Kate Tempest – Worauf du dich verlassen kannst

Kate Tempest ist eine Ausnahmekünstlerin. Neben dem Hip-Hop ist die Londonerin auch als Lyrikerin sehr aktiv, vor einiger Zeit veröffentlichte sie einen eigenen Gedichtband, der mittlerweile auch ins Deutsche übersetzt wurde. Ganz nebenbei schreibt Tempest noch eigene Theaterstücke und hat sich auch als Poetry Slamerin mittlerweile einen Namen gemacht. Da wundert es nicht, dass die Lyrikerin sich mit Worauf du dich verlassen kannst auch an ihrem ersten Roman versucht.

Und schon im Laufe der ersten Seiten wird dem Leser bewusst: hier schreibt eine Lyrikerin. Tempest steigt direkt voll ein und nutzt eine sprachliche Breite, wie man sie in einem Roman wohl nur selten findet. Sie malt mit ihren Worten Bilder, die eine einzigartige Tiefe auszeichnet – dementsprechend ist Worauf du dich verlassen kannst jedoch keine ganz leichte Lektüre.

Ein Mosaik

Eine kurze Zusammenfassung der Handlung des Romans ist eigentlich nicht möglich. Tempest nutzt in ihrer Erzählung sehr viele verschiedene Figuren, die zu Beginn nicht viel miteinander verbindet. Sie erweckt im ersten Teil des Romans schon fast den Eindruck, als ob sie einzelne Kurzgeschichten zu den verschiedensten Persönlichkeiten erzählt, in deren Leben eintaucht und Erfahrungen, Gefühle und Träume der Charaktere thematisiert.
Es finden sich jedoch einige immer wiederkehrende Figuren, die dementsprechend an Bedeutung gewinnen und deren Wege sich im weiteren Verlauf der Geschichte kreuzen, wodurch die Handlung erst so richtig an Schwung gewinnt.

Becky – Die Tänzerin

Becky stellt die wohl wichtigste Figur im Roman dar. Seit ihrer Jugendzeit arbeitet sie kontinuierlich an der Verwirklichung ihres Traums, Tänzerin zu werden. Wirklich viel Geld verdient sie so jedoch nicht, so dass sie nebenbei im Café ihres Onkels arbeitet und zusätzlich noch erotische Massagen gibt.
Becky wird unter anderem durch ihren familiären Hintergrund geprägt. Ihr Vater ist für sie ein nahezu Unbekannter, der als politischer Idealist und Regierungsgegner durch seine Aktivitäten im Gefängnis landet. Beckys Mutter scheitert an der Verarbeitung dieser Entwicklung, Becky wird daher mehr oder weniger von ihrem Onkel und ihrer Tante erzogen.

Pete – Der Arbeitslose

Pete stellt einen starken Kontrast zu Becky dar. Daher wundert es eigentlich nicht, dass die beiden sich sehr schnell finden und in einer Art Beziehung landen.
Pete scheint permanent arbeitslos zu sein. Er findet keine dauerhafte Arbeit, weiß überhaupt nicht, was er machen will, wirkt vollständig orientierungslos. Diese Ziellosigkeit ändert sich jedoch, als er Becky kennen lernt. Lange Zeit funktioniert die Beziehung der Beiden, jedoch entwickelt Pete nach einiger Zeit ein latentes Problem mit Becky’s Nebenjob als Masseuse.

Harry – Die Dealerin

Richtig gelesen, bei Harry handelt es sich um eine Frau, die ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Kokain verdient. Doch Harry ist meilenweit vom dem typischen Klischee eines Dealers entfernt. Für sie ist der Verkauf von Drogen lediglich ein Mittel zum Zweck, ein Weg, um ein höheres Ziel zu erreichen. Zusammen mit ihrem guten Freund Leon verkauft sie im großen Stil an reiche Kunden auf Nobelpartys und verdient so eine Menge Geld, die ihren Traum ein Stück näher kommen lässt: Eine Begegnungsstätte für jedermann.

Traum vs. Realität

Tempest nutzt in ihrem Debütroman häufig Kontraste. So lässt sie beispielsweise mit Becky und Pete zwei sehr unterschiedliche Personen miteinander kollidieren, doch auch bei den einzelnen Personen findet sich häufig ein Kontrast wieder. Vielerorts schildert Tempest vor allem eine Situation: Traum vs. Realität.

So träumt Becky beispielsweise von einem Leben als Tänzerin, in dem sie von ihrem Beruf leben kann, ihre eigenen Choreographien ausarbeitet und in dem ihre Arbeit von anderen auch als ihre Arbeit wiedererkannt und wertgeschätzt wird.
Die Realität sieht jedoch anders aus: Becky arbeitet zwar zeitweise als Tänzerin, gibt jedoch mehr Geld dafür aus, als sie damit verdient – von Anerkennung und Selbstständigkeit ist sie weit entfernt.

Eine ähnliche Situation findet sich auch bei Harry. Sie arbeitet zwar als Dealerin auf professionellem Niveau und verdient damit einiges an Geld, ist jedoch von ihrem Traum ebenfalls weit entfernt. Sie hasst ihren Job, umgeben von Menschen, die sie nicht leiden kann, doch sie bewahrt ihre eiserne Fassade. Immer im Blick, dass sie nur genug Geld verdienen muss, um ihren Traum einer Begegnungsstätte zu verwirklichen.

Diese Unterschiede zwischen realer Welt und Wunschvorstellung nutzt Tempest in ihrer Erzählung bewusst, um die Geschichte voran zu treiben – bis hin zur Eskalation.

Ein Spiegel unserer Zeit

Kate Tempest beschreibt in Worauf du dich verlassen kannst die Probleme unserer Generation. Am Leben gescheiterte Mittzwanziger durchleben Krisen der unterschiedlichsten Arten. Tempest wird ihrem Ruf als talentierte Lyrikerin gerecht und erzählt sehr realitätsnah. Egal ob Drogen, Liebe oder Kriminalität, die Autorin nimmt kein Blatt vor den Mund – und das ist auch gut so.

“Das Leben ist nichts anderes als Routine und ein Haufen Scheiße“, sagten sie dann, elegant poetisierend, nachdem sie genügend Koks gezogen und sich aufs Zahnfleisch geschmiert hatten. “Es ist immer dasselbe. Arbeiten, essen, schlafen, ficken, saufen, tanzen, sterben.”

Worauf du dich verlassen kannst ist eine klare Leseempfehlung!

Kate Tempest: Worauf du dich verlassen kannst. Roman. Übersetzt von Karl Umlaut und Stella Umlaut. rororo Verlag. Gebundene Ausgabe. 400 Seiten, 14,99 Euro.

Lars Junker

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Lars Junker

Gründer hier. Indie-Kram, gerne auch mal leise, manchmal laut. Vinyl und Kaffee.

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