Interview: Tim Vantol

Wer schon einmal den sympathischen Niederländer Tim Vantol auf der Bühne sehen durfte, der wurde sicherlich von seiner unglaublichen Energie und Freude an der Musik mitgerissen – und das ganz egal, ob Tim alleine mit seiner Gitarre die Clubs für sich einnimmt oder mit kompletter Band. Bei seinem Tourstop in Augsburg hat er mit seiner Crew die Kantine ordentlich zum wackeln und schwitzen gebracht und alle Anwesenden mit seinem Lächeln angesteckt. Zuvor hatte er sogar noch etwas Zeit, um mit uns zu plaudern.

Als ich mich so über dich informiert habe und dich auch schon als Support erleben durfte, habe ich den Eindruck bekommen, dass du ein sehr bescheidener Mensch bist. Du sagst auch über dich selber, dass du weder ein großer Sänger noch großer Musiker bist. Fehlt da nicht ein wenig die Rockstar-Attitüde?

Die gibt es bei mir nicht. Das finde ich auch Quatsch ehrlich gesagt. Das ist aber vielleicht manchmal auch mein Problem. Ich werde niemals von mir behaupten, dass ich etwas wirklich gut kann – außer, es ist ein blöder Witz. Es ist einfach so. Ich bin nicht der beste Musiker, ich bin nicht der beste Songwriter. Ich erkläre das immer gerne mit dem Beispiel des Malens: Wenn man ein Gemälde sieht, denkt man sich oft „Ach, das könnte ich auch.“ Der Unterschied ist: Du hast es nie gemacht. Oder sieh es wie ein Buch. Es ist eine Geschichte, die jemand erzählt. Natürlich könnte man besser darin sein, wie man es erzählt, oder wie man Spannung aufbaut, aber hey, es ist immer noch deine Geschichte. So ist es auch bei mir. Ich mach einfach, was mir Spaß macht und ich glaube, das ist am wichtigsten. Ich werde das niemals von mir behaupten, das kann ich nicht und mag es auch einfach nicht. Ich lass das einfach die anderen Leute machen. Wenn die mir sagen „Hey, das war echt gut“ und es ihnen gefällt – super.

Da verstehe ich dich vollkommen. Ich habe mir nur gedacht, im Business könnte das ja schon oft ganz nützlich sein, wenn man etwas auf dicke Hose macht.

Das ist auch wirklich so, aber wie gesagt kann ich das nicht. Ich überlege momentan sehr viel über das ganze Musikbusiness und kann da 24 Stunden lang darüber reden, wirklich. Aber ne, das ist nichts für mich. Klar, es hilft bei manchen Bands, aber ich bin eben nicht so wie die. Ich mach mein Ding und wenn die Leute das nun scheiße finden sollen sie das auch. Ich hab keinen Bock da irgendwie cool zu tun oder so.

Du hast ja auch auf Youtube eine wunderbare Vlog-Reihe namens „One Minute You Won’t Get Back“ und ich finde das ist schon ziemlich untertrieben. Ich habe mich da sehr amüsiert und finde, dass die Zeit mehr als sinnvoll investiert wurde.

(lacht) Ja, das war natürlich nur ein Witz. Man hat einfach seine Videos gemacht und sich gedacht, jetzt muss noch ein cooler Name her und da sowieso alles Quatsch ist, was auf Tour passiert, haben wir diesen übertriebenen Namen ausgesucht.

Schön ehrlich, passt gut ins Konzept.

Ja genau, man sollte so ehrlich wie möglich bleiben.

Das stimmt. Kurz nochmal zurück zum Rockstar-Sein: Du hast ja früher in einer Punkband angefangen. Was war der Grund, dass du dann den Stil gewechselt hast?

Als ich so 15-16 war haben viele Freunde in Punk-Bands gespielt, so die typischen Three-Piece-Gruppen. Und das war auch schön und ich war auch motiviert, genauer gesagt: zu motiviert. Ich wollte immer, hatte Bock und hatte Hoffnung. Man war jung und dachte, dass man etwas verändern kann, natürlich vollkommener Quatsch, aber das erkennt man eben erst später. Es war einfach schwierig, weil die anderen zwei – richtig gute Freunde von mir, mit denen ich aufgewachsen bin – die wollten das auch, aber ohne die Drecksarbeit dafür zu machen. Die haben immer nur „Ja Ja Ja“ gesagt, aber am Ende nichts getan. Das war kacke, eine ziemliche Enttäuschung. Irgendwann habe ich dann Chuck Ragan in Rotterdam vor, keine Ahnung, vielleicht 30 Leuten spielen sehen und ich dachte mir nur „Der Typ hat Recht“. Einfach nur Musik machen, einfach rausgehen, ohne dass jemand von der Band sagt „Ne, das geht nicht“ oder „Ich hab keinen Bock“. Wir haben es lange versucht, aber irgendwie wollte es nicht funktionieren, weil man auch viel unterwegs war und, ja, jetzt trete ich mit meiner neuen Band auf.

Und manchmal auch ohne.

Genau, je nach Situation.

Du hast ja schon erzählt, dass du immer voller Hoffnung warst und ich finde, das hört man auch immer noch deinen Songs an. Zusätzlich klingt deine Musik für mich auch immer nach Holzfällerhemden, langen Reisen und endlose Landschaften. Würdest du dich also als rastlosen Geist beschreiben?

Auf jeden Fall, das bin ich auch. Immer auf der Suche nach etwas. Einfach immer weitergehen, einfach weitermachen und einfach nicht stillsitzen können. Das ist natürlich auch ein Problem, das glaube ich schon. Ich habe mal ganz lange mit meiner Mutter darüber diskutiert und das hat dann auch zu dem Song „Restless“ von meiner neuen Platte geführt. Weil die das damals auch genauso zu mir gesagt hat. „Hey, du bist so unglaublich restless. Warum?“ Und genau das ist meiner Meinung nach der Unterschied zwischen der Generation meiner Eltern und meiner. Wir können mittlerweile überall hin, für uns ist das alles einfacher. Es gibt das Internet, für uns ist alles möglich. Mein Dad hat 40 Jahre für die gleiche Firma gearbeitet, verstehst du? Es gibt nur noch wenige, die das schaffen. Und das ist auch gar nicht schlimm. Wir sind einfach eine neue Generation und das ist bei mir mit der Musik genauso. Man will immer mal wieder was neues besuchen oder ausprobieren.

Im deutschen gibt es ja das schöne Wörtchen „Wanderlust“, dass es sogar so 1:1 in den englischen Wortschatz geschafft hat, weil es seinen Sinngehalt einfach am Besten beschreibt, wie du es schon angesprochen hast: Die Sehnsucht nach der Ferne und einfach loslaufen. Findest du, dass dieser Begriff das Gefühl gut zusammenfasst, das deine Musik erzeugt?

Ja, jetzt wird es natürlich schon etwas träumerisch, aber am Anfang war das ganz bestimmt so. Am Anfang wollte ich auch einfach unterwegs sein, mache ich auch immer noch gern. Aber jetzt habe ich so eine stabile Basis, ein Zuhause. Und da bin ich natürlich auch gern. Es ist ja auch nicht mehr so, dass ich unterwegs sein muss. Ich freue mich zwar immer wieder, aber zuhause ist auch schön (lacht). Erste Platte ja, zweite Platte dann weniger und die dritte Platte besteht schon eher so aus Meinungen, die ich über diese Welt oder manche Sachen denke.

Wenn du dann aber mal wieder on the road bist, was wäre dann so der ideale Reise-Soundtrack für dich?

Puh, das ist eine echt schwierige Frage. Ich höre sehr viel Unterschiedliches. Ich höre mir zum Beispiel ganz gerne so richtig billigen Country an oder alten Country auch, das ist in den letzten Jahren definitiv bei mir gewachsen. Heutzutage gibt es ja auch Spotify und dadurch findet man so unglaublich viel Neues. Dann denkt man „Woah geil“, merkt sich die und geht dann aber auch wieder weiter. Bei meinem Mix der Woche oder diesen Mixtapes finde ich oft ein, zwei Songs, die mir gefallen und auch so lässt man mal irgendwelche Platten laufen und entdeckt dann neue Künstler, die man gut findet.

Oh ja, das ist extrem praktisch.

Ja, finde ich auch.

Ich habe gelesen, dass jedes deiner Alben die Zeit zwischen ihm und dem vorhergehenden reflektiert. Seit deiner letzten Platte „Burning Desires“ ist mittlerweile auch wieder ein Jahr vergangen, hat sich da schon wieder was an Ereignissen und Ideen angesammelt?

Ja, sicher. Da ist wieder einiges passiert. Zwischen If We Go Down, We Will Go Down Together und Burning Desires ist richtig viel passiert in meinem Leben – was auch nicht immer nur positiv und schön war. Aber es war definitiv eine Grundlage für neues Material. Und auch jetzt gibt es wieder ganz, ganz viel, das sich angesammelt hat und bestimmt auf die neue Platte wandern wird.

Na, da bin ich ja mal gespannt was du dann verarbeitest.

Ja irgendwann denkt man sich schon „Was kann ich jetzt noch machen?“, „Worüber kann ich jetzt noch schreiben?“ aber das wird schon immer wieder funktionieren. Die Frage wird halt nur sein, wie lange das dauert. Aber kriegen wir schon hin.

Bloß keinen Druck machen.

Naja, trotzdem muss man manchmal ein wenig Druck machen. Die letzte Platte hat mir zum Beispiel schon zu lange gedauert und das darf nicht mehr so sein. Mal sehen, wenn ich von der Tour heimkomme, werde ich mich wohl gleich wieder hinsetzen und losschreiben.

Im Deutschen heißt es ja auch „Gut Ding will Weile haben“.

Ja ja genau, hoffentlich wird das auch so.

Ich habe dich übrigens in diesem Jahr schon einmal gesehen, auf dem Musikmarathon in Ulm. Ich finde dieses Event wirklich unterstützenswert und all das, was es für den guten Zweck bewerkstelligt (Anm. d. Redaktion: Das Konzept ist, dass die Künstler ohne Gage drei, vier Songs spielen, die Auftritte wie bei einem Marathon nahtlos ohne Pause stattfinden und sowohl die Einnahmen vom Eintritt als auch die der Essens- und Trinkstände für wohltätige Organisationen gespendet werden). Findest du, dass die Musikindustrie mehr solcher Aktionen machen und sich mehr für eine bessere Welt einsetzen sollte?

Das ist schwierig zu sagen. Weißt du, manchmal muss ich auch bei Anfragen für den guten Zweck “Nein” sagen. Versteh mich nicht falsch, ich würde wirklich jedem helfen und so viel wie möglich in die Richtung machen und es gibt Millionen Künstler, die das auch so machen, aber man darf nie vergessen, dass die ganze Produktion wie zum Beispiel eine Band mitzunehmen auch nun mal Geld kostet. Und ich bin da ganz ehrlich, ich kann mir das oft einfach nicht leisten für solche Aktionen. Dann ist es auch so, dass ich oft sagen kann „Ja, ich kann mal kommen. Aber ich brauch so und so viel Geld“. Du musst ja auch sehen, dass da nie so wirklich viel Geld dabei rumgeht. Man hat ja seine Crew mit, das Management und die ganze Vorarbeit. Manchmal geht das, manchmal nicht. Wir wollen ja auch schließlich eine bestmögliche Show bieten. Ich freue mich natürlich sehr, wenn ich solche Gigs dann wirklich spielen kann. Wenn ich jemanden durch so etwas helfen kann – super. Aber es ist eben nicht immer einfach. Es tut mir auch echt immer extrem leid, wenn ich solche Anfragen ablehnen muss und ich habe auch Angst, dass die Leute das dann oft nicht verstehen. Es ist halt schwierig. Das ist wie wenn man irgendwelche Charity-Sachen im Internet teilt, wenn du es bei einem machst musst du es bei allen machen. Man muss auch vorsichtig sein, dass man nicht alles macht außer das, was derjenige machen soll. Und ja, die Musikszene, aber eigentlich ja auch alle, die ganze Welt, sollte viel mehr für den guten Zweck machen. Ganz ehrlich: Ich glaube, da wird auch jetzt schon echt viel gemacht, in allen möglichen Bereichen. Beim Marathon waren ja auch zum Beispiel die Leute von Viva Con Agua dabei und das ist natürlich eine sehr geile Sache, was die machen. Wenn wir dann auch noch mit einer Show helfen können, das zu unterstützen, ist das perfekt.

Das stimmt, es gibt echt viele richtig coole und unterstützenswerte Leute da draußen, die was verändern wollen. Damit wir aber nicht auf so einer ernsten Note das Gespräch beenden, habe ich noch eine kleine Spaßfrage mitgebracht: Im Internet werden gerne von vielen Leuten „inspirierende“ und „tiefschürfende“ Sprüche oder Zitate über Bildern von atemberaubenden Landschaften geteilt, du kennst das ja bestimmt. Wenn man so dein Merch anguckt hast du echt viele schöne Weisheiten in deinen Songs versteckt und da wollte ich mal wissen, wie so ein ausnahmsweise ernstgemeinter und für dich „wahrer“ „Inspirational Quote“ aussehen würde, wenn du dir einen Spruch und eine Szene aussuchen dürftest. Was würdest du rumschicken?

Das ist jetzt echt schwierig, weil sowas kann ich überhaupt gar nicht (lacht). Das ist mir jetzt auch fast ein wenig zu peinlich, um das mit einem Zitat und so zu machen. Neee, da sag ich lieber „Hör dir meine Platte an und such dir einen Satz raus, der für dich wichtig ist und der dir gefällt und mach da selbst was draus.“Einfach schön die Leute machen lassen. Ich meine, ich schreib meine Songs und wenn die Leute unbedingt wollen, können die daraus auch gern dann ein tolles Bild auf Instagram machen oder so. Wenn du jetzt auf meine T-Shirts guckst, stehen da ja auch Songzeilen drauf wie „If We Go Down, We Will Go Down Together“, aber das dann so auf diese Art rumzuschicken – ne. Ich will da nichts explizit aus meinen eigenen Songs rauspicken und daraus zitieren, das muss echt nicht sein.

Klar, ich bin da auch überhaupt nicht der Typ für und könnte sowas auch nicht machen.

Das ist halt oft einfach so schnell unglaublich cheesy. Gut, dass ich nicht Rock’n’Roll bin, haben wir ja schon klar gemacht, aber dann mit so etwas ankommen – nene! (lacht).

Das muss wirklich nicht sein. Und bevor wir noch weiter in die Cheesyness abdriften, beenden wir das Gespräch mal lieber. Vielen Dank , dass du dir die Zeit genommen hast.

 

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Christian Gschwilm

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Christian Gschwilm

Texter aus Leidenschaft, Konzert-Suchti, Bierdeckelphilosoph. Kann ganz gut mit Worten jonglieren und kennt sich im Medien-Zirkus aus.

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