Benjamin Clementine – 19.11.2017 – München, Philharmonie im Gasteig

Benjamin Clementine ist ein Ausnahmekünstler. Diese unumstößliche Tatsache untermauerte er in München mit einem Konzert, das in vielen Punkten einzigartig war.

Es begann schon bei der Wahl der Location. Die Philharmonie des Gasteigs in München wurde an diesem Sonntag zum Ort, an dem Brücken geschlagen wurden. Mit seinem neuen Album I Tell A Fly hat es Clementine nicht nur geschafft, Pop- mit klassischer Musik zu vereinen, sondern auch die Menschen. In dem klangtechnisch perfekt konzipierten Saal, der sonst ganze Orchester beherbergt und in dem die Werke der alten Großmeister erklingen, traf nun der Feuilleton auf den gemeinen Musikfan, Elfenbeinturm auf WG-Küche. Alle kamen sie, um dem großen Virtuosen zu lauschen – und verstummten kollektiv, als endlich das Licht gedämmt wurde.

Ein einzelnes Spotlight ließ den unscheinbaren Mann im blauen Overall erstrahlen, der barfuß und unbeweglich auf der Bühne stand. Die schwere, erwartungsvolle Stille ließ er zunächst auf sich wirken, spielte mit ihr und durchbrach sie schließlich mit einem Monolog, der durch Mark und Bein ging. Eindringlich sang er dem Publikum entgegen, spielte nebenbei mit einem grünen Apfel. Clementines Zweitlingswerk war ursprünglich als Theaterstück konzipiert und diese Grundlage machte das Konzert zu etwas ganz Besonderem. Inmitten von weißen Mannequins, die größtenteils schwangere Frauen und Kinder darstellten, spielten der Klavier-Virtuose und seine überschaubare Crew (Bass und Schlagzeug) zunächst ausschließlich Songs des neuesten Albums aufgrund des roten Fadens.

Die bleichen und stummen Requisiten wurden immer wieder zum zentralen Element der Darbietung und ergänzten die Botschaften der einzelnen Songs auf bildliche Weise. So wurde im Zuge von „One Awkward Fish“ die Figur eines kleinen Jungen als eben jener merkwürdige Fisch besungen und von Clementine den Anwesenden entgegengestreckt – eine Analogie für all die Kinder, die im Mittelmeer Tag für Tag auf der Flucht ertrinken und oft nicht richtig schwimmen können. Seine Schaufensterpuppen stellte der Brite als ‚Time‘ vor, nummerierte sie als ‚Time 1‘, ‚Time 2‘ und weiter aufwärts. Die Namenswahl begründete er damit, dass er sie ansprechen, fragen, anflehen kann, wie er will – sie aber nie antworten.

Die gesellschaftskritischen und politischen Themen erhielten durch die Inszenierung eine fesselnde Wirkung, die betroffen machte. Am Ende von „Phantom Of Alleppoville“ fragte Clementine die Zuschauer, ob sie dieses Phantom erkennen können, denn er könne es nicht. Die einzelnen schüchternen ‚No!‘-Rufe schienen ihm nicht genug gewesen zu sein und so fragte er zornig-fordernd noch einmal und erntete dann das Ausmaß an Antworten, mit dem er zufrieden war. Thematiken, die wehtun weiterhin zu ignorieren, war keine Option mehr. Bei dem humorvoll-fröhlich verharmlosten „By The Ports Of Europe“ kam die Moral in Form der beiden unterstützenden Musiker auch direkt zum Publikum, als sie minutenlang zusammen mit Benjamin Mantra-artig „Portobello“ von sich gaben und durch die Sitzreihen wanderten.

Doch der metaphorische Zeigefinger war nicht immer erhoben. Benjamin erzählte auch einfach, aber schonungslos von seiner schweren Vergangenheit. Seine Erfahrung als Opfer von Mobbing ging zu Herzen und diese Empathie übertrug sich auf die zahllosen Flüchtlingskinder, in deren aktueller Situation er eine Analogie zu seinem früheren Leiden sah.

Zwischendurch nahmen die Sprechparts sogar Züge eines Stand-Up-Programms an. Lässig mit Mikro lief Benjamin Clementine die Bühne auf und ab und ließ das Publikum an einer Stelle an seinen Erlebnissen in Hamburg am Tag zuvor teilhaben. Er habe zwar einen Song namens „I Won’t Complain“, aber jetzt wäre doch mal Zeit, sich zu beschweren. So verstehe er nicht, dass Hamburg sich ein Luxusprojekt wie die Elbphilharmonie, die 700 Millionen Euro verschluckte, leisten konnte, während so viele Teile der Stadt absolut ‚terrible‘ – sprich arm und heruntergewirtschaftet – sind. Außerdem sei der Saal des Konzerthauses zwar technisch ohne Makel gewesen, aber für ein Catering der Künstler wurde nicht gesorgt. So mussten sich Benjamin und sein Team durch eine Stadt voller geschlossener Läden kämpfen, nur um dann hungergeplagt wieder in der Elbphilharmonie aufzukreuzen und ein paar lieblos organisierte Sandwiches zu bekommen, die – der Zuhörer ahnte es schon – absolut ‚terrible‘ waren.

Nach der Zugabe gab es dann die großen und eingängigen Hits des Debütalbums wie „London“ oder „Cornerstone“. Auch hier zeigte sich das Publikum zurückhaltend, als es an einer Stelle zum Mitsingen aufgefordert wurde. Waren die Feuilletonleser überrascht, weil sie so eine Interaktivität nicht gewohnt waren? Waren die Musikfans von der gehobenen Atmosphäre eingeschüchtert? Nach (sehr) vielen Wiederholungen kam dann ein ganz passabler Chor zustande, der gegen Ende vom großen Meister am Klavier begleitet wurde. Es entstand ein unglaublich schönes und vor allem menschliches Spiel, das den unscheinbaren Mann im blauen Overall nach einer fast zweistündigen Vorstellung glücklich von der Bühne abtreten ließ.

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Bilder: Christian Gschwilm

 

Christian Gschwilm

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Christian Gschwilm

Texter aus Leidenschaft, Konzert-Suchti, Bierdeckelphilosoph. Kann ganz gut mit Worten jonglieren und kennt sich im Medien-Zirkus aus.

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