Sigur Rós – 14.10.17 – Frankfurt, Jahrhunderthalle

Jahrzehnte lang etablierte die isländische Musikszene ihren eigenen kleinen Mikrokosmos an lokalen Eigenheiten, der sich durch eine naturverbundene Mystik in astronomischen Weiten entfaltete. Bis heute sind viele Künstler in ihrem Gebiet, Atmosphäre in besonderem Maße zu würdigen und umzusetzen, ungeschlagen. Wer demnach bei einem Konzert auf exzentrische Entfaltung hofft, ist fehl am Platz. Viel mehr geht es darum, für einige Stunden an entfernte, wenn nicht sogar fiktive Orte abzudriften, die unergründlich und geheimnisvoll wie ein Science-Fiction-Epos wirken. Die Formation Sigur Rós füllt zwar mittlerweile als Urgestein des experimentellen Noise imposante Hallen, doch büßte sie dadurch weder ihren Charme noch ihre damit einhergehende Individualität ein. Aus der endlosen Stille entstehen treibende Landschaften, die ins Universum führen, um Mensch und Natur zu verknüpfen. Ende November tourten die Isländer aus Reykjavík in Europa und verzauberten nicht nur das Publikum der futuristisch anmutenden Jahrhunderthalle in Frankfurt.

Um ihre Diskographie in vollem Maße auszuschöpfen, gliederte sich ihre Setlist in zwei aufeinander abgestimmte Akte, wie wir es aus dem Theater kennen und entführte uns in eine Welt aus symbiotischem Klang und Lichtinstallationen. Mit auf der Reise staffelten sich die Klassiker ihrer populärsten Alben ,,Ágætis byrjun” über ,,Takk…” bis ,,Kveikur” und fingen die Nostalgie der letzten vierzehn Jahre in sich ein. Sphärisch verhallt und mit symphonischen Überlängen erzeugten sie düstere bis hoffnungsvolle Stimmungen, die das räumliche sowie zeitliche Kontinuum sprengten.

Frontsänger Jónsi mit seiner zugleich fragil-androgynen Falsettstimme, hauchte Strophen und Verse sanft ins Mikrofon, während Piano und Geige in hallenden Effekten ausklangen. Pulsierende Naturphänomene der Erde und der Kreislauf der Gestirne wurden vorangetrieben und nochmals auf Bildschirme projiziert. Die genutzten Visualisierungen steigerten sich von Album zu Album und fanden wie ein gut durchdachter Film-Soundtrack ihre Umsetzung. Das Highlight des Abends im zweiten Akt lieferte wahrscheinlich das astronomische Feuerwerk um ,,Sæglópur”, das sich langsam und schleichend aufbaute, bis es sich in einer riesigen neonblauen Explosion entlud und von begeisterten Rufen des Publikums untermalt wurde. Jeder Song wurde von Neonröhren und Bildprojektionen inszeniert und zwei Leinwände sorgte dafür, dass Videos entweder vor oder hinter den Musikern im Takt der Musik abgespielt wurden, sodass mehrere Vorhänge eine Abgrenzung zum Publikum schufen.

Ein Wechselbad aus Post-Rock-, Shoegaze-, Ambient- sowie Dream Pop-Elementen vervollständigte ihren einzigartigen Stil. Die Länge des Konzerts wurde durch eine einschließende Pause nochmals auf die perfekte Auswahl herunter gebrochen, weshalb es absolut legitim war, dass das Trio inklusive Orchester auf einen Support-Act verzichtete. Der Abend bot die Möglichkeit sich sowohl musikalisch als auch künstlerisch mit den Werken von Sigur Rós auseinanderzusetzen und war es mehr als wert ihre Performance live mitzuerleben, sodass kein Liebhaber enttäuscht wurde.

Links

Facebook

Homepage

Denise Schmid

About author

Denise Schmid