VUUR – In This Moment We Are Free – Cities

Musik zu machen, scheint dem niederländischen Stimmwunder Anneke van Giersbergen im Blut zu liegen. Und das so sehr, dass ein regelmäßiger Aderlass unabdingbar ist. In diesem Jahr präsentiert die Anfang der 90er Jahre mit der Progressive-Rock-Band The Gathering bekannt gewordene Sängerin ihre neue Band: VUUR.

VUUR heißt aus dem Niederländischen übersetzt „Feuer“, was für eine Progressive-Metall-Band ein gut gewählter Name ist. Damit kommt Band-Gründerin Anneke van Giersbergen wieder näher an ihre Wurzeln heran. Denn hier werden härtere Töne angeschlagen als bei Agua de Annique oder den unter eigenem Namen veröffentlichten Platten. Abgesehen von ihren Ausflügen nach Kanada, sprich ihrer Kollaborationen mit Metal-Schöpfer Devin Townsend oder der Band The Gentle Storm aus ihrer Heimat, schien sie sich mit ihren Soloprojekten nach ihrem Ausstieg von The Gathering 2007 eher auf ruhigere und bisweilen poppigere Pfade zu begeben. Doch diese zwei Herzen, die Gegensätze der sanften und harten Musik, können beide in einer Brust beziehungsweise besser gesagt in einer Kehle schlagen, wie Anneke van Giersbergen beweist.

Klangräume öffnen

Für das bekannte Klang-Konzept à la Bands wie Evanescence oder Nightwish, bei dem eine Frauenstimme, die mehrere Oktaven erreicht, einen Kontrast zu schmetternden Herren mit elektrischen Gitarren bildet, eignet sich van Giersbergens Stimme immer noch hervorragend. Was all ihre Projekten jedoch gemein haben, ist der Eindruck, dass sie großen Spaß bei dem hat, was sie dort tut. Ihre Stimme eröffnet Räume voller Klang in nicht enden wollender Fülle, durch die sich der Höher wegtreiben lassen kann.

Personalia

Unterstützt wird Anneke van Giersbergen, die selbst auch Gitarre spielt, in ihrem härteren musikalischen Wirken von hochkarätigen Metal-Musikern aus den Niederlanden: Ed Warby am Schlagzeug, Jord Otto und Ferry Duijsens an den Gitarren sowie Johan van Stratum am Bass. Produziert wurde In This Moment We Are Free – Cities von Joost van den Broek, der auch am Schreiben der Songs beteiligt war. Dabei halfen außerdem Mark Holcomb, Esa Holopainen, Daniel Cardoso sowie beide VUUR-Gitarristen mit.

Von Berlin über Istanbul und San Francisco nach Paris

Thematisch dreht sich das Debüt-Album der fünfköpfigen Band um Großstädte und die Freiheit, die diese bieten, wobeisie gleichzeitig eine gewisse Einsamkeit mit sich bringen. Diese Dualität soll im Plattencover und den Songs widergespiegelt werden. Jeder Song trägt zusätzlich zum eigentlichen Songnamen auch noch den Namen einer Stadt. In den 11 Liedern finden sich die Städte Berlin, Rotterdam, Beirut, San Francisco, Rio, London, Santiago, Mexico City, Helsinki, Istanbul und Paris. Dies ist sicher nur ein winziger Auszug an Orten, die Anneke van Giersbergen im Laufe ihrer Karriere besucht hat. Textlich lässt sich der rote Faden mit der Zeile „In This Moment We Are Free“ immer wieder in den Liedern finden.

Der das Album eröffnende Song „My Champion – Berlin“, der laut van Giersbergen vom Nachkriegs-Berlin handelt, zeigt mit seinen satten sieben Minuten, dass hier lange nicht nur der Gesang im Fokus steht. Ein tolles Solo, das den Sechssaiter erzittern lässt, erfüllt neben den anderen vollen Klängen passend seinen Part.

Absehbare, aber interessant gefüllte Strukturen

Anneke van Giersbergen selbst beschreibt das erste Stück außerdem als exemplarisch für die restliche Platte und das, was sie sich wünschte mit VUUR zu realisieren. Ein Metal-Album, das hart und zugleich melodisch ist. Das die Fähigkeiten seiner Akteure ausschöpft, aber trotzdem so eingängig ist, dass mitgeträllert werden kann. Eine passende Einschätzung, denn tatsächlich scheinen alle Lieder dieser Platte einem gewissen Konzept treu zu folgen. Das heißt zwar nicht unbedingt, dass sie eintönig ist, dafür ist im Einzelnen viel zu viel Tiefe in den Songs zu finden. Große Überraschungen oder klangliche Ausflüge dürfen allerdings nicht erwartet werden.

Nicht nur die Songlängen erfüllen Rock- oder Metall-Klischees, sondern immer wieder finden sich ähnliche Strukturen wie schmetternde und hoch-kreischende Gitarrensolis oder rollenden Basslines. Außerdem wird mit Pausen gearbeitet, auf welche folgend paukenschlagartig wieder losgeschmettert wird. Selbst wenn es einmal ruhiger beginnt wie bei „Your Glorious Light Will Shine – Helsinki“, worin Streicher erahnt werden können, tritt das Gewitter erwartungsgemäß sehr bald ein.

Eine kleine Ausnahme vom Ablauf mögen die Songs „Freedom – Rio“, „Save Me – Istanbul“ und „Reunite! – Paris“ bilden. „Freedom – Rio“ beginnt mit Saitengezupfe und mutet – auch wenn später das Tempo wieder ansteigt – ein wenig anders an. Hinsichtlich der Melodie scheint der Song fröhlicher zu sein und klingt auch wieder ruhiger aus. Das zehnte und vorletzte Stück „Save Me – Istanbul“ beginnt passend zur Stadt mit orientalischen Klängen. Und zwar im Heavy-Metal-Gewand, was eine interessante Mischung darstellt. Umso bedauerlicher, dass dieses Element nicht mehr im Song genutzt wird. Im Hintergrund tritt es zwar erneut als verbindendes Element auf. Dies könnte aber, sofern mehr im Fokus stehend, das Lied vermehrt bestimmen und hervorheben. „Reunite! – Paris“ als elfter und letzter Streich auf VUURs Debüt beginnt ruhig und stimmt erst nach zwei Minuten den obligatorischen Metall-Sound an, was eine Besonderheit darstellt.

Eine nette Neben-Assoziation liegt im Übrigen im immer höher werdenden „Whoo“-Gesang des vierten Stücks, „The Fire – San Francisco“, dessen Titel sich wohl auf einen großen Brand der Stadt nach einem Erdbeben Anfang 1900 bezieht. Dieser Sound lässt an eine mystische Nebel-Gestalt in einem Schwarz-Weiß-Film denken und passt damit zu der häufig in Nebel gehüllten Stadt. Doch nicht in Übersee, sondern in Europa, in Paris um genauer zu sein, endet die Reise von VUUR auf diesem Album.

Auch wenn van Giersbergens Solo-Projekte mehr Diversität und Experimentierfreude aufweisen als VUUR, ist dies ein sehr gelungenes Genre-Album. In die Fußstapfen von The Gathering (zurück-)tretend, wenn auch hier purer und härter, erweitert sie einmal mehr ihr musikalisches Spektrum. Doch der Kreis wird damit wahrscheinlich nicht geschlossen, denn ein Ende ist bei Multitalent und Super-Stimme Anneke van Giersbergen sicher nicht zu sehen.

VUUR haben ihr Material bereits im Sommer live präsentiert und sind nun als Unterstützung von Epica durch Europa unterwegs. An vier Terminen können sie auch hierzulande live erlebt werden.

Tourdaten (als Support von Epica)

12.11.17 – Berlin, Kesselhaus
13.11.17 – Hamburg, Markthalle
14.11.17 – Köln, Essigfabrik
29.11.17 – München, Backstage Werk

Homepage
Facebook

Fotos: Pressefreigabe

Stefanie Zerres

About author

Stefanie Zerres

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.