The Radio Dept. – 02.02.2017 – Köln, Gebäude 9

Große Erwartungen türmten sich Anfang Oktober, als nach einer sechsjährigen Pause unter einem schleichenden Prozess plötzlich die Rückkehr der schwedischen Indie Band The Radio Dept. verkündet wurde. Ein Befreiungsschlag und Überraschungseffekt, der die bescheidene Fangemeinschaft sicher mehr als euphorisch stimmte. Das Resultat der lange Zeit stillgelegten Radiostation äußerte sich sogleich mit einem neuen Album, das durchaus elektronischer und dynamischer als ihre Vorgänger ausfiel und sich mit sozio-politischen Problemen in ihrer skandinavischen Heimat auseinandersetzt. Trotz alledem blieb der sentimentale Charakter mit Running Out of Love erhalten und hielt natürlich einige Balladen bereit, die live für einen emotionalen Wohlfühleffekt der besonderen Art sorgten. Letzten Monat fand sich die Viererformation im Rahmen ihrer Europatour im Kölner Gebäude 9 ein, um eine kleine Zeitreise durch ihre altbewährte Diskographie zu unternehmen und ihre Neuveröffentlichungen zu präsentieren. Auch wir waren für euch vor Ort, um die Atmosphäre, die jüngst im Soundtrack von Sofia Coppolas Filmen eingefangen wurde, nachzuempfinden.

Support erhielten die schüchternen Schweden an diesem Abend vom Duo GERMANS aus Brooklyn, das für ein Revival an stimmungsgeladener 70’s Sounds zuständig war: Eingängig positiv geladene Nu Disco-Songs, die doch eigentlich eher von den melancholischeren Themen handelten, trafen auf Break Up-Hymnen mit einer Prise Dream Gaze und wurden gekonnt im Lichtkegel inszeniert. Frontsängerin Julia Kwamya konnte bereits subtil mit ihrer Bühnenpräsenz und ihrer afroamerikanischen Herkunft verzücken, während eindringliche Synthies durch den Raum schwelgten und sich mit dem Auftritt der Hauptband im Anschluss eher Richtung 90er zu bewegen schienen. Ein epochaler Verlauf auf der musikalischen Zeitleiste machte sozusagen im Bereich der 70er bis 90er Halt und bescherte ein abwechslungsreiches Programm.

Als die Discoszenerie nach dem Auftritt der jungen New Yorkerin beendet war, folgte ein Aufgebot, das den Übergang der 90er in die Nullerjahre ermöglichte. The Radio Dept. erwiesen sich bereits mit ihrem Debüt Lesser Matters (2003) als verträumte Variante dem Lofi-Indie Pop zu frönen und erlangten nicht zuletzt durch wunderbare visuelle Untermalung diverser Independent-Streifen unter der Regie von Sofia Coppola an Bekanntheit. Ruhige Akkorde vereinten sich abermals mit der sanften Gesangsstimme von Johan Duncanson, dessen Bandbegründung auf ein Schulprojekt von 1995 rückdatiert werden kann und bis heute eine Diskographie aus fünf Alben besitzt. Gitarre, Keyboard und Bass bilden das Grundinstrumentarium der unaufdringlichen Songs. Ein reger Wechsel der Musiker führte dazu, dass die Besetzung sich bis dato ständig neu formierte und Martin Carlberg neben seinem Frontmann als beständigster Begleiter auf Konzert-Touren präsent war.

Wortlos betraten The Radio Dept. die Bühne, als es im Gebäude 9 plötzlich dunkel wurde und die blauen Spotlights die Silhouetten ihrer Mitglieder erfassten. Den Einstieg ihrer Setliste lieferte natürlich ein Song ihres aktuellen Albums Running Out of Love. Gewohnt ruhig und stilistisch leitete das Intro ,,Sloboda Narodu” als antifaschistische Parole serbisch-kroatischer Herkunft den Abend ein, um sich gegen den Rassismus und für ,,freedom to the people” auszusprechen. Anders als die Themenschwerpunkte ihrer Vorgängeralben, fiel ihre letzte Veröffentlichung durchaus sozialkritischer aus und beschäftigte sich mit zeitgenössischen Problemen. Es folgten ,,Commited To The Cause” sowie ,,We Got Game” mit seinen schnelleren, tanzbaren Takten bis die Liste durch bekanntere, nostalgische Songs komplettiert wurde.

Die Auswahl changierte zwischen den Gute Laune-Oden ,,Never Follow Suit” und ,,Heaven’s On Fire” des 2010 veröffentlichten Clinging to a Scheme, ihrer Compilation Passive Aggressive und ihres Debüts Lesser Matters. Das Publikum drängte sich in den ersten Reihen und ein Großteil der Fans konnte durchaus zu den Ü30 gezählt werden, die die Bandgeschichte schon längere Zeit verfolgten. Ein konstanter Farbwechsel der Beleuchtung führte zu einer sehr einnehmenden Atmosphäre. Viele genossen die Musik auch mit geschlossenen Augen und ließen sich von der angenehmen Stimme, der verhallten, noisy Gitarre und zurückgenommenen Drums mitreißen, die sich live kaum von ihren Studioaufnahmen unterschieden. Die Interaktion mit dem Publikum fiel bescheiden aus, dennoch war besonders im Gesicht des Keyboarders erkennbar, dass er mit Herz bei der Sache war und diese Stimmung übertrug sich gleichermaßen auf ihre Zuhörer. Von Überheblichkeit war keine Spur und tatsächlich stand die Musik selbst mehr im Vordergrund als jegliche Selbstinszenierung.

Der Abend verging für manchen Besucher viel zu schnell, der gedanklich bis ins Äußerste abgedriftet war, hier und da kullerten ein Paar Tränen und sentimentale Blicke trafen sehnsüchtig die Bühne, während einem Bruchteil die Takte der Musik die müde gewordenen Beine aufzuwecken schienen. Das eine Zugabe nicht vorenthalten bleiben sollte, war abzusehen. Die Hälfte der Bandbesetzung verschwand hinter Bühne, als ,,1995” lediglich von Johan Duncanson und Martin Carlberg im Duo angestimmt wurde. In der ersten Reihe wurde allerdings die Zugabe schon gespoilert, als Fans sich nach dem letzten offiziellen Track die Setlisten subtil in ihre Taschen steckten. Wer Pet Grief als Album favorisierte, musste leider bei der Auswahl etwas enttäuscht zurück gelassen werden, trotz alledem bewiesen die Schweden aus Lund, dass sie auch mit ihrer Live Performance zum Erzeugen intensiver Gefühle in der Lage waren und sich die Zunahme elektronischer Einflüsse nicht weiter negativ auswirkte.

 

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Denise Schmid

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