First Aid Kit – Ruins

Auf ihrem neuesten Werk Ruins schlagen First Aid Kit düstere Pfade ein – bleiben sich aber auf dem Weg trotzdem treu.

Nach mittlerweile vier Alben haben sich die Schwestern Klara und Johanna Söderberg einen Platz in den Herzen von den unterschiedlichsten Musikfans erspielt. Egal ob Mainstream- oder Indie-Hörer – es ist wirklich schwer, den zwei zuckersüßen Schwedinnen zu widerstehen, wenn sich einmal der Zauber ihres unverkennbaren Harmoniegesangs entfaltet.

Doch auf ihrem fünftem Album Ruins tauschen First Aid Kit den sonnigen Optimismus älterer Songs wie ihres Über-Hits „Silver Lining“ gegen düsterere Gedanken. Das macht schon der Opener „Rebel Heart“ klar: In Moll-Stimmung werden viele Fragen gestellt und der Schmerz nicht verschwiegen, sondern zelebriert. Auf dem neuesten Werk erhält der Hörer einen Blick auf eine ganz andere, bisher unbekannte Seite der Schwestern.

Doch bereits der zweite Track „It’s A Shame“ zeigt, dass First Aid Kit ihren bisherigen Stil keineswegs hinter sich lassen. Locker und eingängig wie eh und je spendieren sie uns einen neuen Ohrwurm. Der auch sofort gute Laune verbreiten würde – wenn da nicht die melancholischen Lyrics währen. Auch hier geht es um das Existenzielle: In LA, the sun’s almost too bright / I cannot get it right / The emptiness I feel / And now none of it seems real. Die Ambivalenz von Licht und Schatten scheint es dem Geschwisterduo auf der Platte wirklich angetan zu haben. Selbst bei den fröhlich(er) klingenden Songs sorgen die Texte dafür, dass man nicht komplett tanzend Richtung Wolke 7 abhebt. Eine Light-Version von „Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“ quasi.

Hat man bisher die Wurzeln in der Countrymusik bei First Aid Kit in annehmbaren Maße hören können, geben sich Klara und Johanna bei manchen Songs nun vollkommen dem amerikanischen Einfluss hin. Das ist beispielsweise im Fall von „Postcard“ noch nicht weiter schlimm, jedoch sollte aber in Zukunft das Cowboy-Feeling nicht exzessiver ausgereizt werden, sonst kann das schnell nervig werden. Es bleibt zu hoffen, dass sie sich für Album Nummer sechs nicht ein Beispiel an Bob und seiner Ehefrau aus dem Kultklassiker Blues Brothers nehmen, die in ihrem Musikschuppen voller Überzeugung die Ansicht vertraten: „Wir spielen alles – Country UND Western“

Gegen Ende wird es dann nochmal überraschend. In den letzten beiden Songs werden Experimente gewagt und Abstecher vom bisherigen Trademark-Sound gemacht. So schleicht sich in „Hem Of Her Dress“ zwischen den samtenen Gesang ein kurz geschrienes, emotionales So loud ein, dass aber sofort von einem leise gehauchten …and so discret gefolgt wird. Im Endspurt gibt es dann mit einem plötzlich einsetzenden Kneipenchor ein vollkommen befreites, herzliches Grölen mit Schunkel-Atmosphäre. Den krönenden Abschluss macht „Nothing Has To Be True“, das Stück für Stück immer weiter anwächst und in einem grandiosen, ausufernden Finale den Ausbruch aus der Melancholie liefert.

Große Innovationen oder neue Hits lassen sich zwar nicht auf dem neuen Silberling finden, jedoch gibt es auch keine Enttäuschungen und jeder der zehn Tracks hat es zurecht auf die Platte geschafft. Mit Ruins gelingt First Aid Kit zwar nicht ganz der große (Lasso-)Wurf, um die Leute zu catchen, dafür nehmen uns die zwei Schwestern aber stattdessen mit auf einen emotionalen, nachdenklichen Ritt in den Sonnenuntergang.

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Bild: Pressefreigabe

Christian Gschwilm

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Christian Gschwilm

Texter aus Leidenschaft, Konzert-Junky, Bierdeckelphilosoph. Kann ganz gut mit Worten jonglieren und kennt sich im Medien-Zirkus aus.