Boysetsfire / Family First Fest – 02.02.2018 – Köln, Palladium

Als Hochburg des Karnevals ist Köln bekannt. Nur eine knappe Woche vor diesem regionalen Ereignis eroberte die amerikanische Band Boysetsfire die Stadt. Am Freitag, den 2. Februar legten sie das Famliy First Festival, das vor drei Jahren bereits am selben Ort schon einmal stattgefunden hatte, neu auf. Sie kamen, um den zweiten Monat des Jahres mit weniger jecken, aber dafür umso mehr lauten, rebellischen und krachenden Klängen einzuleiten.

Die Posthardcore-Band, deren Gründung bereits mehr als 20 Jahre zurückliegt und deren Diskografie unter anderem acht Alben umfasst, hat hierzulande immer noch viele Anhänger. Denn das Festival, auf dessen Bühne vier weitere Bands standen, war bereits Monate im Voraus ausverkauft. Auch die Tickets für die Warm Up-Show in der Live Music Hall einen Tag zuvor waren weggegangen wie klebrige Schnäpse beim Rosenmontagszug. Ähnlich verlief es mit dem Kontingent für den Solo-Auftritt des BSF-Sängers Nathan Gray am Samstag nach dem Family First Festival. Und kurz bevor diese geballte Ladung Punk N‘Roll in Köln ausbrechen sollte, wurde eine weitere Musiksession über einen E-Mail-Newsletter bekannt geben: „…And to make it really special we wanna do a very small, very intimate secret show. No masters, no barriers, no bouncers. Just you and us.“ Ja, wirklich klein ist das Gebäude 9 im Kölner Stadtteil Deutz, insbesondere mit der Festival-Spielstätte des bis zu 4.000 Besucher fassenden Palladiums verglichen.

Wie bei der russischen Schachtelpuppe Matrjoschka hatte sich nun ein immer kleineres, noch intimeres Event für die BSF-Fangemeinde aufgetan. Auf vier Konzerte im Gesamten kamen die US-Amerikaner bei ihrem Köln-Aufenthalt somit. Der eine oder andere wird sich wohl mehrere oder sogar alle der Konzerte gegönnt haben. Doch auch der Gedanke „Hätte ich das vorher gewusst, wäre ich gleich (nur) zu dem kleineren Gig gegangen“, wird in manch einem Punkrock-Kopf herumgeschwirrt sein. Schließlich bevorzugen viele Musikliebhaber kleinere Hallen und nehmen die größeren Locations nach gesteigertem Bekanntheitsgrad der ehemals als Geheimtipp geltenden Lieblingsband eher billigend in Kauf. Nostalgische Gesprächsfetzen wie „Haben wir die nicht damals mal im Underground gesehen?!“ konnten zumindest als Hinweis daraufhin gewertet werden. Hinzukommt, dass das eher schlauchförmige Palladium nicht immer und vor allem an nicht allen Plätzen in der Halle mit einem guten Sound glänzt. Trotz alldem gab sich die Band die größte Mühe, auch an diesem Abend für Fannähe und Exklusivität zu sorgen.

Der Zeitplan der bereits am späteren Nachmittag beginnenden Veranstaltung wurde gut eingehalten, sodass Ays, Great Collapse, Fjørt und Dave Hause & The Mermaid das Publikum aufheizten, aber auch nicht zu sehr warten ließen. Denn es war durchaus spürbar, wo bei den Besuchern das hauptsächliche Interesse lag: bei Boysetsfire. So wurde der Status „ausverkauft“ erst gegen Abend und in Richtung Hauptact spürbar.

Die Vorbands zusammen betrachtet bildeten weniger eine homogene Masse, als eher ein – wenn auch gemäßigtes – Kontrastprogramm. So etwa die deutsche Truppe von Fjørt, deren düster-sphärische Bühnenbeleuchtung mitsamt dem Eisberg-Hintergrund ihre harte melancholische Musik untermalte und damit einen Gegensatz zu Dave Hause und seiner Meerjungfrauen-Truppe bildete. Denn auch wenn Dave Hause musikalische Wurzeln im Hardcore und Punk hat und wie er stolz berichtete den Hardcore-Urgesteinen von Sick Of It All vor Jahren als Roadie zur Seite gestanden hatte, ist sein heutiger Sound in Richtung Rock einzuordnen. Mehr nach Party im fröhlicheren Sinne klingt dessen Musik. Besonders, wenn zu den Gitarren- und Keyboard-Klängen interessante Blasinstrumente hinzugezogen werden. Dazu passend erinnerten die Bewegungen des Publikums stellenweise fast schon ein wenig ans Schunkeln; vielleicht haben sich da doch schon ein paar Leute auf den Karneval vorbereiten wollen.

Und dann kam es zum Höhepunkt des Abends: Nach einem kleinen Intro vom Band fiel mit einem großen Ruck das bühnenfüllende Band-Banner von Boysetsfire, hinter dem die Musiker in Bereitschaft getreten waren. Sofort setzten sie mit schnellen Tönen ein. Alte wie neuere Songs spielten sie mit viel Freude und hatten die ganze Halle voll auf ihrer Seite.

Wie auch schon z. B. Opener Fjort zuvor – hier ging es bei den Aachenern um derzeit aktive rechtspopulistische Parteien im nationalen politischen Geschehen – oder Dave Hause, der den Song „Dirty Fucker“ einem gewissen „piece of shit in the white house“ widmete, gaben auch Boysetsfire erwartungsgemäß politische Statements ab. Im Herzen immer der Punk kann diese Gruppe wohl kaum die aktuelle Regierung ihres Heimatlandes gut heißen. Sie ernteten – ebenfalls erwartungsgemäß – viel Applaus aus dem Publikum dafür. Außerdem dankte die Band sowohl den treuen Fans als auch den unterstützenden Bands des Abends.

Die bereits erwähnte besondere Fannähe schaffte das Quintett unter anderem mit einer ganz speziellen Aktion an diesem Abend herzustellen: Sänger Nathan und Gitarrist Chad Istvan verlegten ihren Platz von der Bühne hin zum im hinteren Drittel der Halle stehenden Mischpult. So sorgten sie dafür, dass auf einmal Besucher in der ersten Reihe standen, die damit selbst nicht einmal gerechnet hatten. „Jetzt seid ihr sogar in der ersten Reihe“, merkte Gray dazu an und freute sich sichtlich über die ihm zuteil werdende Aufmerksamkeit. Von dem neuen Platz aus verschafften sie den anderen Bandmitgliedern eine kleine Spielpause und legten ein erstklassiges Akustikset ein. Dass Nathan Gray dabei einen Song sogar vom Blatt ablesen musste, tat dem keinen Abbruch. Er kommentierte dies einfach selbstironisch, dafür schäme er sich nicht. Nathan Gray scheint überhaupt nicht nur gern zu singen, sondern auch zu reden. Oder sich reden zu hören? So konnte die Frage „are you ready“ von seinem musikalischen Begleiter als sehr neckend interpretiert werden.

Zurück auf der eigentlichen Bühne zeigte wieder die ganze Band, wie viel Spaß sie mit ihrer Musik und den Fans hatten. Eine Stimmung, die den ganzen Abend über zu spüren war. Auch an Zugaben mangelte es nach dem ersten Abzug von der Bühne und heftigem Bitten der Fans nicht. Nach einem solch erfolgreichen Besuch in Köln ist es wohl nicht auszuschließen, dass BSF mit ihrem Family First Festival noch einmal zurückkommen werden. Auch wenn dies wohl keine so feste Institution wie der Karneval werden wird, die eine oder andere Wiederholung ist sicherlich herzlich willkommen.

Fotos: Stefanie Zerres

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