The XX – I See You

Vor etwas mehr als sieben Jahren haben The XX mit ihrem Debütalbum XX das erste Mal so wirklich auf sich aufmerksam gemacht. Mit ihrem Erstlingswerk gelang den drei Musikern ein Geniestreich wie er im Buche steht und fast schon an ein Märchen erinnert. Für viele Fans gilt das „Intro“ bis heute als beste Albumeröffnung aller Zeiten, auch das mediale Interesse an diesem Titel reißt bis heute nicht ab. So findet sich das „Intro“ in diversen Dokumentationen und auch in etlichen Spielfilmen wieder.

Mit dem Debütalbum begann eine atemberaubende Entwicklung – von der unbekannten Indieband aus London zur weltweit anerkannten und zelebrierten Sensation, welche die besten Slots auf den größten Festivals besetzt. Mit der Veröffentlichung von Coexist im Jahr 2012 sollte diese Entwicklung weiter vorangetrieben werden, und das vollkommen ohne Identitätskrise innerhalb der musikalischen Entfaltung, die aus dem rasant wachsenden Bekanntheitsgrad hätte resultieren können. The XX blieben auch mit ihrer zweiten Platte ihrer eigenen Linie summa summarum treu, sowohl Fangemeinde als auch Fachpresse zeigten sich begeistert.

Im Anschluss daran folgte erstmal längere Funkstille, bis Jamie Smith aka Jamie XX sein Solo-Debüt In Colour veröffentlichte. Darauf zeigte sich der Brite elektronischer als auf der vorhergegangenen Alben der Band, doch das schadete dem Erfolg der Platte keineswegs. Im Gegenteil, durch die musikalische Diversifizierung und die Nutzung altbekannter Einflüsse schuf Jamie ein bis dahin unbekanntes und somit sehr erfrischendes Klangbild.

Auf die beiden Erfolgswerke XX und Coexist folgt nun das dritte Album der Band: I See You. Nach mehr als vier Jahren Wartezeit beweisen sich The XX erneut als geniale Musiker, doch hat sich seit Coexist auch einiges getan.

Eröffnet wird I See You mit dem Titel „Dangerous“, der schon zu Beginn eine etwas andere Linie vorgibt, als es bei den beiden bisherigen Werken der Fall war. Denn anders als das „Intro“ (XX) und „Angels“ (Coexist) beginnt die Platte nicht mit einem herzzerreißenden, sphärisch geladenen und emotional mitreißenden Titel. Mit „Dangerous“ setzen The XX andere Akzente als gewohnt, im elektronisch beeinflussten Titel geht die Band gleich zu Beginn aufs Ganze und präsentiert auf musikalischer Ebene ein sehr solides, fast schon aufdringlich wirkendes Beatgerüst, welches durch bereits bekannte Klangkonstrukte ergänzt wird.

Diese Entwicklung zeigt sich nicht nur im Intro, sondern über weite Strecken des Albums hinweg. Viele Titel bauen auf einer massiven Basis auf, die sich unter anderem auch auf den bekannten und soliden Bassläufen zusammensetzt. Hinzu kommen häufiger elektronischere Anteile, die wohl Jamie Smith zuzuschreiben sind, dessen Einfluss als Beatmaker/Solokünstler auf I See You stärker hörbar ist als je zuvor.

Dennoch funktioniert die Musik der Band auf I See You auch ohne elektronisch überladenes Grundgerüst. „A Violent Noise“ beispielsweise reduziert sich annähernd auf die Basics, die den Klang der Band bis dato ausgemacht haben und wirft zugleich nochmal den Genrebereich Tropical in den Raum.

Wohl eines der markantesten Merkmale der Band ist und bleibt nach wie vor die Stimme von Romy Madley Croft, die vor allem im Titel „Performance“ perfekt zur Geltung kommt – der nebenbei wohl einer der bisher emotionalsten Songs der Band ist. Ein leichtes Crescendo zu Beginn endet in einer eisigen Stille, die einzig und alleine vor Romy’s gefühlvoller Stimme durchbrochen wird – Gänsehaut vorprogrammiert (ein ähnlicher Bruch findet sich im Titel „Test Me“). Begleitet wird Romy anschließend vom nahezu allzeit präsenten, markerschütternd Bass sowie von akzentuierten Gitarrenklängen.

Grob betrachtet lassen sich die verschiedenen Songs des Albums in zwei Kategorien unterteilen. Dabei stehen die stark beatlastigen Titel den ruhigen und emotionalen Songs gegenüber, die das musikalische Klangbild der Band bisher dominierten.

I See You kann zusammenfassend ganz klar als musikalische Weiterentwicklung betrachtet werden. Bekannte Elemente werden mit elektronischeren Einflüssen a la Jamie XX vermischt und stellen im Resultat ein sehr interessantes und vielseitiges Album dar. Auf der Strecke bleibt dabei jedoch etwas von der geradlinigen Faszination, die den beiden Vorgänger-Alben innewohnte. Kaum jemand wird, anders als bei XX und Coexist, die Platte von Anfang bis Ende durchhören und mit einer permanenten Gänsehaut auf Wolke sieben schweben.
Andererseits sollten Entwicklungen nicht immer von vorneherein als negativ betrachtet werden, nicht alles was neu und anders ist, ist auch schlecht.

I See You ist definitiv ein Weltklasse-Album, welches vor allem partiell extrem fasziniert. An das Gesamtbild seiner beiden Vorgänger reicht es jedoch nicht ganz heran.

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Lars Junker

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Lars Junker

Gründer hier. Indie-Kram, gerne auch mal leise, manchmal laut. Vinyl und Kaffee.

2 Comments

  1. Jonas sagt:

    Das Review spricht genau das aus, was ich nicht beschreiben konnte.
    Bein ersten hören war ich enttäuscht. Weil ich eine “fortsetzung” der vorherigen alben erwartet habe.
    Beim zweiten hören habe ich diese nicht mehr erwartet und mich drauf eingelassen und wurde dann doch von mehr überrascht als gedacht. Es ist anders, aber “I See You” kann was.

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