Alcest – 29.09.2018 – München, Strom

Was wäre das Leben nur ohne Überraschungen? Richtig: verdammt langweilig. Auch bei Konzerten entstehen die legendärsten Fälle meistens dann, wenn die eigenen Erwartungen übertroffen oder am besten gleich vollkommen über den Haufen geworfen werden. Das traditionsreiche Strom in München hat schon einige denkwürdige Shows erleben dürfen und der Abend mit Alcest dürfte sich definitiv in die Liste miteinreihen.

Das Fundament für diese Platzierung wurde auf jeden Fall bereits beim Support gelegt. Während andere Vorbands schon damit abgemüht sind, sich von ihrer besten Seite zu zeigen und es im besten Falle auch einigermaßen schaffen das Publikum anzuheizen, ließen Vampillia reihenweise die Münder nach unten klappen. Die japanische Truppe begann ihr Set mit einem trügerisch und zugleich unglaublich schönen Einstieg aus Piano- und Geigen-Träumen, das die auf einen ruhig-entspannten Abend mit Alcest eingestimmten Fans in falsche Sicherheit wiegte. Denn mit dem Frontmann der Band betrat auch der pure Wahnsinn die Bühne. Während die Melodien ständig zwischen atemberaubend-atmosphärisch und brachial-rockig schwankten, tobte der Sänger wie eine Mischung aus Taifun und tasmanischem Teufel über die kleine Stage.

Alle Bandmitglieder gingen spürbar in ihrer Musik auf, doch der Grad an intensiver Darbietung des Frontmanns war ein komplett anderes Level. Die Screams wurden aus den tiefsten und dunkelsten Ecken des Körpers herausgepresst und waren so herzzerreißend echt, dass der Sänger sich manchmal mit der Faust selbst aus seiner berserkerhaften Trance ins Gesicht herausschlagen musste (und einmal sogar Tränen flossen). Oft performte er am äußersten Rand der Bühne, stellte sich auf die Monitore und stützte sich dabei gerne mal mit der Hand auf dem Kopf einer Zuschauerin in der ersten Reihe ab. Als es an einer Stelle wieder Zeit für einen ruhigen Part wurde, versuchte der musikalische Derwisch die Leute zum rhythmischen Mitwinken zu bewegen. Anscheinend war ihm die Partizipation aber etwas zu gering, weshalb er kurzerhand von der Bühne verschwand und mit einer Metallleiter unter dem Arm wieder auftauchte, die er inmitten der Menge bestieg und von oben herab die Animation weiterführte. Dies war aber nicht sein einziger Ausflug ins Publikum. Es folgte noch ein Ein-Mann-Moshpit, in dem er sich komplett seiner Raserei hingab und selbst nach einem Sturz am Boden noch weitermachte. Getoppt wurde alles bisherige aber von einem der Gitarristen, der am Ende der Show einen himmelblauen Plastikeimer in der Menge platzierte, mit Anlauf auf ihn zurannte und mithilfe eines Handstands und Purzelbaums unter tosendem Applaus mit dem Eimer auf dem Kopf wieder aufstand.

Vampillia waren eine Naturgewalt, die den Anwesenden mit einer Welle der Kraft entgegenschlug, die gleichzeitig so schön war, dass sich ihr nicht entzogen werden konnte. Die Mischung aus Anime-Intro-Song auf Speed, Koks und intravenös eingeführtem Red Bull zusammen mit den härtesten Black-Metal-Schreiorgien war verstörend, fesselnd, bezaubernd – kurz: genial.

Nach kurzer Pause, in der man den Kiefer wieder einrenken und den Schock einigermaßen verdauen konnte, ging es dann schon mit Alcest weiter. Das französische Duo betrat zusammen mit seinen Gastmusikern die Bühne und es fühlte sich erstmal an, als ob das Tempo des Abends um die Hälfte halbiert worden wäre. In der Psychologie spricht man von einem Ankereffekt, denn nach einem Support wie Vampillia wirkt jede Band erstmal wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Dabei lieferte der Hauptact des Abends eine durchweg perfekte Show ab, die die Fans rundum glücklich machte. Das aktuelle Album Kodama in seiner Gänze im Zuge dieser speziellen Tour zu hören war ein Fest für die Ohren und hat gezeigt, wie gut die sechs Songs eine Einheit ergeben.

Der Rest des Sets hätte auch nicht besser sein können. Als in der Beschreibung des Konzerts versprochen wurde, dass außerdem ein Best-of der anderen Platten zu hören sein würde, war das definitiv nicht gelogen. Die Hitdichte war lückenlos, es wurde von jedem Werk der Discographie der größte Fanliebling ausgepackt – mit Ausnahme der beliebten Les Voyages de l’Âme LP, davon gab es mit “Autre Temps” und “Là Où Naissent les Couleurs Nouvelles” gleich zwei Crowdpleaser.

Alcest überzeugten mit ihrer auf die Fans abgestimmten Show und der wirklich leidenschaftlichen Performance, die auch das Publikum ansteckte. Entsprechend des atmosphärischen Sounds wurde nicht geheadbangt, sondern sich der Trance hingegeben. Während nicht unweit des Clubs auf der Theresienwiese in den Bierzelten des Oktoberfests ausgiebig geschunkelt wurde, wogten die Zuschauer im Strom mit den progressiven Klängen mit (teilweise sogar völlig losgelöst mit geschlossenen Augen). Alcest zelebrierten ihr Repertoire ohne großen Wirbel und blieben bis auf ein paar “Thank you”s und zurückhaltendem Small Talk recht wortkarg. Man merkte ihnen den Spaß und die Freude aber trotzdem an und im Endeffekt verlief der Abend wie ihre Songs: Es funktioniert auch ohne viele Worte wunderbar.

 

Links

Homepage
Facebook

Bilder: Christian Gschwilm

Christian Gschwilm

About author

Christian Gschwilm

Texter aus Leidenschaft, Konzert-Junky, Bierdeckelphilosoph. Kann ganz gut mit Worten jonglieren und kennt sich im Medien-Zirkus aus.