Interview: Anneke van Giersbergen / Vuur

Nach dem Betreten verschiedener Solopfade und musikalischen Kollaborationen hat die niederländische Sängerin Anneke van Giersbergen eine neue Band gegründet. Vuur ist mit dem ausdrücklichen Wunsch entstanden, wieder härtere Musik zu machen. Damit muss sie sich Vergleiche zu der von ihr über Jahre lang mitgeprägten Gruppe The Gathering gefallen lassen. Wie sich die neue Band davon unterscheidet, welche Geschichten das Debütalbum von Vuur zu erzählen hat und wie die Suche nach Inspiration bei einer Künstlerin zwischen Verpflichtung und Mystik funktioniert, erfuhren wir von Anneke vor ihrem Konzert in Köln.

Anneke, würdest du Vuur eher als ein Projekt oder eine Band im engeren Sinne bezeichnen?

Anneke: Vuur ist eine richtige Band, meine Band. Ich hatte die Idee dazu, als ich mit The Gentle Storm, einer Band von Arjen Lucassen und mir, tourte. Die Musiker waren so großartig, dass ich mit ihnen meine neue Band gründen wollte. Denn ich habe schon lange geplant, eine Heavy-Band zu gründen, um mehr Metal oder Progressive Rock zu machen. Also fragte ich, ob sie mich dabei begleiten wollten und so kamen wir zusammen.

Wer ist dabei federführend?

Anneke: Das bin ich. Es sind meine Ideen und auch die Richtung, in die das Ganze gehen soll, kommt von mir. Wir haben die Songs für unser Album zusammen mit unserem Produzenten Joost van den Broek und unseren Gitarristen Jord und Ferry geschrieben. Mit den Demos der Stücke sind wir ins Studio gegangen und die Band hat dann ihre eigenen Ideen und Interpretationen in die Lieder mit eingebracht, was sie verbessert und verschönert hat. Letztendlich haben wir das also alle zusammen gemacht.

Was hat es mit dem Bandnamen auf sich? Vuur heißt Feuer. Warum hast du einen niederländischen Namen gewählt und was bedeutet er für dich?

Anneke: Ich wollte die Band ursprünglich „fire“ nennen. Aber das englische Wort wird schon häufig von Bands benutzt. Ich wollte einen einzigartigen Namen, was natürlich jeder will. Inhaltlich habe ich es gewählt, weil ich das Element Feuer mit seinen unterschiedlichen Bedeutungen liebe. Feuer steht einerseits für etwas Bedrohliches aber andererseits auch unter anderem für Energie und für Leidenschaft. Alles ist irgendwie Feuer. Mir gefällt der Begriff als Beschreibung für unsere Musik und für unsere Band. Es passt, ist zudem kurz und hört sich gut an. Das Niederländische ist persönlicher, es kommt eben aus unserer Heimat.

Einer Studie zufolge sind Menschen, die häufig Tagträume haben, besonders kreativ. Was treibt dich an, was inspiriert dich in deiner Arbeit als Künstlerin?

Anneke: Ja, ich tagträume auch. Sicherlich habe ich das noch mehr getan, als ich jünger war. Ich denke immer über vieles nach. Um etwas zu erschaffen, musst du eine gewisse Zeit mit deinen Gedanken woanders sein. Du brauchst natürlich Intuition und Inspiration. Aber du musst auch hart arbeiten, um einen Song oder ein ganzes Album zu machen. Für mich funktioniert das ganz gut, wenn ich eine bestimmte Zeit für diese Arbeit habe und sie auch zu einem gewissen Zeitpunkt abgeschlossen haben muss. Ich habe einen Sohn und muss morgens dafür sorgen, dass er für die Schule bereit ist. Danach setze ich mich hin, um Songs zu schreiben. Ich versuche mich dabei zu öffnen und hoffe darauf, dass ich inspiriert werde.

Du brauchst also auch einen gewissen Druck, eine Deadline?

Anneke: Ja irgendwie schon. Aber es ist ja etwas, das ich gerne mache. Ich freue mich auf das Endprodukt und dann kommt die Inspiration auch meistens von selbst. Das klappt natürlich nicht immer. Manchmal sitze ich den ganzen Morgen einfach nur da und ärgere mich, den halben Tag verschwendet zu haben. Doch meistens geht es, wenn ich der Sache etwas Zeit gebe. Ich lese dann oder spiele Gitarre und bekomme dann häufig Ideen, sodass ich anfangen kann zu arbeiten. Ich denke, die Balance zwischen Intuition und Arbeit ist wichtig. Darüber nachzudenken und damit dann auch wirklich etwas anzupacken, das ist der Schlüssel. Auch wenn ich oft rausgehe mit der Absicht, vielleicht dabei ein paar Ideen zu bekommen, kann ich in der Regel nicht den ganzen Tag im Wald spazieren gehen und einfach auf Inspiration warten. Aber normalerweise ergibt sich immer etwas.

Finden sich in Vuur Elemente von deinen anderen musikalischen Arbeiten wie The Gathering und The Gentle Storm wieder?

Anneke: Wenn ich sage, dass ich eine neue Band habe, die härter ist, die Heavy Metal oder Progressive spielt, sagen alle: „O.k. das wird also wie The Gathering?“.

Warum nicht?

Anneke: Klar, warum nicht. Schließlich ist die Art meines Gesanges ein Teil von The Gathering und dieser Gesang ist auch in Vuur. Aber letztlich ist Vuur härter geworden und hat wirklich einen anderen Sound als der von The Gathering. Vuur ist ein bisschen mehr wie The Gentle Storm, was allerdings sehr viele Folk-Einflüsse hatte durch den Einfluss von Arian. Aber wenn wir live spielen, spielen wir auch immer Gathering– und Gentle Storm-Songs, also immer auch eine Art Rückschau.

Was gefällt dir an härterer Musik im Vergleich zu ruhigerer, langsamerer?

Anneke: Ich mag die Energie von Heavy-Music. Es gefällt mir, wenn Dunkelheit und Schönheit in der Musik zusammengebracht werden. Ich mag Heavy-Bands, die auch melodisch sind. Wenn sie Schönheit haben, aber gleichzeitig sehr hart und dunkel sind, wie Mastodon beispielsweise, was vielleicht eher Alternative Metal ist, oder Prog-Metal wie Opeth. Ich denke, so ist auch das Leben selbst – manchmal dunkel, manchmal hell. Und ich versuche diese Dinge zu kombinieren.

Dein Gesang ist dann der hellere Teil in der Musik?

Anneke: Ich vermute, ja. Ich glaube, meine Vocals, die Melodie darin und der hellere Sound meiner Stimme ist der Licht-Teil. Ich wollte auch, dass die Musik von Vuur maskulin und hart ist, fast ohne Kompromisse. So kann ich die beiden Komponenten zusammen bringen und ein Ganzes daraus machen.

Gibt es rückblickend für dich in deiner Arbeit Erfahrungen, die du bedauerst oder ist einfach alles Teil des Ganzen?

Anneke: Also wenn ich mir auf Youtube die Show von gestern ansehe, denke ich immer, dass ich das doch besser machen kann. Denn ich will ja wachsen. Ich will jeden Tag besser sein, sonst hat es keinen Sinn. Ich mag die Wiederholung, auf Tour zu sein und jeden Tag dieselben Lieder zu spielen. Das liebe ich, weil ich dann in den Details wachsen kann. Also würde ich sagen, ich bereue jeden Tag die Dinge, die ich gestern getan habe. Aber vielleicht ist bereuen auch ein zu großes Wort. Es ist halt eben wie es ist. Andererseits sehe ich auch manchmal den vielen Spaß auf der Bühne oder ich denke, dass ich gut gesungen habe. Dann bin ich zufrieden. Ich bin auch stolz auf das, was ich tue und was ich getan habe in der Gathering-Zeit und auf alles dazwischen.

Zu dem Album: Jeder Song handelt ja von einer Stadt. Ist es daher ein Konzept-Album? Worum geht es dabei und wie ist die Idee entstanden?

Anneke: Ich reise viel und liebe es, unterwegs zu sein, mich zu bewegen. Und ich schreibe immer, wenn ich reise. Aber ich schreibe fast nie über die Städte, die ich besuche. Ich habe schon lange darüber nachgedacht, ein Album mit Liedern über die Städte zu machen, die ich liebe. Als die Band kam, passte das Konzept mit der harten Musik zusammen. Wir haben an den Vuur-Abläufe geschrieben und ich dachte, ja, Städte! Das hört sich nach London an, daraus muss ich etwas machen. Dann begann es zu wachsen. Denn normalerweise haben diese großen Städte viel Geschichte. Es passiert dort so viel, das braucht große Musik. 

Von was handelt beispielsweise der Song „Save me – Istanbul”, in dem ihr orientalischen Sound zusammen mit dem Heavy-Sound vereint? Wie ist die Idee dazu entstanden?

Anneke: Das war einer der ersten Songs, die ich für dieses Album geschrieben habe. Es geht um eine der Städte, über die ich schon sehr lange schreiben wollte, weil ich sie liebe. Istanbul hat eine Art geteilte Persönlichkeit, mit seinem christlichen und arabischen Teil. Während es eine sehr schöne Stadt ist, ist sie gleichzeitig auch eine sehr schwierige Stadt. In allem, wirtschaftlich und politisch, ist es eine sehr komplizierte Stadt. Darüber gibt es so viel zu sagen. Aber es ist eben auch eine sehr inspirierende Stadt, weil sie so schön ist. Manchmal sehe ich Städte wie Wesen, wie Charaktere. Istanbul sehe ich mit allem, was es durchmachen musste und mit seiner Geschichte wie einen starken Mann. Wie so einen altertümlichen Typ mit einer Fackel, bereit zu retten. Er ist ein Kämpfer, der gekommen ist, um uns zu retten.

Das ist auch der rote Faden durch das Album, die Rettung?

Anneke: Ja. Und die Freiheit. Ich versuche das Gute mit dem Dunklen zu verbinden, die Dunkelheit mit dem Licht. Denn alles im Leben, in der Natur, im menschlichen Sein ist so zweiseitig. Das wir diese zwei Seiten in uns haben ist das herrschende Thema.

Widersprüche, Gegensätze und Dualität interessieren dich also. Eignet sich deiner Meinung nach Metal-Musik gut, um diese Themen zu transportieren?

Anneke: Ja, ich denke, härtere Musik wie Metal oder Progressive Rock hat sehr viele Schichten, in die man so viel reinpacken kann. Wenn du einfach nur eine gute Stimme und eine Gitarre hast, kannst du auch vielschichtig sein. Da kannst du auch Ängste und Emotionen unterbringen. Aber Metal ist bombastisch. Es ist laut. Du kannst über große Städte sprechen und über all diese epischen Ideen.

Ein Album über Städte, was kommt als Nächstes?

Anneke: Da bin ich nicht sicher. Wir arbeiten schon ein wenig an dem nächsten Album, denn normalerweise schreiben wir, wenn wir auf Tour sind. Aber worum es dabei gehen wird, weiß ich noch nicht.

Derzeit seid ihr als Support-Band unterwegs, aber ihr werdet auch eigene Konzerte spielen?

Anneke: Ja, im Februar werden wir zurückkommen nach Europa und Headline-Shows spielen. Darauf freuen wir uns sehr.

Vielen Dank, Anneke!

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