Benjamin Clementine – I Tell A Fly

Ein außergewöhnlicher Erdling meldet sich zurück: Für sein zweites Werk To Tell A Fly wird Benjamin Clementine wieder zum Wanderer zwischen den Welten und liefert eines der wohl spannendsten Pop-Alben des Jahres.

Früher war es noch der harmlose Englishman, der sich laut Sting in New York wie ein Alien fühlte, heute feiert der Begriff des Außerirdischen in den Liedern von Benjamin Clementine sein Comeback. Die Geschichten ähneln sich stärker, als der erste Eindruck zulässt. Als dem jungen Clementine damals sein USA-Visum ausgehändigt wurde, stand dort der Vermerk „An alien of extraordinary abilities“. Nach einem kurzen Moment der Verwunderung hat er sich jedoch mit diesem Titel angefreundet, da dieser sein bisheriges Leben ziemlich gut beschreibt. Der Ausnahmekünstler fühlte sich schon immer als Außenseiter, als Wanderer, der immer irgendwie anders war als alle anderen.

Der Zusatz mit den außerordentlichen Fähigkeiten wurde auch nicht umsonst hinzugefügt und das zeigt sich auch auf dem neuen Album. Clementine ist ein Virtuose auf dem Klavier, bei dem man glauben könnte, dass die alten Großmeister der Klassik ihre Finger im Spiel haben und bei jedem Tastenanschlag die Strippen ziehen. Im Vergleich zum Vorgängeralbum werden auf I Tell A Fly die Genregrenzen immer unklarer und Einflüsse von Indie, Pop oder Jazz gekonnt mit klassischen Fundamenten verwoben – Also Kammermusik für die große Bühne und das 21. Jahrhundert, wenn man sich den Frevel des Paradoxons erlauben mag. Das ist Kunst und kann auf keinen Fall weg!

Cembalo-Spielereien leiten oft die Songs ein und treffen dann später auf treibende Drums wie in „One Awkward Fish“ oder lassen z.B. in dem Opus „Phantom Of Aleppoville“den Weg für Ausflüge auf dem moderneren Vetter, dem Klavier, Platz. Die komplette Platte klingt generell eher nach Theaterstück als nach normalem Langspieler. Dafür sorgen auch die sich manchmal harmonisch einfügenden, mal stilistisch brechenden Chor-Passagen und Sound-Effekte, die in Songs wie „Farewell Sonata“ oder „Better Sorry Than Safe“ verstreut wurden.

Textlich nutzt Benjamin Clementine Autobiographisches, um diese natürlich zu verarbeiten, aber auch um damit größere Missstände in der aktuellen Weltpolitik aufzuzeigen. So wird seine Rolle als Alien zum Stellvertreter der vielen Flüchtlinge, die momentan ihren Platz in der Welt suchen und fernab ihrer Heimat gegen viele Ungerechtigkeiten kämpfen müssen. In „Jupiter“ wird dann der Spruch aus seinem Visa sogar explizit aufgegriffen: „Ben is an alien with extra ability“. Auch in „By The Ports Of Europe“ ist die Flüchtlingskrise das Hauptthema, wenn zu fröhlichem und wiederholendem Refrain „Every one set coming / Every one set coming / Every one set coming / By the Ports of Europe” eine verlorene Seele nach der anderen die Küste erreicht (oder – mit Blick auf die vielen Schlauchbootunglücke auf dem Mittelmeer – eben nicht).

Benjamin Clementine wird auf To Tell A Fly zum (musikalischen) Diplomaten. Er schließt gekonnt die Gräben zwischen Klassik und Pop, kritisiert humorvoll-treffend die Gesellschaft und versucht gleichzeitig, die Leute für das Anderssein zu sensibilisieren. Ein wandernder Alien, der die Welt ein Stück näher zusammenbringen möchte und ihr dadurch gleichzeitig eine außerirdisch schöne Musik schenkt.

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Bild: Pressefreigabe

Christian Gschwilm

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Christian Gschwilm

Texter aus Leidenschaft, Konzert-Suchti, Bierdeckelphilosoph. Kann ganz gut mit Worten jonglieren und kennt sich im Medien-Zirkus aus.

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