James Blake – The Colour In Anything

Mittlerweile reiht er sich in die Liste der größten Talente Großbritanniens ein und die Auszeichnung des Mercury Music Prizes für sein letztes Album Overgrown 2013 kam nicht von ungefähr. Wenn James Blake Songs produziert, werden jegliche Genregrenzen aufgebrochen und ein unvergleichbar futuristischer Stil tritt hervor. Ab September kann man sein drittes Studio-Album The Colour in Anything, das durch einen Vorab-Release unter Polydor Records vor zwei Monaten für ordentlich Furore sorgte, endlich in physischer Form in Händen halten. Wer die Compact Disk bevorzugt, sollte bereits jetzt darauf zugreifen können.

Dub-Elemente fügen sich in das Konzept eines Klavierspiels und die elektronische Komponente fungiert als Mittel zum Erstellen einer Soundkulisse, die seinen Stil so unvergleichbar macht.

Seine Songs klingen verstärkt digitalisiert, muten auf eine gewisse Weise fast futuristisch an, erscheinen dennoch schwelgend und sind thematisch geprägt von einer Essenz Weltschmerz in stets melancholischer Manier, die sowohl durch seine leidende Soulstimme, als auch rhythmische Bässe ihre Untermalung finden. Lyrisch sucht man ebenso vergeblich nach der Sonnenseite des Lebens, vielmehr klingt hier ein langwieriger Verarbeitungsprozess einer belasteten Gefühlswelt in ihren Hoch- und Tiefphasen an. Man wird sozusagen eingeladen, Teil dieser Geschichten zu werden und Blakes persönliche Gefühlsskala nachzuempfinden.

War man jemals bei einer seiner Live-Perfomances in unmittelbarer Nähe der Frontboxen anwesend, wird man feststellen, dass nicht nur der geballte, wummernde Bass der Grund für eine langanhaltende Gänsehaut ist, sondern ebenso die Möglichkeit, in tranceartige Zustände abzutauchen, omnipräsent scheint.

James Blake 2016 - CMS Source(2)
CMS Source, 2016. All rights reserved.

Die spontane Ankündigung der Veröffentlichung des aktuellen Albums The Colour in Anything am 6.05.2016 um Mitternacht, versetzte viele Fans in Aufruhr, sodass an diesem Abend einige die Position vor dem PC-Bildschirm nicht mehr verließen. Immer wieder folgten getaktet Teaser, gekoppelt mit kurzen Interviewpassagen des Künstlers über BBC Radio 1, die die Anspannung einerseits durch wenige Tracks besänftigen sollte und zugleich die Vorfreude auf das Album maximierte. Unter anderem konnte man ,,Radio Silence” und ein Feature mit altbekannten Kollaboratoren wie Justin Vernon von Bon Iver in ,,I Need a Forest Fire” bereits im Voraus hören, um einen Vorgeschmack zum neuen Album zu erhalten. Als die Uhrenzeiger sich um 0:00 Uhr doppelten, verwandelte sich das musikalische Phantom in 17 greifbare Tracks, die in digitaler Form zum Download freigegeben wurden. Erst zwei Monate später folgt nun die physische Ergänzung durch CD- sowie Vinylauflagen, die voraussichtlich ab dem 2.September die lokalen Plattenläden erreichen werden. In diesem Falle könnte man behaupten, dass sich nicht das Warten, sondern viel mehr ein stetiger Check seines Feeds rentierte, um eine positive Überraschung zu erleben.

Wie gewohnt zieht sich ein roter Faden aus emotionalen Balladen, melancholisch-anmutenden Dubtracks mit Fokus auf gepitchten Vocals und Loops durch das Album, welche die Stimme von James Blake acapella wiedergeben. Diesmal jedoch nicht mehr in immens verfremdeter Form, sondern viel mehr unterstützt durch Hi-Hat-Einschläge, Pianopassagen und Background-Instrumente, die einen theaterhaften Schleier über seine Inszenierung legen und den jungen Londoner am Klavier gleichermaßen als Meister des Chanson enthüllen. Man sollte ihm seine Fähigkeiten bei Nutzung der Effekte á la Loop und Autotune nicht absprechen – sie sind nach wie vor präsent und charakteristisch für seinen Stil.

Das Abmischen und Mastering der Tracks wurde von niemand geringerem als Rick Rubin übernommen, der sie in den Shangri-La Studios, verortet in Malibu, produzierte. Ebenso sind Gastauftritte der Künstler Frank Ocean und Connan Mockasin im Konzept geeint.
Einleitend durch den Track ,,Radio Silence” – ,,es herrscht Funkstille in meinem Herzen (…) ich kann nicht glauben, dass du mich nicht mehr sehen willst”, wird dem Hörer bewusst, dass es ein ebenso klassisches James Blake-Album zu sein scheint, das nicht nur wirkt, als  würde seine Stimme in der Leere widerhallen, sondern ebenso die Gefühlsleere des Künstlers selbst nachstellt. Diese wird jedoch permanent durch elektronische Einschübe, ruhige und kraftvolle Gesangspassagen aufgebrochen, die den Song wieder vorantreiben.

Neben Balladen wie ,,My Willig Heart” und ,,f.o.r.e.v.e.r” erscheinen hier dennoch sehr elektronische tanzbare Zwischentracks, die mit einem Drop versehen wurden. ,,Timeless” sowie ,,I Hope My Life”, einem Label Remix von 1-800 Dinosaur sorgen für Abwechslung und arbeiten verstärkt mit repetitiven Melodien, die mit gepitchten Samples verfeinert wurden. Tiefe Dub- und Basselemente treten im Track ,,Points” hervor, der sich nach und nach aufbaut und durch mechanische Geräuschkulissen unterstützt wird, während ein fast filmisches Konzept entsteht. Die Zusammenarbeit mit Justin Vernon hinterlässt ebenso in der kreativen Entwicklung von James Blake ihre Spuren, wie man im sehr hoch gepitchten finalen Track ,,Meet Me In the Maze” feststellen wird, der an die aktuelleren Alben von Bon Iver erinnert.
Innerhalb der minimalistischen, elektronischen Inszenierung wird man sich gedanklich immer wieder in eine Parallelwelt aus Nebelschwaden und verregneten Spots wiederfinden, die sich ebenfalls in der Visualisierung des Covers äußert, dessen Gestaltung Quentin Blake übernahm: Ein impressionistisches Aquarell mit pastellenen Farbverläufen, die die Silhouette von James Blake andeuten, alleinstehend in einem Dunst. Zentrale Motive winden sich um die aktuellen Themen des Albums, die wie von Regentropfen verwischt erscheinen. The Colour in Anything handelt von Entfremdung, einer ergrauten Sichtweise des Protagonisten auf den Alltag und dem Übel der Melancholie, das ihm jegliches Realitätsbewusstsein zu nehmen droht. Leitmotive rotieren zwischen Sehnsucht und übersteigerter Emotion. Am linken Bildrand des Covers findet sich eine subtile Andeutung von kahlem Geäst, in dem ein nackter Frauenkörper in Erscheinung tritt und in Leblosigkeit erstarrt. Gleichermaßen Sünde und Sehnsucht, die er wie einen eingefangenen Moment, auf seine Außenwelt projizierte.

Willkommen in der Welt von James Blake und dessen Grundstruktur – die funktioniert!

James Blake 2016 - CMS Source
CMS Source, 2016. All rights reserved.

Insgesamt erweist sich das dritte Album abermals als gelungenes Konzept, das auch live performt seinen Zugang zum Hörer findet und mitreißt. Man nehme sich ein Glas Wein, etwas Zeit und ein verregneter Abend verwandelt sich in die richtige Kulisse, um den Playbutton zu betätigen und sich einigen Stunden intensiver The Colours in Anything zu widmen. Das Resultat aus schwelgenden, emotionalen und sinnlichen Tracks, das hier so farblos inszeniert wirkt, wird den Alltag dennoch mit neuem Licht fluten – das bereits auf dem Cover durch einen sich erhellenden Horizont vorausgedeutet werden kann, der eine Überwindung ankündigt.

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Denise Schmid

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