Douglas Dare – Aforger

Der erst 24-jährige Douglas Dare, der seine musikalische Ausbildung im Liverpool Institute of Performing Arts erhielt, zählt definitiv zu den Künstlern des Labels Erased Tapes, die nicht missachtet werden sollten. Bereits 2014 präsentierte er mit seinem Debüt Whelm eine mit neoklassischen Einflüssen bestückte Platte und vereinte die Schönheit minimalistischer Pianoakkorde mit glasklarem Gesang, der poetische Texte mit Themen abseits gängiger Beziehungsdramen schilderte. Nun kehrt er mit seinem zweiten Studioalbum Aforger zurück, das am 4.11.2016 als Vinylauflage erscheinen wird und arbeitet jüngste Erfahrungen und Ereignisse in seinem Leben auf, die sich mit dem sozialkritischen Thema der eigenen Besessenheit von Realität und Technologie auseinandersetzen. Er schlägt gewohnt düsterere Akkorde an, die mit elektronischen Passagen verschmelzen und legt seine persönliche Verletzlichkeit offen, die dennoch die Attitüde dunkler Romantik verströmt und teilweise von Björks Vulnicura inspiriert zu sein scheint. Mit Referenzen wie Radiohead, ANOHNI oder der Behauptung eine ruhigere Variante von James Blake zu sein, sprengt er jegliche Maßstäbe.

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Douglas Dare. Photo: Ozge Cone

Wir leben in einer Welt, die durch virtuelle Interaktion die Grenzen zwischen Realität und Fiktion teilweise nicht mehr greifbar macht. Technologie begünstigt die freie Formbarkeit einer inszenierten Identität, eint uns alle als statische Stereotypen in verschiedenen Profilen. Erinnerungen werden durch Pixel imitiert und können plötzlich auf digitalisierte Weise nachvollzogen werden. Wird hier eine zweite Wahrheit konstruiert, die mit einem Doppelleben auf zwei Kanälen einhergeht? Der Albumtitel korrespondiert mit der Bezeichnung für ,,Fälscher”, die eine Imitation bzw. Kopie von Dingen herstellt, sie umarbeitet und dadurch etwas schafft, das nicht mehr real ist. Mit Aforger vereinen sich die Vorstellungen und Ansichten von Identität und Realität, die Dare nach einer langjährigen Beziehung belasteten – Der Kern sollte jedoch nicht das Schreiben eines Trennungsalbums sein: Somit bilden Wahrnehmung, Täuschung und Verlust die Ausgangspunkte seiner Kompositionen.

Die erste Auskopplung entwickelte sich als Titel, der besonderen Bezug zu einem verschriftlichten Konzept über Kontrollverlust und ,,Doublethink” nahm, das 1984 von George Orwells  verfasst wurde. Es beschäftigte sich mit der Idee, dass Wahrheit lenkbar oder veränderlich sei, wodurch sich die Möglichkeit ergäbe, zwei Überzeugungen nebeneinander für wahr zu halten. Eine entfernte Selbsttäuschung. Im offiziellen Musikvideo werden Digitalisierung und unterschiedliche Perspektiven ebenfalls in 3D-visuals von Dan Jacobs aufgegriffen:

Mit ,,Greenhouse” äußert sich der wohl dynamischste Song des Albums, dessen Instrumentals kompositorisch sehr ähnlich aufgebaut sind, wie jene von Thom Yorke – wer genau hinhört wird hier das Flair von Radiohead in fließenden Übergängen wiederfinden.Wie sein Vorgänger Whelm begann das Songwriting für seine neueste Veröffentlichung mit poetischen Zeilen, die von Metaphern geprägt waren. Eine authentische Wiedergabe der Gefühlswelt, sollte jedoch nicht vorenthalten bleiben. ,,Oh Father” bezeichnet er selbst als absolute Unzweideutigkeit und persönlichsten Song, der seine tiefsten Empfindungen entblößt. Verbunden mit einem Outing vor seinem Vater, werden hier schmerzliche Erinnerungen wach gerufen, die mit einem Streben nach Akzeptanz einhergehen. Eine sehr cinematographische Inszenierung wohnt ,,The Edge” inne, der durch Chor- und analog  gefilterten Gesang sehr dramatisch und melancholisch klingt. Die düstere Stimmung und die dumpfen Mol-Klavierakkorde verwoben mit pausierenden Textpassagen erinnern beinahe an einen Patrick Watson, der Slowmotion performt, während hier Schwere und Verzweiflung dominieren. Reminiszenzen zum Soundtrack von Donnie Darko lassen sich ebenfalls feststellen.

,,New York” schuf Dare als Parallelwelt, die zwischen real und fiktiv Geschaffenem verortet werden kann. Die Vorstellung dort gewesen zu sein, mutet nach der Gewissheit über einen Vertrauensbruch wie ein Traum an und besitzt trotz alledem einen magischen Charakter, der durch Drums sowie getaktete Hi-Hat-Einschübe mit kombiniertem Klavierspiel verstärkt wird, bis heroische Posaunenlaute sie überblenden:

Abschließend mit seiner Ballade ,,Rex” werden epische Anklänge mit Chorgesang etabliert, die durch stimmliche Überlagerungen und sanfte, zurückgenommene Drums hörbar werden und sich zu einem instrumentellen Outro entwickeln. Wieder einmal erweist sich Douglas Dare als Pionier am Klavier und schafft es seine Sentimentalität in einer perfekten Symbiose aus Instrumentalisierung und Gesang zu verbinden. Seine Songs gewannen verglichen mit seinen Vorgängern an düsterem Flair, das besonders durch die Zusammenarbeit mit Langzeitkollaborateur Fabian Prynn unterstützt wurde, der elektronische Klangstrukturen im Gesamtkonzept einfließen ließ und das Mastering in den Abbey Road Studios übernahm.

Vorab verkündet sich im Artwork des Covers bereits ein artifizieller Schein, der á la Björk seine Umsetzung fand, ebenso experimentell erwies sich die klangliche Realisierung seiner Gedankenstränge. Nicht nur bei einer Genrespezifizierung, sondern auch in der persönlichen Stilistik demonstriert sich Douglas Dare als Künstler. Mit einem Faible für Monochromie und Kontraste bezieht er seine Kreativität aus den schattierten Momenten seines Lebens. Wen die Herbst- und Wintermonate auch öfters in alltagsferne Parallelwelten befördern oder gar nachdenklich stimmen, der sollte trotz aller Trübsinnigkeit einen Blick in dieses sentimentale (Poesie-)Album werfen und sich darüber hinaus seiner persönlichen Definition von Realität bewusst werden.

 

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Photo credits: Ozge Cone. All rights reserved.

Denise Schmid

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