Sea Moya & Still Parade – 30.11.2016 – Köln, Artheater

Der 30.11.2016 lud im Artheater zu einem musikalischen Aufeinandertreffen zweier deutscher Bands ein, die nicht nur eine Gemeinsamkeit teilten. Da war unter anderem ein Hang zu verträumten Harmonien mit sanften Gesangspassagen, die sich einem Hauch Psychedelic bedienten und die Vorliebe für rothaarige Schlagzeuger : Still Parade und Sea Moya gaben sich am besagten Abend gemeinsam die Ehre und bespielten das Kölner Terrain der bescheidenen, dennoch gemütlichen Konzertlocation. Wie versprochen, hatten sie neue Alben mit einer Prise Fernweh, exakt ein und demselben Drummer, sowie enorm gute Laune in petto.

Den Support übernahm an diesem Abend, das aus Köln und Mannheim zusammengesetzte Trio Sea Moya. Im August 2016 erschien unter Humming Records ihre Baltic States EP, die mit einem Hauch Küstenwind versehen war. Entstanden bei einem Roadtrip durch Litauen, Lettland und Estland, konservierte sie Erfahrungen, Erlebnisse und Bilder, sodass VW-Bus und die Idylle vorhandener Natur sich prompt in ein mobiles Tonstudio verwandelten und eine 6-Track EP hervorbrachten. In einem Wechselspiel aus Electronic, Psychedelic, Afro-Beat, sowie Rap galt es an diesem Abend das Publikum mit Vielfalt zu verzücken, was ihnen definitiv gelang. Neben den eingängigen elektronischen Tracks ,,Slow Down” und ,,Twins” ihrer Debüt EP, die sich durchaus verspielt im Umgang mit Hall und Loops demonstrierte und auch instrumental einige überraschende Features bereit hielt, animierte natürlich auch ihre aktuelle EP zum Tanzen.

Das Publikum war jedoch recht schüchtern und entschied sich nur zu gelegentlichem Kopfnicken, anstatt die komplette Tanzfläche zur uneingeschränkten Bewegungsfreiheit zu nutzen. Wer auf der Suche nach Psychedelic war und den Wunsch hatte, einfach nur die Augen zu schließen und sich weg zu träumen, wurde spätestens mit ,,Palmy Clouds” fündig und fühlte sich durch die verzerrten, rauschenden Gitarrensounds, die förmlich durch den Raum schwelgten, subtil an das Debüt Lonerism von Tame Impala erinnert. Die ruhige Gesangsstimme Elias Foersters ist nur eines der vielen nennenswerten Details. ,,Riga” unterstrich nochmals das durchaus lässige Auftreten der Band, bei dem Drummer David Schnitzler so angeregt mit seiner roten Haarpracht im Takt der Musik nickte und Bassist Iven Niklas Jansen mit ihm Jazz- und Souleinflüsse zum Besten gab, die durch elektronische Basslines vervollständigt wurden, die in groovigen Passagen ausliefen. In Vorbereitung auf Still Parade verweilte Schnitzler nach dem Auftritt von Sea Moya gleich in der selben Position, um auch den Soundcheck der nächsten Band zu übernehmen und deren Songs live zu unterstützen. Chapeau!

Kurz zur Vorgeschichte des Hauptacts: Im Jahr 2013 begann die Karriere des jungen Berliners Niklas Kramer, der sich damals noch unter dem Pseudonym Deep Sea Diver mit sanfter Stimme dem Dream Folk á la Bon Iver verpflichtet fühlte. Um seinen Hörern die Möglichkeit zu geben, sich lediglich auf ihre Ohren und ein persönliches Klangerlebnis zu konzentrieren, erschien er sehr lange als anonymer Musiker und verschleierte seine Identität. Entgegen jeder persönlichen Erwartung katapultierte der Track ,,Actors”, seiner ersten EP Fields ihn in die oberen Ränge der Hype Machine-Charts, ging auf diversen Blogs viral und etablierte ihn letztendlich im internationalen Line-Up des Showcase Festivals SXSW in Austin oder dem Great Escape in Brighton, an die sich eine komplette Europatour anschloss.

2014 sollte neben einer musikalischen Neuorientierung ein Geschenk seines Vaters sinngebend für die Veröffentlichung seiner aktuellen Platte Concrete Visions sein: Zurück zum Tonbandgerät! Nach einer erfolgreichen Studiozusammenarbeit mit Thomas Harmsens als Mitproduzent seiner ersten EP, hieß es nun Abschied nehmen und die Berliner Wohnung fusionierte zum Standort für autodidaktisches Homerecording, das die Geburtsstunde eines Dream Funk-Langspielers verkündete. Die durchaus verträumten Harmoniegesänge wurden nun durch Synthesizer, Drums und Bassläufe ersetzt.

Hochmotiviert und euphorisch betrat Frontsänger Kramer die Bühne und wippte munter, während er den ersten Song anspielte und sogleich eine verkitscht-romantische Stimmung aufkommen ließ. ,,Walk in the park” sollte vielleicht nur ein Indiz dafür sein, wie unbeschwert ein Spaziergang in den Sonnenuntergang in trauter Zweisamkeit sein könnte, wenn die Ausrufe ,,uhhhh” und ,,babababa..” in funkigen Gitarrenriffs ausklangen und sich sogleich der filmische Abspann vor dem inneren Auge anbahnte. Mit dem titelgebenden ,,Concrete Visions” verliefen sich musikalisch die Beach Boys mit ihren Pop-Zitaten in einer kosmisch-psychedelischen Atmosphäre am imaginären Sandstrand. Ohne die Fähigkeiten Still Parades anprangern zu wollen, fehlte ihnen, verglichen mit ihren Homerecordings, etwas analoger Charme, der ihre Stücke in einen nostalgischen Retrofilter eintauchen ließ. Das Resultat trat dann akustisch etwas poplastiger in Erscheinung und ließ ein dezentes Boyband-Phänomen aufkommen – eingängig, mit Ohrwurmgarantie, dennoch etwas kitschiger und linearer als auf Platte.

Nichtsdestotrotz taute auch das Publikum nach einigen Tracks und der Aufforderung der Bühne etwas näher zu kommen auf. Es wurde getanzt, mitgesummt und ja, auch das romantische Flair kam nicht zu kurz. ,,There’s no reason to cry, there’s no reason to hide”, wer die Lyrics von ,,07:41” verfolgte, konnte das Geschehen treffender nicht nachvollziehen. Obgleich sich die Themen der durchaus konkreten Visionen um alltägliche Unsicherheiten im Leben drehten, schaffte es die Band, um den jungen Berliner, das Publikum kurzzeitig unbeschwert zu stimmen und in eine Decke des Wohlbefindens einzuhüllen. Wer im Anschluss noch negative Gedanken hatte, konnte sich wahrscheinlich nicht so recht auf ihre Musik einlassen. Empfohlen wird, sich tatsächlich nochmal die Studioaufnahmen anzuhören, die seit dem 10.06.16 unter Heist or Hit Records verfügbar sind.

 

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Denise Schmid

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