaft zu The Kills klar wird. Sogar für ergreifende Entschleunigung in Form des balladenhaften “Find My Own Remorse” und das epochale Endstück “Elijah” ist Platz gewesen .

Im Gegensatz zu vielen anderen Genrevertretern, die sich mit elektronischen Hilfsmitteln eine Frischzellenkur spendieren wollten und dann im Endeffekt so künstlich klingen, wie ein verpfuschter chirurgischer Eingriff aussieht, gelingt Blood Red Shoes der gefährliche Balanceakt bravourös. Die Gefahr der Repetition und Stagnation ist gebannt, die Zukunft der Band und damit auch neues Futter für Fans gesichert.

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Bild: Pressefreigabe

Christian Gschwilm

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Christian Gschwilm

Texter aus Leidenschaft, Konzert-Junky, Bierdeckelphilosoph. Kann ganz gut mit Worten jonglieren und kennt sich im Medien-Zirkus aus.