ONWE – David Welles

Social Media ist heutzutage nicht mehr wegzudenken. Auf der Suche nach Informationen, zur Kommunikation und zu Unterhaltungszwecken durchforsten wir den Dschungel der Internetseiten, bis wir fündig werden und saugen ihren Input in uns auf. Jedes Profil beruht auf einer  inszenierten Persönlichkeit, der ein gewisses Maß an Selbstdarstellung innewohnt. Orientiere ich mich an bestimmten Subkulturen? Verschleiere ich meine Identität oder täusche ich vor eine exzentrische Persönlichkeit zu sein, für die ich im echten Leben zu schüchtern bin? Die Auswahl an Möglichkeiten zur Selbstinszenierung ist schier grenzenlos.

David Welles, ein Ex-Model und Performance-Künstler aus Brooklyn, tauchte 2014 in den Weiten der sozialen Netzwerke mit einem Facebook-Account im Geschehen auf, um eigennützige Promotion zu betreiben und versendete ganz willkürlich Freundschaftsanfragen an deren Nutzer. Auf seinem Profilbild trug er eine schwarze Maske und wahrte sich somit Anonymität. Das Objekt im Fokus (die Maske), sollte eine Anspielung auf den amerikanischen Narzissmus sein, der zu einer stereotypischen Gesichtslosigkeit führt. Eine frei formbare Persönlichkeit, die aus dem Einfluss der Medien geschaffen wird oder gar eine Kritik an kapitalistischer Selbstvermarktung, die uns jegliche Individualität raubt.

Das Kollektiv ONWE alias Bushwick Cyberpunx vervollständigt die Besetzung mit Lydia Gammill (Total Slacker) , Jason Gates (The Veda Rays) und Jordan Stern (Heavenly Beat). ONWE, phonetisch vom französischen ,,ennuie” abgeleitet, ist jedoch mit Sicherheit kein musikalisches Projekt, das vor Langeweile strotzt. Es bedient sich Ideen und Innovationen aus der digitalen Welt, während Iggy Pop und Jonathan Richman hier nur ganz subtil als Einflüsse  der Rockmusik angeschnitten werden.

David Welles. Photo: Madison Carroll.

Die gesellschaftskritischen und mit Satire versehenen Zeilen, die David Welles in seinem selbstbetitelten Debütalbum aufgreift, dienen zur Polarisierung. Essentiell sind hierbei Themen wie die zerbröckelnde Musikindustrie, die zunehmend mit der Vermarktung der DIY-Ethik konfrontiert wird, sozio-ökonomische Ungleichheiten, Genderrollen, sowie die im stetigen Wechsel stehende Musiklandschaft. Gleichermaßen Buzzfeed und Online-Petitionen, die uns in redundanter Taktung mit Informationen überhäufen und uns ihre Newsletter täglich in den Emailverteiler schmettern. Mit der Bezeichnung der Bushwick Cyberpunx erschien das Trio vor einigen Jahren auf der Bildfläche und versuchte fast provokant die überschwengliche Selbstinzensierung aus dem Netz auf das reale Leben zu übertragen.

Wie der Sound nun klingt? Er bedient sich allen zeitgenössischen Einflüssen: No Wave, Krautrock, Garage, 70’s, Grunge und besonders High-Energy Punk mit Gitarrenhooks, die sich mit verspielt-humorvollen Vocals und unkonventioneller Narrative in unseren Gehörgang schmiegen. Am 9.12.16 erschien der erste physische Longplayer David Welles unter Seayou Records, welcher mit seinen 10 Tracks die gezielte Abstumpfung durch Medien zur Protestform der Gegenwart erhebt.

In seinem Video zu ,,Unpaid Internship” verfolgt er die Inszenierung von GRIMES und zollt ihrer Zurschaustellung des maskulinen Mainstreams einen Tribut. Spätestens, nachdem man David Welles in quirligen Posen mit tragbarer Jukebox durch die Straßen und Stores Bushwicks stolzieren sieht, schließt man ihn gleich ins Herz, obgleich er sich im Kontrast in einer mit blauem Dunst gezeichneten Opiumhöhle befindet und apathisch in die Kamera blickt.

Das Album ist weiterhin mit sozialkritischen Ansätzen zum Kapitalismus und ironischen Vorstellungen monogamer Beziehungen gespickt, die in einem Zeitalter der Dating-Apps und verhüllten Profile niemals ersetzbarer schienen. “jk bb” sticht als eine der ersten Veröffentlichungen hervor. Das dazugehörige Musikvideo führt durch eine Vaporwave- Landschaft, die uns die Abhängigkeit von Medien vor Augen führt, wie schnell durch bunt gefilterte iPhone und App-Reklame, aufploppende Chatfenster und digitale Animationen der 90er im Windowsstil bewusst wird. ,,Nothing can change let’s sit on the couch, smoke weed and die.” Eine Dramaturgie in einem eintönigen Chatbrowser, der unsere sozialen Fähigkeiten im echten Leben lahm legt.

Phrasen wie ,,Reblog us on Tumblr” oder ,,Follow us on instagram” (,,Forgot the Little Things”) ziehen sich mit Eigenvermarktung durch das komplette Album. Wie könnte man besser auf Internetplattformen verweisen, als sie in Songs einzubetten?

,,Monogamy 101” belächelt die überholten Beziehungs-Ideologien mit Lyrics wie ,,No one loves you quite like me/ Baby you’re mine and no one else is till the end of time/ To never touch another p***s in your hole life.” Trotz alledem ist dem Hörer natürlich selbst überlassen, wie ernst er die Aussagen der Songs nun tatsächlich nimmt. Der Leadtrack ,,In the city” spielt erneut diskret auf den Einfluss der Werbekampagnen-Ära an, die hier in ästhetischen Pastellhintergründe und schwarz gekleidete Darsteller gehüllt wird. Charaktere, die mit Coolness und Gelassenheit geladen letztendlich nur vor einer Leinwand posen, die das Setting als Studio enttarnt. Social Media versus Real Life.

Auf das Endkapitel des Albums zielend,  ertönt ,,Repetitive Depression” in einem dreiminütigen durchgängigen E-Gitarreninstrumental, das verglichen mit dem Titel viel zu leichtfüßig klingt. ,,Pure Gold” hingegen fungiert als Ode an die Selbstliebe ,,I’m addicted to myself”, während progressive Gitarrenhooks und Solos robotesk im Chorus gepitcht werden. Auch der letzte Track des Albums leitet uns wieder zu einem sehr zeitgenössischen Problem: ,,FOMO (Fear of missing out)”, der allgegenwärtigen Angst etwas zu verpassen, die sich in unserer Generation besonders mit dem Aufkreuzen auf jeder Party, dem Wahrnehmen jedes lapidaren Events äußert und letztendlich den gehetzten Zeitgeist reflektiert.

Auf der Suche nach dem Gott des Kapitalismus, der sich selbst einen sehr künstlerischen Status einräumt, ist die Begegnung mit David Welles definitiv eine tiefere Recherche wert. Sei es zunächst durch den eingängigen musikalischen Stil, der von verspielten Gitarren und Drums hervorgerufen wird oder bei näherer Betrachtung durch deren Lyrics und Aussagen, die sich hinter den Songs offenbaren. Jeder, der sich unserer Generation angehörig fühlt, wird auf seine Kosten kommen und mit einem Augenzwinkern auf die mediale Welt, ihre kapitalistischen Tücken, narzisstische Selbstinszenierung und die personalisierte Ideologie der Werbung blicken.  So versteht sich Welles selbst nicht nur als Musiker, sondern ebenso als Künstler, der uns melodische Botschaften ins Ohr flüstert.

Ob diese Werbepropaganda auf dich zugeschnitten ist, erfährst du, wenn du den Feed abonnierst! Weiterhin lohnt es sich, den unten aufgeführten Links zu folgen. Wärmstens empfohlen von ahoimag.de.

Links

Facebook

Bandcamp

Soundcloud

Photo credits: Madison Carroll. All rights reserved.

Denise Schmid

About author

Denise Schmid