Anorak. – 20.5.2016 – Köln, Stereo Wonderland

Es ist warm in Köln und im Stereo Wonderland. Vor der kleinen Eckkneipe wird noch fleißig Bier und Anderes getrunken, bis sich die Ersten ins umso Wärmere trauen. Hier ist die Welt noch in Ordnung: es gibt Schnaps zur Begrüßung, die Band kümmert sich persönlich ums Stempelverteilen. „When was the last time you did something for the first time?“, schmückt weniger als 40 Fäuste in dunkelblauer Tinte. Es wird kuschelig zwischen den roten Wänden und dem kleinen Ledersofa.

„Kommt ma’ ran, hier is’ doch noch Platz!“ Frontmann Philipp Lessel ist heute auf Augenhöhe mit dem Publikum. Seine Bandmitglieder stehen ein paar Zentimeter höher und etwas gedrängt auf der Bühne, die wohl vielmehr einem großzügigen Podest gleicht. Die Verteilung ist clever gewählt, wie sich später herausstellen wird, denn Lessel braucht so seinen Platz und springt auf knapp drei Metern immer wieder hin und her, gesellt sich mit auf die Erhöhung oder bleibt fokussiert stehen. Bei der Stimmgewalt, die dabei aus ihn herausdringt traut sich aber sowieso niemand näher ran.

Anorak stehen in erster Linie für Screamo. Kraftvollen Gesang, den sie mit melodischen Gitarren unterlegen oder mit Indie-Sounds beschallen. Post-Hardcore wie er in Deutschland wohl kein zweites Mal zu finden ist. Die Debüt-LP „Enthusiats and collectors“ wechselt zwischen laut und leise, zwischen treibend und euphorisch, lässt aber auch Clean-Parts wie in „Move to the nord (the south is rough)“ zu. Dazu singen und schreien Anorak über Politik, Einsamkeit und schlaflose Nächte. Weil hier so vieles aufeinander stößt, können Elemente aber schonmal untergehen oder erst beim nächsten Durchgang wahrgenommen werden. Anorak sind eben vor allem eins: eine Liveband.

Für das kölner Quintett ist es heute Abend ein Heimspiel.„Schön, wieder hier zu sein“, haucht Lessel zwischen den Songs, um nach einem großzügigen Atemzug wieder loszulegen. Drummer Giulio Bason haut währenddessen so gnadenlos drauf, dass man selbst bei gleichmäßigen Rhythmen jedes Mal auch vor Schreck mitgeht. Ohropax? Dafür ist’s nun auch zu spät. Wer das ausgetüftelte Zusammenspiel von Melodik und Screams schon mit bloßen Ohren gehört hat, wird ohnehin keinen vermeintlich störenden Schutz mehr wollen. Mit dem Sound der Platte, die die Band inklusive individuellem Polaroid pro Stück mitgebracht hat, ist die sich aufbauschende Intimität hier einfach nicht zu vergleichen. Immerhin kommt Lessel dem drohenden Tinnitus dann entgegen und tauscht zum Schluss das Mikro- gegen ein Megafon, während er die Theke des Stereo Wonderlands entert. Logisch, dass das Publikum, welches die knappe Stunde übrigens hervorragend ohne lästige Smartphoneaufnahmen verbracht hat, mehr will. Über die Zugabe „These times“ wird dann demokratisch entschieden. Über den restlichen Verlauf des Abends auch, dableiben und anstoßen gewinnt einstimmig.

Homepage: http://anorakband.org/

Facebook: https://www.facebook.com/anoraktheband/?ref=ts&fref=ts

Live:

25.05. Oberhausen, Druckluft
26.06. Münster, Baracke
02.07. Langenfeld, Kellercafe
15.07. Dresden, Umsonst und Draußen
16.07. Nürnberg, Z-Bau Galerie
13.08. Hömber, Rock am Berg
19.08. Nonrod, Nonstock Farmer’s Edition

Lena Zschirpe

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