Michael Schneider – Ein zweites Leben

In Ein zweites Leben schickt Michael Schneider den Protagonisten Fabian Fohrbeck in eine Rehaklinik, um den plötzlichen Tod seiner Frau zu verarbeiten. Für den Professor stellt nicht nur die Trauerbewältigung, sondern auch das „Leben im Singular“, wie Fohrbeck seine Situation in einem Brief an seine verstorbene Ehefrau treffend charakterisiert, eine Herausforderung dar. Während des sechswöchigen Aufenthalts in der Klinik und darüber hinaus ergibt sich für Fohrbeck nicht nur eine Perspektive auf ein künftiges ‚zweites Leben‘, sondern auch eine Retrospektive auf sein bisheriges, erstes Leben.

Das Spiel mit der Form

Dass der 560 Seiten starke Roman nicht erdrückend wirkt, liegt nicht nur daran, dass es Schneider durchgängig gelingt, angesichts höchst persönlich-intimer Themen wie Tod, Trauer und Liebe/Sexualität im fortgeschrittenen Alter die richtigen Töne zu treffen. Ohne den Lesefluss zu stören wechseln sich Erzählpassagen mit Tagebucheinträgen, dem elektronischen Pendant zu Liebesbriefen – soll man es Liebes-E-Mails nennen? – und Zitaten von Größen der Literatur- und Philosophiegeschichte ab. Überhaupt ist dem Roman eine große Zitierfreude anzumerken: Neben den ‚direkten‘ Zitaten lässt sich auch der E-Mail-Wechsel Fohrbecks mit seiner neuen On-Off-Flamme als Anspielung auf die Briefromane des 18. Jahrhunderts wie etwa Goethes Leiden des jungen Werther verstehen. Ein Kuriosum auf Form-Ebene liefert Schneider zum Ende des Buches hin mit einem recht ausführlichen, vollständig wiedergegebenen ‚wissenschaftlichen‘ Vortrag, den der Professor Fohrbeck unter anderem zur Rettung seines Arbeitsplatzes hält.
Darüber hinaus hat auch die Struktur des Romans einiges zu bieten. Der Balanceakt zwischen Reminiszenzen und Reflexionen, dem tiefen und detaillierten Ausleuchten von menschlichen Beziehungen verschiedenster Art, nicht nur im Rahmen von Therapiesitzungen, und dem Erzählen der eigentlichen Handlung ist Schneider in Ein Zweites Leben sehr gut gelungen.

Das Verlieren im Ewigen

Als Fohrbeck und seine Therapiegruppe einen Ausflug in ein Kloster unternehmen, werden sie von einem Mönch durch die Anlage geführt, der seine Rolle als Geistlicher nicht ganz hinter sich lassen kann:

Während seines Vortrages ging der Blick des Geistlichen über die Köpfe seines kleinen Auditoriums hinweg, als ob er sich selbst gerade im Ewigen verliere, indes seine geübte Predigerstimme in immer höhere Tonlagen kletterte. Mir gingen derweil ganz andere Assoziationen durch den Kopf […].

Michael Schneider: Ein zweites Leben. S. 78.

Leider verliert sich der Roman selbst ebenfalls gerne mit geübter Predigerstimme in den Weiten der Systemkritik. Auch wenn verschiedene Facetten von Themen wie dem Gesundheitssystem, der Studienlandschaft oder der Digitalisierung (neben vielen anderen) meist dialogisch beleuchtet werden, kann ein gewisser predigerhafter Unterton oft nicht kaschiert werden. Denn meist geht der Altachtundsechziger Fohrbeck als wortgewandter Sieger aus den Debatten hervor. Der Vorwurf eines verfeindeten Professors an den Protagonisten, Systemkritik sei bekanntlich Fohrbecks Steckenpferd, könnte sich auch als Ausdruck einer selbstironischen Haltung des Autors Schneider auffassen lassen.
Dass ein Roman Systemkritik übt, der über weite Strecken in einer Rehaklinik spielt, die den ‚Gescheiterten‘ einer Gesellschaft als Refugium dient, ist wohl unausweichlich. Dennoch fällt es bei der Lektüre von Ein zweites Leben oft schwer, den belehrenden Charakter der zahlreichen Ausführungen zu übersehen. Freilich sind die Argumente, die Schneider, der wie sein Protagonist Fohrbeck nicht nur Schriftsteller, sondern auch Professor ist, präsentiert, sehr fundiert und werden auch elaboriert wiedergegeben. Dennoch dürfte sich so mancher Leser in die Schulzeit zurückversetzt fühlen, wenn ihm zum x-ten Mal dargelegt wird, warum die Beschleunigung des Alltags, Neoliberalismus, Kapitalismus und Mobiltelefone böse sind und bekämpft werden müssen.

Fazit: Ein zweites Leben

Dass Schneider den Roman derart mit Systemkritik anreichert, ist schade. Denn das eigentliche Kernthema, der Versuch, zwischen Schmerz und Hoffnung, zwischen Ende eines Lebens(abschnitts) und Beginn eines neuen Halt und Haltung zu finden, könnte überzeugender kaum nachvollzogen werden. Diese Leistung des Romans gerät manchmal etwas aus dem Blickfeld, wenn wieder einer der Mittherapierten des Protagonisten anhand seiner Biographie für eine Diskussion über Marx und das Kapital herhalten muss.

Michael Schneider: Ein zweites Leben. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016. Gebundene Ausgabe. 560 Seiten, 24,99 Euro.

Timo Poensgen

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