Drangsal / Lea Porcelain – 26.08.2016 – CBE, Köln

Letztes Wochenende fand in Köln das c/o Pop Festival 2016 statt und konnte wieder einige besondere Gäste auf ihrem Line-Up begrüßen. Freitagabend wurde im Club Bahnhof Ehrenfeld Einlass für ganz besondere Gäste geboten: Einerseits spielte in der Nebenlocation YUCA Yung Hurn mit seiner Life From Earth Crew und brachte neuen Wind in die Cloud Rap-Ära, andererseits verwandelte sich die Location CBE für Fans des New Wave, Post Punk und Garage Rock  in die Stage des 23-jährigen Landauer Multiinstrumentalisten Max Gruber. Der unter dem Pseudonym Drangsal derzeit als Newcomer in allen Medien präsente Musiker tourte mit seinem Debütalbum Harieschaim, veröffentlicht unter Caroline International, in den letzten Monaten gefühlt auf jedem Festival. Erstmals kreuzte er hierbei das schöne Städtchen Köln und wir waren uns gleich einig, dass dieses Event ein must-see sein sollte.

Ein Versuch sein Genre einzuordnen, endet vermutlich immer in unmittelbaren Vergleichen mit Bands wie The Cure, Joy Division oder den Eurhytmics – doch man hüte sich davor diese in seiner Gegenwart zu erwähnen: Retroromantik, die nicht nur altbekannte Akkorde der 80-er Jahre in Großbritannien vereint, sondern den Bogen über die neue deutsche Welle bis hin zum Post-Punk spannt und teilweise in deutschen Texten aufwiegt – oder vereinfacht Brachialpop, wie Max zu sagen pflegt.

Als Support engagierte Drangsal die Frankfurter New Wave-Band Lea Porcelain, die das Publikum bereits im Voraus mit einer Performance á la Joy Division entsprechend einheizen sollte. Bestehend aus den beiden Musikern Markus Nikolaus und Julien Bracht, geht die Bandgründung auf das Jahr 2012 zurück und entwickelte sich zu einer Symbiose aus Künstlern, die ihre gemeinsame Liebe zu düsterem-melancholischen Garage und Post-Punk teilen konnten. Im letzten Jahr erschien bereits die nach der Band betitelte EP Lea Porcelain und noch in diesem Jahr steht die erste Auflage eines Longplayers aus. Vor einigen Jahren waren die beiden Musiker als Einzelkünstler und Cunt Cunt Chanel, sowie Julien Bracht unterwegs – auf der Suche nach dem persönlichen Stil, um letztendlich im Kollektiv einen treffenderen Kompromiss zu finden.

LeaPorcelainBueroPong
Markus Nikolaus Büttner: Lea Porcelain. Photo: Buero Pong

Um 19.30 Uhr gingen im Gewölbekeller des CBE plötzlich die Lichter aus, als in von Scheinwerferspots beleuchtete Silhouetten in Nebelschwaden gehüllt auf der Bühne erschienen. Wortlos wurde der erste Track ,,Out Is In” angestimmt, der wie eine treibende Soundwall den Raum erfüllte, während er durch Gitarrenakkorde und Drums unterstützt wurde. Als der glatzköpfige Sänger mit seiner Neopunk-Attitüde die Stimme erhob, war dem Publikum spätestens klar: Hier hat jemand sich definitiv mit die Instrumentals von Ian Curtis geschult! Dennoch bot Lea Porcelain als Vorband einen gekonnten Auftritt im mysteriösen Stil ohne viel Ansprache zum Publikum und ließ das Verlangen auf mehr neue Tracks offen im Raum stehen.

Gegen 20.30 Uhr sollte es mit Dr. Angsal und seiner Crew als Hauptact weitergehen und so langsam stiegen sowohl die Besucheranzahl, als auch Vorfreude rapide an. Es ist vielleicht schon im Voraus sehr erwähnenswert, dass Max Gruber hier nicht nur eine Menge Zitate bekannter Künstler in seinen Auftritten präsentiert, sondern auch tatsächlich Shows mit hohem Unterhaltungsfaktor spielt, die nicht nur durch die Interaktion mit dem Publikum so individuell erscheinen.

Den gewohnten Einstiegsteaser, wenn Drangsal von der Partie sind, bietet ein Sample, das lautstark analog mit den Worten ,,Wir sind die neuen Künstler” aufgefahren wird und hier den Anklang der Avantgarde, der innovativen Vorreiter jeglicher Kunstbewegungen des 20. Jahrhunderts erweckt. Es sei jedoch dahin gestellt, wie artsy er hier tatsächlich wirken will und ob er seine Theatralik nicht doch mit geballtem Zynismus aufzieht. Bei Max Gruber wird zitiert, gesampled, imitiert – sein Metier ist ganz klar die Inszenierung!

14066499_10153963885927199_7537868302581772199_o
Max Gruber: Drangsal. Photo: Buero Pong

,,Hallo, wir sind KISS und der nächste Song heißt ,,I Was Made for Lovin’ You”. Erwartungsvolle Blicke im Publikum, als hier nicht wie gedacht ein Rock-Klassiker, sondern Drangsals Track ,,Moritzzwinger” in die Gänge kommt. Auch Soundcheck-Probleme ließen sich durch spontane Umstellungen beheben. Kurzerhand schickte Max Gruber mal eben seine komplette Besetzung von der Bühne und ließ sie persönlich mit dem Tontechniker quatschen, während er mit den Worten:,,So! Meine Bühne – mein Programm” einen Acousticsong zwischenschob, der noch quasi in den Kinderschuhen steckte und hier auf seine Bühnentauglichkeit getestet werden konnte. ,,Und Du? (10. 000 Volt)”, eine romantisch-anmutende Pop-Variation á la Morrissey, die wieder ausgeschmückt von Metaphern sehr sinnbildlich wirkte, allerdings ging es hier um die allgegenwärtige Jugend und Drogen. Auf die Albumfavoriten wurde natürlich deswegen noch lange nicht verzichtet: ,,Der Ingrimm”, die Emanzipations-Ode ,,Do The Dominance” sowie das Motto ,,Love Me Or Leave Me Alone” wurden ebenfalls angestimmt. Doch wie wir wissen, beherrscht Max Gruber auch die deutsche Sprache mit ihren Wortspielen in Perfektion, wie in den Lyrics des Neue Deutsche-Welle-Ablegers ,,Ich will nur dich” mit Phrasen wie ,,Hab den Kopf voller Pflastersteine, weil du nie verstehst was ich meine” bewusst wurde. Zu Ehren des Kölners Christian Schneider ergänzte er hier und da seine Setlist noch um Cover der Misfits und verabschiedete sich zum Finale seines Auftritts mit einem grazilen Sprung von der Bühne, um im Publikum seine wild-melodischen Gitarrenriffs auf Augenhöhe zu vollenden und sich den verdienten Applaus einzuheimsen.

Die Zugaberufe im Chor animierten ihn aber glücklicherweise nochmal. ,,Ihr seid echt total süß, aber wisst ihr, wenn man nur 10 Tracks hat, was soll man denn dann noch spielen?” Ein The Smiths-Cover! Was er auch tat. Sein Slot wurde demzufolge mit ,,Panic In The Streets of (Ehrenfeld) London” beendet und wenn man sich umsah, erkannte man eine Menge zufrieden gestellter Gesichter, die den letzten ruhigen Song noch in großer Euphorie genossen.

Wer sich an den Sounds von Doktor Angsal bis dato noch nicht satt gesehen bzw. gehört hat, der sei herzlich eingeladen die nächsten Konzerte seiner Harieschaim-Tour wahrzunehmen. Nach ausgiebiger Hörprobe können wir nämlich versichern, dass es sich lohnt. Für alle, die ihn tiefer Trauer darüber sind, ihn in Köln verpasst zu haben, besteht nach wie vor Hoffnung auf baldiges Wiedersehen: Ende Oktober bietet sich im Gebäude 9 nochmals die Möglichkeit auf eine Live-Show.

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

 

Termine der Harieschaim-Tour in Deutschland:

28.10. Köln, Gebäude 9

29.10. Nürnberg, nürnberg.pop

3.11. Münster, Gleis 22

4.11. Wiesbaden, Kulturzentrum Schlachthof e.V.

11.11. Stuttgart, Keller Klub

19.11. Berlin, Lido


Links

Facebook

Photos: Buero Pong. All rights reserved.

Denise Schmid

About author

Denise Schmid

One Comment

Comments are closed.