Bon Iver – 22, A Million

Justin Vernon scheint zu wissen, was er auf seinem neuen Album anstellt – und lässt seine Fans verzweifeln

Bon Iver ist eine der beliebtesten Indiebands der Welt. Kaum jemand, der dem Genre etwas abgewinnen kann kennt sie nicht, und seit dem 2011er Bon Iver, Bon Iver wartete man überall auf Album Nummer drei. Da es in der Zwischenzeit sehr still wurde um Justin Vernons berühmtes Projekt, wurde befürchtet, dass eine weitere LP gar nicht kommen würde – und dann doch: nach einer Serie von gemeinsamen Konzerten kam endlich die Ankündigung, dass 22, A Million noch im gleichen Jahr kommen soll, und spätestens seit den beiden Songs „
22 (OVER S∞∞N)“ und „10 d E A T h b R E a s T ⚄ ⚄“ war es eines der meisterwarteten Alben 2016.

bon iver press shot pm credit cameron wittig and crystal quinn
Justin Vernon

Beide Lieder lösten Verwirrung aus, wurde hier doch so viel mit elektronischer Musik gearbeitet. Sogar eine hoch-gepitchte Hintergrundstimme ist auf „22 (OVER S∞∞N)“ zu hören, während Vernons Stimme ebenfalls durch einen Filter zu hören ist. Aber na gut, immerhin singt er auch hier noch wie damals und ganz weggelassen hat er die Gitarre dann auch nicht.

Als nächstes bekamen wir „33 “GOD”“ zu hören, welches wiederum ein Stück näher an die beiden ersten Werke des Künstlers aus Wisconsin herankam – es mit diesen auf eine Stufe zu stellen wäre purer Schwachsinn gewesen: trotz Piano und Streicher klingt das Ganze noch immer wie ein äußert experimenteller Remix, und außerdem ist da ja schon wieder diese Stimme im Hintergrund.

Auf 22, A Million wird der gefühlvolle Seufzer der Zuhörer zum verwirrten, verständnislosen Stirnrunzeln

Jetzt ist das Album da, und der Rest entspricht genau dem, was mit den gerade genannten drei Liedern angeteasert wurde. 22, A Million klingt wie Bon Iver durch den Fleischwolf gedreht. Durch Autotune und Synthesizer so verzerrt, dass bereits viele Fans enttäuscht den Kopf haben sinken lassen. Aber trotz alledem klingt es irgendwie danach, als würde Vernon genau das wollen, denn durch das neue Gewand der Songs scheint die alte Genialität immer noch durch, manchmal mehr, manchmal weniger. Nehmen wir zum Beispiel „715 – CR∑∑KS“, welches komplett im Autotune-Effekt versinkt und vollkommen ohne Instrumente auskommt. Dem schenkt man deshalb nicht unbedingt mehr Aufmerksamkeit, einfach weil es so komisch klingt. Stellt man sich das Lied aber mit unbearbeitetem Gesang vor, hätte es so vielleicht sogar ein Teil von Bon Iver, Bon Iver sein können. Auf 22, A Million wird der gefühlvolle Seufzer der Zuhörer zum verwirrten, verständnislosen Stirnrunzeln. Generell sollte man sich jedoch das ganze Album anhören, auch wenn man von den ersten Liedern nicht begeistert ist, denn im weiteren Verlauf werden die Songs immer weniger elektronisch. „8 (circle)“ weiß tatsächlich auch zu berühren, während das Banjo am Schluss von „____45____“ kurz schmerzlich an „Flume“, den meisterhaften Opener des Debuts erinnert. Abschließend hört man mit „00000 Million“ den wohl natürlichsten Song des Werks. Klavier, Gesang und das nur mit einem kleinen Halleffekt unterlegt. Genau das ist es doch, was sich die Welt erhofft hat, und das Lied beweist, dass es solche Songs auch noch gibt.

Letztendlich stellt sich die Frage, was Justin Vernon dazu gebracht hat, dieses Album zu schaffen. Trever Hagen, ein guter Freund des Musikers, erklärt, dass “22” für Vernon selbst, und “A Million” für den Rest der Welt steht; für all diese Leute, die Bon Iver kennen, aber die Vernon selbst nicht kennt. Hagen erklärt weiter, dass Vernons Position in dieser Welt für ihn zu einer Krise wurde, einer Krise, die ihn zum ersten Vers des aktuellen Albums führte: „It might be over soon“. Ist es also Überdruss? Vielleicht einfach nur ein Versuch, wieder etwas in Vergessenheit zu geraten und weniger Druck zu spüren? Oder möchte er generell einen neuen Weg gehen und überträgt dies auf seine Musik? Abseits der Spekulationen steht jedoch unweigerlich fest: 22, A Million ist bewusst zu dem Album geworden, das es ist. Die ergreifenden Emotionen die For Emma, Forever Ago so berühmt gemacht haben können allenfalls noch erahnt werden (selbst auf den viel harmloseren Songs der zweiten Hälfte des Albums). Sicher ist auch, dass die Fans auf der kommenden Tour wegen der ersten beiden Alben kommen werden. Wer könnte es ihnen verübeln?

Nach dem „Warum?“ steht für viele sicherlich auch ein „Was nun?“. Ist 22, A Million bloß eine Episode oder gar ein Schnitt? Hierfür ist es allerdings noch zu früh, es bleibt abzuwarten, was die Tour im Frühjahr bringt, was die Welt von der LP hält, und wie weit wir uns selbst mit ihr anfreunden können.

Live

24.01.2017 – Frankfurt, Jahrhunderthalle
05.02.2017 – Hamburg, Mehr! Theater
06.02.2017 – Berlin, Tempodrom

Facebook: www.facebook.com/boniverwi
Homepage: www.boniver.org

Foto: Cameron Wittig & Crystal Quinn

Alexander Mann

About author

Alexander Mann

Alexander, 21, Student. Indie, -pop, -rock, -tronic, -folk usw. Außerdem gerne vieles weiteres von Hip-Hop bis Metal.