Kate Tempest – Let Them Eat Chaos

Das Jahr 2016 nähert sich so langsam dem Ende, damit rücken auch die zahlreich veröffentlichten Jahrescharts in greifbare Nähe, bei denen mal wieder Musik verglichen wird, wie eigentlich nicht verglichen werden kann. Auch wenn die Existenzberechtigung solcher Listen in Frage gestellt werden sollte, darf ein Name auf dieser Liste nicht fehlen: Kate Tempest.

Eines sei vorab direkt gesagt: Kate Tempest ist ein Arbeitstier. Während andere Musiker Jahre bis Jahrzehnte brauchen, um ihre Werke fertig zu stellen, schafft Kate Tempest das in lediglich zwei. Und veröffentlicht ganz nebenbei in diesem Zeitraum auch noch ihren Debütroman, der im Übrigen auch noch sehr gut geworden ist. Damit nicht genug, zusätzlich dazu ließ sich Kate Tempest in dieser Zeit auch ihre Bühnenpräsenz nicht nehmen.

Mit Let Them Eat Chaos folgt nun das zweite Album der Britin. Nachdem die Rapperin mit ihrem Debütalbum Everybody Down 2014 für den Mercury Prize nominiert wurde, liegt die Messlatte dementsprechend auch sehr weit oben.
Aus instrumentaler Sicht hält sich die Musikerin auf Let Them Eat Chaos etwas mehr zurück als zuvor, daraus resultiert vor allem eine Fokussierung auf die jeweiligen Songtexte. Doch trotz fast schon minimalistisch wirkenden Beats schafft Tempest es, ihren Songs verschiedene Stempel aufzudrücken, die sich häufig in der jeweiligen Atmosphäre widerspiegeln. So wirkt der Titel „Whoops“ beispielsweise gestresst, fast schon aggressiv, „Pictures On A Screen“ hingegen eher traurig, fast schon melancholisch. Diese Differenzen ziehen sich als roter Faden durch das gesamte Album und sorgen für einen Kontrast, der das Interesse des Hörers dauerhaft aufrechterhält.

Doch der eigentliche Fokus liegt auch bei Let Them Eat Chaos auf den Texten der Lyrikerin, denn hier zeigt sich ihr großes Talent. Mit ihren Liedtexten zeigt die Britin, dass sie eine Begabung für das Erzählen von Geschichten hat. Da wundert es natürlich nicht, dass auch auf dem zweiten Album die gleichen Figuren vertreten sind, wie in den anderen Werken der Künstlerin.

Dadurch zeigt sich eine weitere Stärke der Texte: Denn Kate Tempest kommt dem wahren Leben mit ihren Texten sehr nah. Zusätzlich erschafft sie durch die verschiedenen Charaktere verschiedene Perspektiven, die für eine abwechslungsreiche Sicht der Dinge sorgen.

Absolutes Highlight auf Let Them Eat Chaos ist der Titel „Europe is Lost“. Auf die Spitze getrieben drückt Tempest mit diesem Song ihre „Anti-Alles Haltung“ aus, im Fokus steht das establishment im speziellen und im generellen die Gesellschaft. Als Reaktion auf den bevorstehenden Brexit und die Spaltung der britischen Gesellschaft, als Reaktion auf die Flüchtlingskrise und deren Folgen liefert die Musikerin mit „Europe is Lost“ viele gute Gründe, um den eigenen Kopf nochmal einzuschalten. Sie thematisiert aktuelle Probleme innerhalb unserer Gesellschaft und kritisiert unter anderem auch deren Wertesystem – stets begleitet von einem leicht aggressiven, teilweise traurigen Unterton in ihrer Stimme.

No trace of love in the hunt for the bigger buck
Here in the land where nobody gives a fuck

Die Lyrikerin beweist auf ihrem zweiten Album erneut sowohl ihr musikalisches als auch ihr lyrisches Talent. Kate Tempest ist der lebende Beweis für die kulturelle und politische Bedeutung von Musik, im speziellen vom oft verpönten Genre Rap.

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Lars Junker

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Lars Junker

Gründer hier. Indie-Kram, gerne auch mal leise, manchmal laut. Vinyl und Kaffee.