Acid Ghost – Warhol

Wenn Bandcamp Newcomern keinen Plattenvertrag des nächsten Independent Labels beschert, sorgt die Plattform zumindest für die Verbreitung von musikalischen Geheimtipps. Im Bereich des Bedroom-Pop oder Lo-Fi, ist uns besonders die letzte Veröffentlichung von Acid Ghost im Gedächtnis geblieben. Am 09.09.2016 veröffentlichten sie auf Bandcamp ihr Album Warhol, das wohl gleichermaßen eine Ode an die zeitgenössische Kunst des Pop-Art Künstlers Andy Warhol mit persönlichen Lebensabschnitten verbindet und diese wie eine Rezeptur für den perfekten Jugendfilm á la Godard in unserer heutigen Gesellschaft vereint. Die beiden 21-jährigen Musiker Ace Barcelon und Mike Mendoza entdeckten ihre gemeinsame Liebe zur Musik in den sonnigen Sphären San Franciscos und fokussierten sich hinsichtlich ihrer Instrumentalisierung besonders auf Gitarre, Drums und verhallte Effektfilter, um ihre Gefühlswelt passend einzufangen.

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Acid Ghost. Links: Mike Mendoza; Rechts: Ace Barcelon.

Das Ergebnis klingt verträumt, hoffnungsvoll und ist zugleich geprägt von uns vertrauten Themen, mit denen sich jeder zeitweise identifizieren kann: Die Hoch- und Tiefphasen des Lebens, Selbstwahrnehmung, Desillusionierung, Liebe. Jeder kreirt die Wahrheit, die er dann erfährt – das Gesamtkonzept ist collagenartig aufgebaut und reiht sehr persönliche Zeilen aneinander, die mit Anekdoten aus der Biografie Andy Warhols versehen wurden. Es könnte ebenso der Soundtrack für den nächsten melancholischen Independent Film sein, denn beim Hören spielt sich im Kopf unweigerlich bildlich das Szenario einer Erzählung ab. Samples von Interviewpassagen Warhols, die immer wieder als Zwischentracks eingeblendet werden, gliedern das Album dabei in mehrere Abschnitte, die ein schlüssiges Konzept bilden. Die analoge Produktion der Platte und ihre Texte sind trotzalledem so authentisch, dass man ihnen ungern den Stempel des gewollten Retrocharmes aufdrücken möchte, obwohl ihre Songs dazu verleiten in Nostalgie zu verfallen. Eine Mischung aus den Einflüssen DIIV‘s und vielleicht einigen Shoegaze/Dream Pop-Formationen der Westküste der US, die sich unter anderem bei Spirit Goth Records wiederfinden. Nimmt man jedoch ihre Internetpräsenz genauer unter die Lupe, so bezeichnen sie ihr Genre humorvoll als Mac Demarco, der damals den Trigger zum Einstieg in den Indie lieferte. Und siehe da, die Slacker – oder Skaterszene Kaliforniens scheint bereits ganz angetan von diesem getriebenen Garagensound, der sich im Zeitraum von zwei Jahren herauskristallisierte.

Wirft man nun einen Blick auf ihre digitale Diskographie, finden sich hier bereits sechs Veröffentlichungen inklusive einem Mixtape wieder. In diesem Jahr produzierten sie mit dem etwas rockigerem Vacation II , I Want to Hide My Face and Die und ihrer letzten Platte Warhol gleich drei markante Beispiele, um ihren Stil als Newcomer treffend einordnen zu können; wobei ihr größtes Ziel darin besteht,  sich selbst kreativ auszuleben und ebenso selbst eine Inspirationsquelle für diesen Input zu sein. Da dieses charmante Duo aus San Francisco noch auf der Suche nach einem passenden Label ist und ihre Bekanntheit definitiv über alle Maßen supportet werden sollte, könnt ihr euch hier gleich das komplette Album anhören.

Im Intro wird eine kurze Interviewsequenz Andy Warhols aufgegriffen, die nochmals den Titel bestärkt, der mitunter ausgewählt wurde, weil die beiden Musiker nicht nur eine besondere Leidenschaft zur Kunst hegen, sondern gleichermaßen auf sich aufmerksam machen wollten. Wie ginge es treffender, als einen der populärsten Künstler beim Namen zu nennen? Dicht gefolgt von einem persönlichen Statement, das sich durch den Song ,,The Artist’s High” äußert, schlägt sich als Thema die zeitgenössische Kunst in Verbindung mit unterschiedlichsten subjektiven Empfindungen wieder und somit fungiert hier das Album schon selbst als kleines künstlerisches Projekt im Audiobereich, das 13 wunderbare Titel auflistet. Selbst, wenn ,,Dilemma” eine eher katastrophale Lebenslage schildert, ist er dennoch instrumental von so viel Hoffnung geprägt, die durch die melodischen Gitarrenriffs und den seichten Gesang widerhallt – ,,the sun is shining bright today” und das tut sie definitiv auch an den gefühlt grauen Tagen. Ein weiterer Song, der mit Hilfe von field recordings eine cinematographische Wirkung erzeugt, ist ,, Walking Through A Storm”. Mit Reverb – sowie besonders verzerrtem Klang, der die Lyricpassagen überlagert und fast unverständlich macht, wird die geschilderte Situation für den Hörer greifbar und befördert unmittelbar selbst in einen verregneten Nachmittag. Dort, wo ,,Scribbles” den persönlichen musikalischen Einfluss der Band durch Gitarrenakkorde, die an DIIV erinnern wiederspiegelt, dient ,,Solitude”, um Inspirationen wiederzugeben. Mit einer kurzen Originalsequenz eines Interviews mit Jean Luc-Godard, über die Philosophie von Andy Warhol, erfolgt die Auflösung des Zusammenhangs zwischen Film, zeitgenössischer Kunst und dem Konzept gegenseitiger Inspiration durch Kreativität in unterschiedlichen Bereichen. Der letzte Song ,,Vulnerable” könnte eine Anspielung darauf sein, dass die Preisgabe eigener Vorstellungen und Gedanken den persönlichen wunden Punkt nach außen kehrt. So steigert sich der Song mit langsamen, ruhig-getakteten Acoustic-Riffs zu einem impulsiven Ausbruch zum Noise, mit dem er letztendlich abrupt ausklingt.

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Acid Ghost. Photo: Shak @makeoutfactory

Warhol ist ein Album, das sehr facettenreich mit verschiedenen Möglichkeiten arbeitet, Emotionen wiederzugeben und wie eine Collage zu staffeln, die sich zwischen der eigenen Realität in Songs und inszenierter Inspiration durch Interviewpassagen abwechselt. Somit wird einerseits die interne Gefühlswelt angeschnitten und ihr externer Einfluss beleuchtet. Der Versuch, ein Drehbuch musikalisch darzustellen, ist regelrecht gelungen und da ein Freiraum zur Interpretation vorhanden ist, bedarf es keiner genaueren biographischen Erklärung für dieses abstrakte Werk im Lo-Fi Stil. Selbst Warhol arbeitete mit willkürlichen Dialogen in Sprechblasen, die auch kontextlos die Ästhetik des Betrachters erfüllten. Nehmt euch also die Zeit, euch eingehender mit Titeln und Aussagen zu beschäftigen und lasst das Gesamtkonzept auf euch wirken.

 

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Denise Schmid

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