Summerjam Festival 2016

Zum mittlerweile 31. Mal fand dieses Jahr am ersten Juli Wochenende das Summerjam Festival im Kölner Norden statt. Dahinter verbirgt sich eines der größten europäischen Reggaefestivals, welches als Location den Fühlinger See nutzt. Mit dabei waren auch in diesem Jahr viele bekannte Größen aus Reggae, HipHop und benachbarten Genres.

Eine einzigartige Atmosphäre

Um die wirkliche Atmosphäre des Festivals zu verstehen, muss man eigentlich mal dagewesen sein. Denn alleine durch seine Location hebt sich das Summerjam von vielen anderen Major-Festivals ab. Es finden sich beispielsweise kaum größere, aneinanderhängende Campingflächen – die Zeltplätze sind um den ganzen See herum verteilt. So finden sich viele Zelte direkt am See wieder. Daraus resultiert auf dem Campingplatz eine sehr gemütliche Atmosphäre, bei der man mit seinen Zeltnachbarn in der Regel schnell bekannt wird.

Der musikalische Teil des Summerjam fand zum großen Teil auf einer Insel im Fühlinger See statt. Dort fanden sich neben den beiden großen Bühnen auch diverse Imbissstände.

Festivalromantik
Traumhafte Location – der Fühlinger See!

Drogenproblematik?

Für die Atmosphäre des Summerjam wohl auch nicht ganz unbedeutend ist die Mentalität der Besucher. Wie man es vom Reggae eigentlich erwartet, ist auch  auf dem Summerjam Mariuahana permanent präsent. Gefühlt wurde auch beim diesjährigen Festival mehr Gras geraucht als Bier getrunken. Daraus resultierten natürlich auch einige Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, welche von der Polizei relativ zahlreich festgehalten wurden. Jedoch hat der erhöhte Mariuahana-Konsum auch postive Auswirkungen. Anders, als wir es von anderen Festivals gewöhnt sind, sind beim Summerjam kaum Aggressionen vorzufinden. Die Reggae-Fans gehen meist extrem freundlich miteinander um und vermitteln zeitweise auch den Eindruck einer großen Familie.

Kulturelle Vielfalt

Jedes Festival hat so seine Eigenarten und zieht in der Regel auch eine relativ spezielle Gruppe von Menschen an, die in der Musik ihren gemeinsamen Nenner finden. Der gemeinsame Nenner beim Summerjam ist sicherlich der Reggae, doch eine wirkliche “Zielgruppe” zu definieren fällt an dieser Stelle sehr schwer.
Im Laufe der Woche trafen am Fühlinger See die verschiedensten Menschen aus allen möglichen Kulturen aufeinander. Diese breite Vielfalt spiegelte sich beispielsweise auch in den unterschiedlichen Imbissbuden auf der Festivalinsel wieder. Neben dem Bratwurststand fand sich die chinesische und vietnamesische Küche wieder, neben der typisch deutschen Currywurstbude wurden afrikanische Spezialitäten im Smoker zubereitet.

Publikumsimpressionen
Publikumsimpressionen

Diese bunte Mischung aus den unterschiedlichsten Menschen und deren Kontaktfreudigkeit sorgte über das Wochenende verteilt auch häufiger mal für ein interessantes Gespräch in entspannter Atmosphäre. So sorgte das diesjährige Summerjam bei uns auch nochmal dafür, den normalen Alltagstrott vollkommen zu verdrängen und das Hier und Jetzt zu genießen.

Der Freitag

Vorab ehrlich gesagt noch etwas skeptisch, ob des Wetters und des Line-Ups haben wir letztendlich drei absolut schöne Tage auf dem Summerjam verbracht, zwischen Wurfzelten, Pavillons, Schwänen, Matsch und Konzerten auch immer wieder nette Begegnungen und sogar einen Heiratsantrag miterlebt – dazu aber später mehr.

Die Anreise gestaltete sich unproblematisch, Stichwort Standortvorteil für Kölner. Die Atmosphäre war auch schon in der unmittelbaren Umgebung zu spüren, kurzer Hand wurden wir auf den Bus wartend aufgegabelt und konnten uns so Wartezeit und Rückenschmerzen sparen. Generell ist das Festivalgelände mit den öffentlichen Verkehrsmitteln relativ gut zu erreichen – mal davon abgesehen, dass der Bus am Wochenende leider nur jede halbe Stunde fährt.

Insgesamt war dem Fühlinger See die Abwesenheit des Sommers anzumerken, immer wieder unschön matschige Stellen und viele Gummistiefel prägten das Bild, allerdings wurde fast die gesamte Konzertinsel mit Sand und feinem Kies aufgeschüttet, wodurch die Matschigkeit erheblich reduziert wurde – vielleicht hätten wir uns auch ein paar Schaufeln vors Zelt kippen sollen. In Anbetracht des Wasser-zu-Boden-Verhältnisses anderer Festivals dieses Jahr wäre an dieser Stelle zu meckern also unangebracht. Außerdem war der Schlamm schnell vergessen: Harrison Stafford, Sänger der kalifornischen Band Groundation war mit seinem Sideproject Harrison Stafford and the Professor Crew am frühen Abend auf der Greenstage am Start. Trotz anfänglicher Tonprobleme ein sehr schöner, rootiger Einstieg ins Summerjam. Mit Leroy “Horsemouth” Wallace zudem eine echte Studio One-Ikone an den Drums.

Kaas macht Luftsprünge dank neuer EP!
Kaas macht Luftsprünge dank neuer EP!

Parallel dazu spielten Die Orsons auf der Red Stage des Festivals. Bei knapp 30000 Besuchern ist das Summerjam zwar immer noch auf Reggae als primäre Musikrichtung fokussiert, zusätzlich bespielen aber mittlerweile auch reglemäßig Hip-Hop-Acts die beiden Bühnen. Optimalerweise sind die natürlich nicht allzu weit vom Reggae entfernt. So passte es beispielsweise sehr gut, das Kaas während dem Auftritt der Orsons auch einige Songs aus seiner frisch releasten EP Kaas & Juglerz in Jamaica performete, auf der er sich mit ganzem Herzen dem Reggae widmet. So lieferten Die Orsons einen souveränen Auftritt ab, der vor allem durch die Einzelleistungen der vier Musiker in Erinnerung bleibt.

Im direkten Anschluss eine weitere favorisierte Band: Die jamaikanische Band Raging Fyah, deren selbsterkorener Roots-Rock-Reggae bis zu den musikalischen Wurzeln des Reggae in den 70ern reicht, aber ähnlich wie Protoje für die aktuelle Generation jamaikanischer Musik steht. Ein Auftritt, von dem man sich gerne mittreisen ließ, durch das positiv-entspannte Ensemble um den charismatischen Leadsänger Kumar Bent noch verstärkt.

Apropos Ausstrahlung: der stark besetzte rootige Freitagabend endete auf der Greenstage mit dem Ivorer Tiken Jah Fakoly. Sicher einer der politischsten Künstler des Festivals singt er hauptsächlich auf Französisch und prangert Missstände, Korruption und sexuelle Gewalt gegen Frauen in seiner Heimat und anderen afrikanischen Staaten an und lebt auch auf Grund dessen in Mali im Exil. Als einer der bedeutendsten afrikanischen Reggae-Artists auch eine wichtige politische Stimme des afrikanischen Kontinents. Schön, ihn nach vierjähriger Abstinenz wieder auf dem Summerjam zu haben.

Der Samstag

Der zweite Tag des Summerjam startete dann ganz entspannt auf dem Zeltplatz. Lag wohl auch an unseren Nachbarn, die mit schöner Stimme, Gitarre und großem Zelt aufwarten konnten. Eine Bestätigung, dass das Summerjam insbesondere auch vom “Drumherum” lebt.

So gut wie der Freitag musiktechnisch endete, begann der Samstag. Wobei eigentlich noch besser. Akua Naru begann nach einem ordentlichen Regenguss pünktlich mit der Sonne, die sich für den Großteil des restlichen Tages hielt, das vielleicht beste Konzert dieses Wochenendes. Mit Jazz, Soul, Conscious-Rap und einer fantastischen Stimme sowie den großen Themen Gerechtigkeit und Liebe macht Akua Naru das aus, was Hip Hop auf dem Summerjam sein kann und soll. Höhepunkt des Konzerts der Wahl-Kölnerin war ihre Hymne “Poetry: How does it feel?”

Publikumsimpressionen
Publikumsimpressionen

Nach einer kleinen Essenspause – trotz der bereits erwähnten Vielfältigkeit auf dem Festivalgelände Nudeln mit Pesto – ging es mit Megaloh weiter. Das Konzert insgesamt war gut, vielleicht wirkte aber auch Akua Naru noch zu stark nach, jedenfalls war es insbesondere der Heiratsantrag des Viva con Agua Helfers Philipp via Schlauchboot während des Konzerts, welcher in Erinnerung blieb: Die gesamte Crowd sang “Wonderwall” von Oasis und seine Freundin Jenny sagte auf der Bühne unter großem Jubel “Ja”. An dieser Stelle wünschen wir vom Ahoimag natürlich alles Gute für die Zukunft und äußern höchsten Respekt vor deinem Mut, Kollege!

Samstag Abend ging es nach dem Elfmeterschießen Deutschland gegen Italien dann aber auch musikalisch mit leichter Verspätung heftig weiter: Die Beginner sind zurück und bekamen auch mit die meiste Liebe vom Publikum. Das im August erscheinende neue Album wirft positive Schatten voraus, bisher gehörtes macht Lust auf mehr, allerdings waren es natürlich die großen Hits von Bambule “Liebes Lied” und “Füchse”, die am lautesten gefeiert wurden.

Positiv hervorheben wollen wir hier noch die vielen kleinen Stages außerhalb der Festivalinsel, die neben der Dancehall Arena nach einem Festivaltag zum Tanzen einladen. Manchmal ein Boxenturm, manchmal ein Bollerwagen mit Box und Lichterkette oder eine spontane Jamsession am Wasser hindern erfolgreich am Schlaf.

Sieht schlimmer aus, als es war ;)
Sieht schlimmer aus, als es war 😉

Der Sonntag

Den Beginn machten für uns am Sonntag Gentleman’s Dub Club. Die neunköpfige Band sorgte alleine schon auf Grund der Anzahl der auf der Bühne stehenden Musiker für einiges an Action. Musikalisch irgendwo zwischen Dub, Ska und Reggae stieg die Laune des Publikums relativ schnell trotz eher mäßigem Wetter an.

Im Anschluss daran wurde die Red Stage von Dellé geentert, der den meisten wohl durch seine Zugehörigkeit zur Band Seeed schonmal zu Ohren gekommen sein sollte. Als Solokünstler war der deutsche Reggae-Musiker mit ghanaischen Wurzeln in den vergangenen Jahren nur relativ selten unterwegs – seinem Auftritt war das jedoch kaum anzumerken. Dellé überzeugte sowohl musikalisch als auch alleine schon durch seine Ausstrahlung. Denn wer diesen Musiker während seinen Auftritten lachen sieht, der kann eigentlich nicht mehr still stehen – gute Laune wird wie von selbst verbreitet. Neben einigen älteren Songs, dem Seeed-Klassiker “Cherry Oh” fanden sich auch einige Songs vom kürzlich veröffentlichten Album Neo wieder, die für frischen Wind auf der Bühne sorgten.

Dellé mit neuer EP - Gute-Laune-Garantie!
Dellé mit neuem Album – Gute-Laune-Garantie!

Große Hoffnungen ruhten auf den Franzosen von Dub Inc, welche mit ihrer Musik den verschiedensten kulturellen Hintergründen ihrer Mitglieder Rechnung tragen: Reggae trifft auf afrikanische und arabische Rhythmik und auf drei Sprachen werden politische Themen und soziale Missstände verarbeitet. Klingt hier geschrieben sehr verkopft, geht aber richtig nach vorne. Wer nach dem Konzert nicht ordentlich durchgeschwitzt war, hat auf jeden Fall was falsch gemacht. Insbesondere die Songs von Hors Controle, dem vorletzten Studioalbum der Band, begeisterten das Publikum.

Den inzwischen sonnig geworden Sonntag haben wir bei Chefket vor dem großen Finale mit Morgan Heritage inklusive Feuerwerk genossen. Der Wahlberliner Chefket fliegt seit Jahren ein bisschen unter dem Radar, bekam auf dem Summerjam als vorletzter Act auf der Greenstage aber eine verdiente Bühne: Ein bisschen verloren auf der Bühne mit Pianist/ DJ und zwei Sängerinnen wurde er seinem Ruf als starker Live-Künstler aber absolut gerecht. Mühelos wandelte er durch ein gut ausgewähltes Repertoire seiner Songs, von lässig zu nachdenklich, von gesprochenen Parts zu Doubletime gab es am Ende sogar noch einen Freestyle-Part. Den eigenen Anspruch “viel mehr als nur rappen und singen” hat Chefket mit diesem Auftritt mehr als erfüllt.

"viel mehr als nur rappen und singen”
“viel mehr als nur rappen und singen”

Gerade nach diesem Konzert war es doch mehr als schade, dass das Summerjam 2016 sich schon so sehr dem Ende neigte. Zur Redstage gewechselt wurden die Summerjam-Besucher noch von der besten Reggaeband der Welt verwöhnt – zumindest wenn es nach den Grammys 2015 geht. Aber Auszeichnungen bei Seite bildeten Morgan Heritage einen würdigen Abschluss des diesjährigen Jams und banden auch noch den eigenen Nachwuchs musikalisch mit ein, wobei wir auf Ed Sheerans “The A-Team” zwischendurch hätten verzichten können. Nichts desto trotz endete auch dieses Summerjam traditionell mit Feuerwerk und dem “Redemption Song”.

Unser Fazit

Man merkt am generellen Mangel von Kritik sicher unsere Begeisterung – auch weil die Erwartungen an das diesjährige Summerjam übertroffen wurden. Die letzten Jahre waren oftmals Künstler mit dabei, die vielleicht vom Genre gar nicht mal so sehr, aber zumindest inhaltlich schon etwas aus dem Schema fielen. Die Mischung dieses Jahr war insgesamt gelungen, auch wenn es sicher schon, rein von der Popularität der vertretenen Artists her,  stärkere Line Ups gab. Viele Künstler dieses Jahr waren sehr politisch, die Situation der Geflüchteten in Deutschland, Geschlechtergerechtigkeit und Kampf gegen Rassismus waren wiederkehrende Themen, die musikalisch und in Appellen vertreten wurden.

Kein Platz für Rassimus!
Kein Platz für Rassimus!

Daher bleibt uns das diesjährige Summerjam auch nicht nur als reine Musikveranstaltung in Erinnerung. Vielmehr hat das Wochenende uns auch nochmal deutlich gemacht, dass Musik mehr als Vergnügen ist. Das Summerjam ist Stimme und Plattform des Reggae und Hip Hop, deren Botschaften beachtet werden sollten.

Ausgewählte Konzerte vom Summerjam werden vom Rockpalast auf WDR am 18. und 25. Juli, sowie am 1. August übertragen.

Empfohlene Links

WDR Rockpalast Summerjam
Regaeville Summerjam 2016
Summerjam Website
Summerjam Facebook

Autoren: Philipp Lehmann & Lars Junker
Fotos: summerjam.de

Philipp Lehmann

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