Interview: Gordi

Es gibt Konzerte, bei denen einfach alles stimmt. Am 22. November hat die isländische Truppe von Ásgeir nicht nur mit einem fantastisch einfühlsamen Konzert begeistern können, sondern auch ein wirklich gutes Händchen bei der Wahl ihrer musikalischen Unterstützung bewiesen. Sophie Payton a.k.a. Gordi, die im Sommer diesen Jahres mit ihrem Debütalbum Reservoir frischen Wind in die Folk-Musik brachte, konnte als Support mit einer intimen und fesselnden Show das Publikum für kurze Zeit zum Träumen bringen. Wir haben uns die Gelegenheit natürlich nicht nehmen lassen, die sympathische Australierin vor ihrem (vorerst) letzten Deutschland-Auftritt auf einen kleinen Plausch zu treffen.

Wie läuft die Tour so fernab deiner Heimat Australien, quer über den ganzen Globus?

Super! Heute ist meine letzte Show dieser Tour, morgen geht’s wieder zurück nach Melbourne. Es war schon eine echt lange Zeit. Am 6. Oktober hat es in London angefangen und dann ging es überall hin, mal wieder zurück nach Australien, dann Amerika und wieder Europa. Ein einziges Hin- und Her, bei dem ich viel Zeit in der Luft verbracht habe. Es war aber fantastisch, da ich eine super Mischung hatte. Die Tour mit Ásgeir war wundervoll, da ich so viele coole Venues bespielen konnte und vor so vielen Leuten. Dann habe ich aber auch eine kleine Headline-Tour durch UK gemacht, die zu meinem absoluten Liebling wurde. Wenn man viele Support-Gigs spielt, merkt man nicht so wirklich, ob die Leute deine Musik mögen, schließlich sind die meisten ja nicht wegen dir da. Bei meinen Headline Shows hat man dann wieder gesehen, dass die Leute meine Songs mögen und das fühlt sich natürlich super an. Aber momentan bin ich nun mal noch in dieser Phase, wo ich viel supporten muss, um die Leute für mich zu gewinnen und das kann manchmal schon echt an den Nerven zehren.

Du hast dir sehr viel Zeit genommen, um dein Debütalbum fertigzustellen und ich habe gelesen, dass du unbedingt wolltest, dass es zusammenhängend wird – also eine Runde Sache gewissermaßen. Was ist denn der rote Faden, quasi das „Reservoir“-Element, das in jedem Song zu finden ist?

Ich denke, es ist der akustische Aspekt. Sprich: Die Vocals sind meiner Meinung nach der Ankerpunkt, um den sich alles dreht. Egal, was ich in jedem Song auch auf sie an Effekten draufwerfe, Spielereien oder anderem, stehen sie immer im Vordergrund. Wir haben sie mit unterschiedlichen Mikrofonen aufgenommen und bei jedem Track anders herumexperimentiert, haben sie zum Beispiel durch eine Gitarre gejagt oder mit dem Tremolo gespielt. Das haben wir immer sehr bewusst gemacht, um sicherzugehen, dass das unsere narrative Stimme ist, die sich durch die ganze Platte zieht. Natürlich ist es auch eine thematische Sache. Die Texte, die ich schreibe, wurzeln ja alle in der Folk-Musik und somit erzähle ich jedes Mal eine Geschichte. Und über allem steht dieser „Reservoir“-Gedanke – einem Rückzugs-Ort in meinem Inneren, den ich durch dieses Album entdecken will. Und vielleicht sorgt es ja dafür, dass jemand, der meine Musik hört, sein eigenes Reservoir dadurch findet.

Du hast es schon gesagt: Deine Texte orientieren sich an der Tradition des Folks, sind alle sehr lebensnah. Eben für ganz normale Leute wie dich und mich. Ist deine Message also, dass jeder sein “Reservoir” finden soll?

Ja, schon. Was mir bei der „Sinnsuche“ für mein Album geholfen hat, waren die Alben von anderen Künstlern, die ich liebe. Da fällt mir zum Beispiel Julien Baker ein, mit der ich eine Show in Madrid gespielt habe. Ihre Musik habe ich in letzter Zeit sehr intensiv gehört und als ich mit ihr geredet habe, hat sie einmal etwas gesagt, worauf ich dann geantwortet habe, dass es sich so anfühlt, als ob ich sie schon ewig kennen würde. Das lag einfach daran, dass ihre Songs bei mir rauf und runter gelaufen sind und Julien darin eben auch einen so intimen Einblick in ihre Seele gibt. Ein Teil der Intention meines Debütalbums ist also, mich selbst auszudrücken und meinen Hörern dieses gleiche Gefühl zu geben. Andererseits schafft sie es auch, Dinge so zu beschreiben, dass sie ein ganz neues Licht auf mein Leben werfen und ich dann anders über Persönliches nachdenke, als ich es zuvor gemacht habe. Und das, obwohl sie ja gar nicht über mich singt, sondern über sich selbst. Sie erschafft dadurch so eine unglaubliche Art von Bedeutung, und so etwas Bedeutungsvolles möchte ich auch machen. Klar kann man auch schnell in so eine Art Strudel geraten, wenn man ständig für alles einen Sinn sucht. Manchmal ertappe ich mich auch bei einem schlechten Publikum dabei, wie ich mich frage, ob es wirklich einen Sinn hat, den ganzen Weg dann für so eine Show auf sich zu nehmen und dort alles zu geben. Aber wie gesagt, ich möchte etwas Bedeutungsvolles machen, dass mir etwas gibt und dadurch den Leuten hoffentlich auch.

In einem vollkommen anderen Teil deines Lebens versuchst du auch auf andere Art den Menschen zu helfen, denn du studierst noch nebenzu Medizin. Ist das nur als Absicherung gedacht oder planst du, in Zukunft die beiden Welten zu kombinieren?

Es ist momentan eine Balance. Ich habe alle meine notwendigen Prüfungen bestanden, muss aber in in ein paar Tagen, nachdem ich von der Tour heimkomme, wieder zurück ins Krankenhaus. Es fühlt sich ziemlich erbarmungslos an, da ich immer noch 16 Wochen dort arbeiten muss, um das Studium offiziell abgeschlossen zu haben. Mittlerweile geht mir der ständige Ortswechsel doch auf die Nerven und irgendwann hätte ich schon gern Zeit zum Entspannen. Aber auf gewisse Weise ist es doch das ultimative Ziel von Leuten in ihren 20ern, diese Balance hinzukriegen aus Dingen, die Spaß machen und nur für kurze Dauer sind und denen, die wohlüberlegt auf lange Sicht Sinn machen. Gerade bin ich hin und hergerissen. Ein Teil möchte nur im Moment leben, sich vollkommen aufs Musik machen konzentrieren und alles andere liegen lassen, aber dann gibt es auch wieder die Seite von mir, die sich denkt: Du hast jetzt sechs Jahre lang studiert. Was ist in zehn Jahren? Was passiert, wenn das mit der Musik nicht mehr so gut funktioniert? Ich habe schon mit so vielen Musikerkollegen und -Kolleginnen gesprochen, die sich wünschten, etwas in der Hinterhand zu haben. Das kann einem schon zu Denken geben und manchmal fühlt man sich dann, als ob man außerhalb der Musik nicht mehr wirklich existieren würde. Ich habe da so eine kleine Stimme in meinem Kopf, die mir sagt, dass ich meine Medizinlaufbahn weiterführen soll, aber es eben momentan auf Sparflamme halten darf. Hauptsache, ich kann dann irgendwann einmal dazu zurückkehren. Ich habe schon immer mehrere Sachen gleichzeitig gemacht und ich auch war noch nie jemand, der sich wohlgefühlt hat, wenn er nur eine Sache zu tun hat. Manche behaupten ja, so ein Sicherheitsnetz würde nur die Kreativität bremsen, aber das soll jeder für sich entscheiden.

Wenn es um Songs geht, hast du deinen sogenannten „Campfire-Test“. Der besagt, dass ein Song nur dann gut ist, wenn man ihn auch allein auf der Gitarre spielen kann und er dann immer noch genauso gut funktioniert. Hast du schon mal deiner wissenschaftlichen Seite nachgegeben und aus Neugier die Musik von anderen Künstlern oder Bands getestet?

Klar! Versteh mich nicht falsch, ich stehe zum Beispiel total auf Acts wie Jon Hopkins, die unglaublich schöne Musik ganz ohne Strophen und Refrains, dafür aber mit weiten, schillernden Klanglandschaften machen. Sowas höre ich privat total gerne. Aber wirklich gute Songs, von denen man auch noch Jahrzehnte später spricht, wie von Billy Joel, Elton John und ähnlichen kann man einfach auf jedem Instrument spielen und die Leute erkennen sie sofort, singen mit – eben wie an einem Lagerfeuer. Das ist einfach die klassische Form, es gibt keinen besseren Test als diesen. Um ehrlich zu sein, werde ich das heute auch in gewisser Weise machen. Ich werde ohne Band und nur mit Gitarre und Keyboard auftreten, also reduzierte Versionen meiner Songs spielen. Das ist die Art von Musik, die ich machen möchte und die Künstlerin, die ich sein will. Das ist wirklich wichtig, dass das auch so funktioniert.

Ich bin gespannt!

(lacht) ja, es wird sehr heruntergebrochen, nur das Wesentliche.

Auch komplett ohne die elektronischen Elemente?

Ich werde zwar ein paar Vocal-Effects verwenden, aber ansonsten wird es sehr „raw“. Vielleicht ein wenig trauriger und melancholischer als mit der kompletten Band (lacht).

Apropos andere Künstler: Du hast ja eine – meiner Meinung nach phänomenale – Coverversion von Linkin Parks “In The End” für den Radiosender Triple j gesungen. Das ganze Album Hybrid Theory hat eine ganz besondere Bedeutung für dich, da es die erste Platte war, die du dir gekauft hast, nicht wahr?

Genau, es war die erste CD, die ich mir von meinem eigenen Geld gekauft habe. Ich habe es sogar hauptsächlich wegen In The End gekauft, das ich damals auf MTV (glaube ich) gehört habe. Es war der erste Song, mit dem ich mich emotional irgendwie verbunden gefühlt habe. Ich meine, ich war gerade mal 10 Jahre alt oder so und kannte keine anderen Zustände außer fröhlich oder traurig. Dieser Track kam dann genau zu dem Zeitpunkt in mein Leben, in dem ich dann auch komplexere Gefühle kennenlernte. Jedes Mal wenn ich nun dieses Lied höre, fühle ich mich sofort wieder in der Zeit zurückversetzt und bin für kurze Zeit wieder dieses kleine Mädchen, das „angsty“ die Einfahrt mit seinem Discman runterrannte. Die originale CD habe ich immer noch zuhause und als ich überlegte, welchen Song ich für das „Like A Version“ Format covern sollte, hörte ich während einer Autofahrt im Radio, dass Chester Bennington gestorben ist. Und obwohl ich eigentlich einen anderen Song ausgesucht hatte, war „In The End“ dann die einzig richtige Wahl für mich. Ich bin wirklich froh, es gemacht zu haben und auch sehr zufrieden mit dem Ergebnis.

Du warst also 10, als du deine erste CD gekauft hast und bist mit 12 nach Sydney gezogen. Zuvor hast du auf einer Farm in der Nähe des kleinen Ortes Canowindra gelebt. War es auf dem Land schwieriger, mit der Musik in Berührung zu kommen?

Teilweise. Es gab schon eine Live-Szene in der Stadt, die ja immerhin 2000 Einwohner hat. Da ich aber in dem Alter verständlicherweise nicht wirklich zu irgendwelchen Konzerten gegangen bin, war meine Mutter der einzige Einfluss für mich. Sie war Klavierlehrerin und da bekam ich natürlich einiges mit. Daheim liefen dann immer Platten von Billy Joel und anderen. Das Internet war damals auch noch nicht so ausgebaut wie es heute war, ergo konnte ich nicht so einfach Songs entdecken. In Australien gab es ein Fernsehprogramm namens “Rage”, das hauptsächlich Musikvideos ausgestrahlt hat und ich jeden Samstagmorgen intensiv verfolgt habe. Als ich dann auf die High School kam, war gerade Limewire der heiße Scheiß. Leider konnten wir in unserem Wohnheim nicht darauf zugreifen, und waren auf diejenigen angewiesen, die bei ihrer Familie gewohnt haben. Ich hatte eine Freundin, die mir dann immer Songs gezogen und Mixtapes daraus gebastelt hat. Es ist echt lustig, dass ich die Vielfalt der Musik erst nach meiner Schulzeit wirklich entdeckt habe. Vor allem die Streamingdienste wie Spotify wurden dann zu einem „Weltöffner“, dadurch habe ich Künstler wie Ásgeir gefunden. In den letzten 5 bis 7 Jahren ist mein Musikgeschmack in seiner Größe regelrecht explodiert, da ich zuvor eben hauptsächlich das gehört habe, was meine Mum gehört hat. (lacht)

Du hattest auch die Gelegenheit, mit dem großen Justin Vernon zusammenzuarbeiten und bist mittlerweile auch Mitglied des gleichen Labels. War seine Anerkennung und sein Lob für deine Musik so eine Art Ritterschlag für dich?

Auf jeden Fall! Er ist einer der drei Künstler, die so etwas wie meine Idole sind. Ásgeir, Kristian Matsson (The Tallest Man On Earth) und eben Justin Vernon. Er hat mal einen Tweet verfasst, in dem er schrieb, wie sehr er meine Musik mag und als das mein Manager gesehen hat, hat er mir sofort einen Screenshot davon geschickt. Zuerst wusste ich gar nicht, von wem der Tweet stammt, da Justin ja auf Twitter „blobtower“ heißt. Als ich es dann realisiert habe, war ich natürlich extrem happy. Nicht nur, weil er und seine Projekte wie Bon Iver oder Volcano Choir so einen Einfluss haben, sondern viel mehr, weil ich eben so ein Langzeit-Fan bin. Ich liebe einfach sein Talent, die Art, wie er denkt und Musik macht und wie er sich darstellt. Es war wirklich bizarr, als wir dann Teil desselben Labels wurden und ich ihn nach New York begleiten durfte, um zuerst als Backround-Sängerin für seinen Auftritt bei Jimmy Fallon singen zu dürfen und dann als Support seine Show in Manhattan zu eröffnen. Das waren wirklich zwei der schönsten und intensivsten Erinnerungen meines Lebens. Schließlich komme ich aus einem kleinen 2000-Einwohner-Ort im Nirgendwo Australiens, so einen Sprung kann man sich einfach nicht vorstellen. (lacht)

Kleine Spaßfrage zum Schluss: Wie würde eine Arztpraxis von Dr. Gordi aussehen? Also nicht Dr. Payton, sondern schon dein Künstler-Alter Ego. Und welche Musik-Kollegen und -Kolleginnen würdest du gerne behandeln wollen?

Also vom Look her würde ich schon mal sagen, dass überall mein Albumcover hängen würde. Das wäre dann so ein surrealer Vortex, der mich dann wahrscheinlich irgendwie ständig schlecht fühlen lassen würde. Beim Thema Patienten würde mir sofort ein australischer Kollege einfallen: Kirin J. Kallinan. Von allen Musikern, die ich kenne, ist er definitiv der humorvollste. Wenn er in der Nähe ist, wird es immer lustig. Das könnte besonders in einer Arztpraxis gut werden (lacht). Hmmn, wer noch? Ach, ich glaube ich bleibe bei Kirin, der reicht schon.

Ich glaube auch, dass die Vorstellung von so einer Sprechstunde schon ausreicht. Vielen Dank für das Gespräch!

 

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Christian Gschwilm

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Christian Gschwilm

Texter aus Leidenschaft, Konzert-Junky, Bierdeckelphilosoph. Kann ganz gut mit Worten jonglieren und kennt sich im Medien-Zirkus aus.