Interview: Amber Run

Musiker gibt es viele und alle schwärmen sie von Authentizität. Warum Echtheit und emotionale Aufrichtigkeit aber tatsächlich so bedeutsam sind, erklären uns Amber Run.

Wenn das Leben dir Zitronen schenkt, mach Limonade draus. Oder – ungleich besser –  ein Album. 2016 meinte es nicht übertrieben gut mit Amber Run. Erst verließ ihr Schlagzeuger die Band, dann verloren sie ihr Label. Die Zukunft der Pop-Rock-Band aus Nottingham stand auf der Kippe.

Aufgeben wäre jedoch zu einfach gewesen. Das Quartett ist wieder im Spiel, hat ein neues Album veröffentlicht und bereits eine größtenteils ausverkaufte Tour hinter sich. Sänger Joe Keogh nahm sich die Zeit, um mit uns über das neue Album und die momentane Situation von Amber Run zu sprechen. Dabei erklärte er auch, was diese Band auszeichnet: ihre bedingungslose Bereitschaft zur emotionalen Nacktheit.

Euer neues Album For A Moment, I Was Lost wurde unglaublich gut aufgenommen. Wie fühlt sich das an?

Wir freuen uns wirklich sehr. Es überhaupt draußen in der Welt zu haben fühlt sich schon wie ein Triumph an. Dass Leute uns sagen, wie sehr sie es lieben ist natürlich großartig. Diese Platte zu schreiben war eine Herausforderung und wir haben einige unserer Fans herausgefordert, mit der Musik sowie mit uns zu reifen und zu wachsen, was sich immer gefährlich anfühlt. Wie hätten ja auch einfach ganz offensichtliches Zeug veröffentlichen können. Es ist aufregend, dass wir was wir tun entwickelt und viel besser gemacht haben. Das ist also sehr befreiend.

Die Reaktion eurer Fans ist die eine Sache, aber was zeichnet für dich einen guten Amber Run Song aus? Anders ausgedrückt, worauf achtet ihr am meisten, wenn ihr Musik schreibt?

Es muss um etwas gehen. Ich denke, dass ist eine der Sachen, die unsere Band wirklich gut kann: Wir legen uns gern offen dar; die Probleme, die wir haben anstatt einfach fade, bedeutungslose Musik zu machen. Ein Amber Run Song muss eine Art emotionale Geltung haben.

‘Emotionale Geltung’, ein schöner Ausdruck. Wo wir gerade über Emotionen reden: Konzentriert ihr euch beim Schreiben von Songs hauptsächlich darauf, euch von Dingen freizumachen oder versucht ihr aktiv, bestimmte Gefühle in eurem Publikum hervorzurufen?

Nun, beides. Wir haben das Glück, in der Musik eine Auslage zu haben. Das ist also wichtig. Aber es ist auch wichtig zu versuchen, sich mit den Leuten zu befassen, die zu unseren Shows kommen. Wir sind ja auch Menschen. Wir fühlen die gleichen Dinge.

Wir mussten dieses Mal nicht darüber nachdenken, Gefühle in unseren Hörern auszulösen. [For A Moment, I Was Lost] ist ein wirklich retrospektives, persönliches Album. Je persönlicher du manchmal wirst und je mehr du dich entblößt, desto besser verstehen dich die Menschen, weil jeder diese Gefühle hat. Wenn du also oft über deine eigene Blickweise sprichst, dann spiegelt das wider wie sich alle anderen fühlen. Sie selbst wollen es nur einfach nicht aussprechen oder hatten noch keine Möglichkeit darüber nachzudenken, wie sie es am besten sagen können. Du sagst es dann quasi für sie.

Wie du schon gesagt hast ist die neue Platte sehr persönlich. Eure Musik ist ja überhaupt sehr persönlich. Macht ihr euch manchmal Sorgen, dass ihr zu viel von euch preisgebt?

Ein bisschen. Du willst Leute nicht zu nah an dich heranlassen. Aber ich denke, dass es wichtig ist, sich selbst ein bisschen hinzugeben, weil deine Musik sonst sämtliche Persönlichkeit verliert. Was Bands oder Musiker voneinander unterscheidet ist, wie viel sie bereit sind von sich preiszugeben. Das macht es manchmal schwierig, aber eben auch glänzender. Je mehr du dich selbst hingibst, desto mehr bekommst du zurück.

Ich finde das ziemlich mutig von euch. Im Prinzip erzählt ihr ja Fremden von euren Gefühlen.

Oh, das weiß ich zu schätzen. Du hast schon recht: Es ist seltsam. Gleichzeitig denke ich aber nicht, dass irgendjemand von uns wirklich darüber nachdenkt. Ich denke nicht wirklich darüber nach. Aus der Kunst-Perspektive betrachtet ist es sehr wichtig, dass du darüber sprichst, was du fühlst.

Popmusik ist voll von so vielen Künstlern, aber die sind buchstäblich alle gleich. Es ist nichtssagend. Die besten Musiker, all die Musiker und Künstler die wir lieben haben emotional irgendwas durchgemacht. Du kannst jemanden nur von einer Emotion überzeugen, wenn du diese Emotion auch selbst gefühlt hast. Es ist wichtig, sich selbst in die Musik zu stecken. Ansonsten wird es nur genauso wie alles andere da draußen.

Das letzte Jahr war ja ziemlich hart für euch. Eurer Label hat euch fallen gelassen, euer Schlagzeuger Felix verließ die Band. Was hat euch den Antrieb gegeben, trotzdem weiterzumachen?

Wir haben alle unterschiedliche Gründe. Ich denke, wir haben realisiert, dass wir noch viel mehr zu geben haben. Uns wurde eine echte Chance geschenkt. Leute hören unsere Musik und kommen zu unseren Shows. Wenn du in der Industrieblase gefangen bist, dann vergisst du, dass das was du tust eigentlich Spaß macht. Was geschah als Felix ging und die ganze Sache mit dem Label passierte, war: Wir kamen zusammen und haben absolut keinen Druck aufgebaut. Einfach eine gute Zeit haben und uns über das zukünftige Album freuen, anstatt sich über die Dinge zu sorgen, die passiert sind.

Die Leute, die uns inspirieren und die Bands, bei denen wir danach streben neben ihnen erwähnt zu werden – für die war das auch nicht immer einfach. Du beginnst zu realiseren, dass wenn du etwas wirklich, wirklich willst, du dafür arbeiten musst. Du musst dich dahinter klemmen und Arbeit erledigen. Und das haben wir getan.

All diese Schwierigkeiten müssen euch offensichtlich beeinflusst haben. Gab es auch etwas positives, das ihr mitnehmen konntet?

Ja, auf jeden Fall! Du wirst nicht besser, wenn Dinge für immer gut gehen. Textlich wirst du weiterhin über die gleichen, langweiligen Dinge schreiben. Emotional wirst du nicht wachsen. Wenn schlechte Dinge passieren lernst du außerdem viel über dich selbst und die Dinge, die du zum Weitermachen brauchst und nicht brauchst.

Mittlerweile bin ich echt dankbar für die letzten 14 Monate. Es war echt hart, aber jetzt sind wir wieder da, touren und haben ein Album veröffentlicht. Ich kann gar nicht beschreiben wie aufregend das ist: von dem Punkt, an dem wir waren dahin zu kommen, wo wir jetzt sind – und wie ich mich damit fühle. Es ist nicht nur die Musik, sondern das Leben generell. Ich bin unglaublich dankbar. Viele Dinge wurden gelernt, aber das Durchschlagendste ist: Manchmal musst du weiterarbeiten und manchmal kommen gute Dinge von schlechten Dingen. Es ist so wichtig, weiterzumachen und das zu genießen, was du tust.

Ihr habt Amber Run gegründet, als ihr so um die 18, 19 Jahre alt wart. Wenn du jetzt zurückschaust, mit den ganzen Erfahrungen, die du gesammelt hast, welchen Ratschlag würdest du deinem 18-jährigen Ich geben?

Genieß es. Nicht jeder muss dich mögen. Es ist wichtiger, dass du dich selbst magst und die Dinge, die du tust anstatt ständig zu versuchen, Leuten zu gefallen.

Guter Ratschlag. Nachdem wir über so viele negative Dinge geredet haben, sprechen wir jetzt mal was Nettes an: Was bedeutet Erfolg für dich?

Es wäre natürlich wundervoll kommerziell erfolgreich zu sein. Es wäre wundervoll von deinen Kollegen gefeiert zu werden und Preise zu gewinnen. Es ist toll, geschätzt zu werden.

Aber, wie ich schon gesagt habe, wir lieben was wir jetzt tun. Ich habe verstanden, dass die Möglichkeit Musik zu veröffentlichen und auf Tour zu gehen schon Erfolge in sich selbst sind. Nicht viele Bands können ein zweites Album veröffentlichen. Nicht viele Bands können mit ihrem zweiten Album eine größere Tour spielen, als mit ihrem ersten. Ich denke, darin liegt Erfolg.

Leute verfangen sich darin, erfolgreich auszusehen, wenn sie es in Wirklichkeit gar nicht sind. Das ist auch irgendwie mit dieser Band passiert: Von Anfang an wurden wir dauernd als unterschätzt bezeichnet. Auf Twitter werden wir zehnmal am Tag unterschätzt genannt. Das ging mir auf die Nerven. Jetzt trage ich es wie ein Ehrenabzeichen, weil es bedeutet, dass wir geschätzt werden. (lacht)

Irgendwer irgendwo schätzt uns. Das bedeutet vielleicht nicht, dass wir so viele Alben verkaufen wie andere Acts, aber es is ein Fakt, dass wir Menschen haben, die uns wirklich lieben anstatt uns nur zu mögen. Ich denke, das ist ein wahrer Erfolg.

Letzte Frage: Was erhofft ihr euch von der Zukunft?

Wir wollen so viele Alben wie möglich veröffentlichen und um die Welt touren. Es ist wirklich, ehrlich vorgesehen, dass wir nach Deutschland kommen und dort intensiv touren. [Wir wollen euch] zeigen, worum es bei unseren Live-Shows geht, denn wir sind eine Live-Band. Wir sind im Vereinigten Königreich geblieben, weil wir kein Geld hatten, aber jetzt strecken wir uns aus und denken über Wege nach, durch unsere Musik die Welt zu sehen. Das sind die angestrebten Ziele, die wir jetzt mit dieser Band haben.

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Foto: Daniel Harris

Ariane Seidl

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Ariane Seidl

Irgendwer zwischen Milhouse und Zoidberg. Körperklaus aus Leidenschaft, Hai-Fangirl aus Überzeugung.

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