Bonobo – Migration

Lange war das Projekt Bonobo um Headmaster Simon Green eines der bestgehütesten Geheimnisse, das sich um Trip Hop, Downtempo, Ambient, eine Vielfalt elektronischer Impulse und Perkussion windete. Nach Veröffentlichung der jüngsten Werke Animal Magic (2000), über Dial ‘M’ for Monkey (2003) bis hin zu Days To Come (2006) ließ sich nur eine Quintessenz des Erfolgs erahnen, der dem bescheidenen Musiker über die 2000er-Wende zu Teil werden sollte. Unter stetiger Entwicklung über jazzlastige, sphärisch-orientalische Symphonien zu melancholischen Downtempo-Elementen, erwuchs aus ihm eine international angesehene Größe an der Spitze der elektronischen Musikszene, die aktuell fernab von jeglicher Konkurrenz etabliert ist. Ihre herausragende Liveperformance, die elektronische und orchestrale Instrumentalisierung miteinander verschmelzen lässt und durch sanfte-feminine Vocals von Andreya Triana, Szejederne oder Erykah Badu in ihrer Formvollendung realisiert, sind nur ein Bruchteil der Faktoren, die für die Aneinanderreihung ausverkaufter Touren quer über den Globus ausschlaggebend waren. Mit Black Sands (2010) und The North Borders (2013) wurde jede Erwartung stetig übertroffen und es kristallisierten sich authentische Stilcharakteristika heraus, die eine Auflistung musikalischer Referenzen zunehmend erschweren.

Wer sich dem Kapitel Bonobo widmet, taucht in eine Atmosphäre ein, die an unentdeckte Orte führt, menschliche Existenz und Naturgegebenheiten in ihrem Kern sucht. Sie vereint die Einflüsse verschiedenster ethnischer Kulturen mit einem opulentem Orchester und brachialen Ausbrüchen, die durch westliche Digitalisierung in Form elektronischer Elemente aufgebrochen wird und fasst somit eine epochale Weiterentwicklung audiovisuell zusammen, die mit einem hohen Widererkennungswert versehen ist. Die dabei freigesetzten Emotionen beschränken sich hierbei nicht nur lediglich auf einen Moment, sondern variieren zwischen Melancholie, Manie, Euphorie und der Vorstellung zeitloser Schönheit. Jene Höhen und Tiefen bezeichnet Simon Green selbst als Abbild des Lebens in ihrer Vergänglichkeit.

Nach einer vierjährigen Wartezeit kehrt Bonobo nun mit seinem sechsten Studioalbum Migration zurück, das am 13.01.2017 unter Ninja Tune erschien und präsentiert gleichzeitig seinen vielleicht ehrgeizigsten Versuch, die grundlegende Beschaffenheit menschlicher Existenz und deren ausgedehnter Dynamik zu erfassen. Es widmet sich dem Verständnis von Identität, das sich während einer Auseinandersetzung mit dem Thema Migration manifestierte. Bezeichnet Heimat den Ort, an dem man sich gerade befindet oder jenen, wo man herkommt, wenn man gerade unterwegs ist? Technisch ausgefeilt, bedient sich Simon Green unterschiedlichster regionaler musikalischer Einflüsse, um diese subjektive Thematik im Ansatz greifbar zu machen. Als Lead Track und gleichzeitig erste Single-Auskopplung, die 2014 im Tourbus in den Staaten zustande kam, fungiert ,,Kerala”. Ein Song, der voller Arpeggios und überraschender Wendungen voranschreitet, Streichersätze und Dancefloor-Rhythmen ineinander verwebt, sich langsam aufbaut und mit einem Sample der RnB-Sängerin Brandy den Chorus ausbricht, um an Textur zu gewinnen, die sich in Euphorie entlädt. Im hektisch inszenierten Videoclip, der von Regisseur Bison produziert wurde, der bereits mit Jon Hopkins und London Grammar zusammenarbeitete, bewegt sich Bond-Darstellerin Gemma Arterton durch eine mysteriöse, seltsam verzerrte Welt, deren Bewegungen mit den Tempi des Tracks synchronisiert wurden.

Neben dem verträumt-romantischen Feature ,,Break Apart” mit Frontsänger Michael Milosh der Band Rhye und seiner Disko-Hommage ,,No Reason” , die sich in Zusammenarbeit mit dem Australier Nick Murphy aka Chet Faker im Album äußert, waren Field Recordings essentiell für die Entstehung einiger Tracks: So schlichen sich Außenaufnahmen eines Fahrstuhls in Hong Kong, Regen in Seattle, ein Wäschetrockner in Atlanta und sogar ein Sumpfboot-Motor aus New Orleans in die Produktion ein. Im schimmernden ,,Surface” kommt die wunderbar unaufdringliche Stimme von Nicole Miglis der Band Hundred Waters zum Tragen, die mit etwas Pop-Potenzial zwischen elektronischen Tonspuren dahinschwebt. Mit ,,Bambro Koyo Ganda” folgt der geladenste Track des Albums, der unter housigen Beats, gekoppelt mit Gesang der marokkanischen Band Innov Gnawa und ihren rauen Vocals ausbricht, um unweigerlich zum Tanzen zu animieren und in ruhiger instrumentaler Manier auszuklingen. Ähnlich wie ,,Battle of Middle You” von Julio Bashmore, welcher sich unter steigerndem Aufbau mit afrikanischen Call-and-Response-Passagen in seiner Ganzheit entfaltete. Der Einfluss der elektronischen DJ-Sets Bonobos sollte nicht vorenthalten werden, weshalb auf der Neuveröffentlichung einige Tracks wie ,,Outlier” oder ,,Ontario” eingefügt wurden, die an seine beliebten Output-DJ Residencies in New York erinnern und sich durch Drum Pad-Elemente und rhythmische Basslines bemerkbar machen.

Besonders sphärisch tritt ,,Grains” in Erscheinung, der durch low-gepitchte Vocals im Slow-Motion-Tempo anklingt und mit Hilfe von Perkussion und orchestralen Streichern einen beinahe narrativen Effekt erzielt, der eine Geschichte erzählt. Den krönenden Abschluss liefert der Track ,,Figures”, der sowohl melancholisch, als auch sehnsüchtig werden lässt. Eine Symbiose aus seicht-verhalltem weiblichem Gesangspart, treibenden samples, Perkussion und Glockenspiel, die sich in Chillout/Ambient Tunes verläuft.

Wie immer schaffte es Simon Green ein Konzeptalbum zu produzieren, das alle Facetten der Gefühlswelt aufgreift, narrative Strukturen enthält, die unmittelbar mit instrumentalen Streichern in Verbindung gebracht werden können. Zusätzlich behält das Album einige Gastauftritte bereit, die sowohl Pop-, Soul- als auch Disco miteinander verbinden, sodass eine breite Genrevielfalt entsteht. Migration bezieht sich nicht nur auf interkulturelle Zusammenarbeit, sondern versucht gleichermaßen den Sound bestimmter Kontinente in einem Augenblick einzufangen. Den Hörer erwartet eine kleine Reise an unbekannte Orte, um sich für einen Moment der Realität zu entziehen und in sphärischen Texturen zu verlieren, während die Frage nach individueller Herkunft in unterschiedlichen Songs widerhallt.

Im Februar wird Bonobo für vier komplett ausverkaufte Shows in Deutschland unterwegs sein. Wer besonders viel Glück hatte und sich bereits in der ersten Woche nach Bekanntgabe ihrer Tourdaten direkt ein Ticket gesichert hat, kann sich auf eine wunderbare Liveperformance gefasst machen, die durch ein 12-köpfiges Orchester Ergänzung findet.


Tourdaten

15.02.2017 – Docks, Hamburg
16.02.2017 – Columbiahalle, Berlin
17.02.2017 – Live Music Hall, Köln
18.02.2017 – Batschkapp, Frankfurt

Links

Homepage

Facebook

Soundcloud

Denise Schmid

About author

Denise Schmid

One Comment

Comments are closed.