Peter Singer – Effektiver Altruismus

Der Philosoph Peter Singer will in seinem Buch Effektiver Altruismus eine Anleitung zum ethischen Leben geben. Auf die meisten Menschen dürften einige seiner Argumente befremdlich wirken. Das liegt vor allem daran, dass Singer in seinem Buch die Frage nach dem Verhältnis von Emotion und Vernunft auslotet und vor drastischen Folgerungen nicht zurückschreckt.

Effektiver Altruismus: Mehr Vernunft, weniger Gefühl

Eigentlich klingt es so einfach: Wenn wir Gutes tun wollen, sollten wir das nicht auf Basis von Emotionen, sondern hauptsächlich gut durchdacht tun. Anstatt vieler kleiner Spenden, die kaum über die Bearbeitungsgebühren hinausgehen, lieber einmal im Jahr eine größere Summe spenden. Nicht ergreifende Bilder oder erschütternde Geschichten, sondern Zahlen und Fakten als Ausgangspunkt für die Wohltätigkeit nehmen. Dass die vernunftgesteuerte Vorgehensweise Vorzüge gegenüber der emotionalen hat, erscheint naheliegend, führt jedoch in letzter Konsequenz auch zu einigen moralischen Fallgruben.

Ein Beispiel, das Singer in seinem Buch aufgreift, ist die Aktion der Make-A-Wish Foundation für den krebskranken Jungen Miles Scott, dessen Wunsch es war, einmal in die Fußstapfen des Superhelden Batman zu treten. Am 15. November 2013 wurde San Francisco in Gotham City verwandelt und dem als „Batkid“ verkleideten Miles Scott wurden vom Bürgermeister der Stadt San Francisco die Schlüssel zu „Gotham City“ überreicht. Eine dank Social Media weltweit bekannte Szene, die einem Sterbenskranken den schönsten Tag seines Lebens bescherte und die meisten Augen wohl nicht trocken ließ.

Wie lässt sich Geld am besten nutzen?

Für Singer steht außer Frage, dass mit der Batkid-Aktion Gutes getan wurde. Für ihn steht jedoch auch außer Frage, dass das Geld, das die Make-A-Wish Foundation dafür ausgab, besseren Zwecken dienen könnte. Für ihn soll Wohltätigkeit nämlich nicht nur altruistisch sein, sondern vor allem effektiv. Um die geringe Effektivität der Batkid-Aktion zu illustrieren, fragt Singer, wie viele Leben man von dem eingesetzten Geld wohl hätte retten können. Und je nach Verwendungszweck wären es eine ganze Menge gewesen: Ein Beispiel, das Singer gerne aufführt, ist der Kauf von Malaria-Netzen. Und wären Malaria-Netze gekauft worden, anstatt den jungen Miles für einen Tag in die Haut eines Superhelden zu versetzen, hätten laut Singer etliche Menschenleben gerettet werden können. Obwohl effektive Altruisten auch emotional leben, wie Singer stets betont, wäre für einen effektiven Altruisten Miles Tag als Batkid wohl reine Verschwendung.
Dass einer Einzelaktion das Retten einer Vielzahl von Leben vorzuziehen ist, könnte den meisten Lesern wohl noch einleuchten, obwohl es angesichts der bewegenden Bilder nicht gerade leicht fallen dürfte. Singers Argumentation gerät aber dann ins Schwanken, wenn er Hilfsprojekte gegeneinander aufwiegt, bei denen die Entscheidung wesentlich schwerer fällt. Ist es beispielsweise besser, von einer bestimmten Summe Spendengeld 500 Menschen vor dem Erblinden zu bewahren oder 50 Menschen vor dem Tod? Hier werden anstatt eines Werturteils Statistiken herangezogen, die reichlich zweifelhaft erscheinen. Ist es eine verlässliche Basis für eine solche Entscheidung, dass Blinde sagen, ein Jahr als Blinder sei durchschnittlich so lebenswert wie 10 Monate ohne Beeinträchtigung? Singer (und der effektive Altruismus) beantworten diese Frage mit Ja, den meisten Lesern dürfte diese Antwort schwerer fallen. Das Beispiel offenbart die Krux der streng auf Vernunft basierenden Grundhaltung: Angesichts solcher Entscheidungen stößt die Vernunft an ihre Grenzen – dieses Problem kann auch Singer in Effektiver Altruismus leider nicht überzeugend lösen.

Die Frage nach der Alltagstauglichkeit

Nicht nur in dieser Hinsicht tendiert Singers Buch zu Extremen: An anderer Stelle wird über Menschen berichtet, die eine Karriere als Investmentbanker verfolgen, um bis zu 50% ihres (möglichst hohen) Einkommens zu spenden und dafür beim eigenen Lebensstil große Einbußen in Kauf nehmen. Das ist natürlich ungeachtet der in Effektiver Altruismus ebenfalls debattierten Frage, ob die Tätigkeit als Investmentbanker ethisch vertretbar ist, in gewisser Hinsicht lobenswert. Für den Durchschnittsleser dürfte aber eine Spendenquote von 50% des Einkommens höchst utopisch sein. Wenn es also eine allgemeingültige Lehre aus Singers Buch gibt, ist es wohl die, sich nicht von lächelnden Kindern auf Broschüren verleiten zu lassen und stattdessen in größeren Zeitabständen höhere Summen an Organisationen zu spenden, die nachweislich viel bewirken.

Peter Singer: Effektiver Altruismus. Eine Anleitung zum ethischen Leben. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. Gebundene Ausgabe. 240 Seiten, 24,95 Euro.

Timo Poensgen

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