Interview: Sløtface

Nach vier EPs und einigen Jahren intensiven Ausprobierens mischen Haley, Tor, Lasse und Hal a.k.a. Sløtface mit ihrem Longplayer Try Not To Freak Out die Punk-Szene auf. Ihre Mischung aus eingängigem und pop-orientierten Sound und gesellschaftskritischen Lyrics bringt frischen Wind, der aus ihrer Heimat Norwegen in die weite, chaotische Welt weht. Wir haben sie vor ihrer Show im Münchner Strom getroffen und uns nicht nur über die Musik, Politik und ihre Heimat unterhalten, sondern auch eine spezielle Neuauflage von American Pie alá Sløtface geplant.

Seit ein paar Wochen ist euer Debütalbum endlich erhältlich und es trägt den Namen „Try Not To Freak Out“ – Ist das ein Ratschlag an die Menschen da draußen bei all den Veränderungen, die momentan auf der ganzen Welt stattfinden?

Haley: Der Titel steht für vieles. Zum Einen ist es ein Ratschlag, das stimmt. Es ist einfach, sich zu fühlen, als ob man nichts dagegen tun könnte, da einem die Welt momentan etwas beschissen vorkommt. Zum anderen soll es aber auch signalisieren, dass wir alle im selben Boot sitzen. Jeder flippt gerade aus und wir wollen sagen: „Du bist nicht allein. Es ist okay, momentan ein wenig am Rad zu drehen.“ Egal, ob es nun Probleme im persönlichen Umfeld sind oder der ganze Mist, der international abgeht. Kurz: Wir stehen das schon irgendwie durch.

Bleiben wir auch gleich beim Weltgeschehen. Was denkt ihr: Wie viel kann und wie viel muss die Musik im Kampf gegen internationale Probleme wie Rassismus, Faschismus, Homophobie, die ungleiche Behandlung der Geschlechter und ähnliches tun?

Lasse: Ich denke, das ist jedem Künstler selber überlassen, inwiefern und wie stark er sich für seine Überzeugungen einsetzt. Diese Themen sind momentan sehr relevant und es gibt auch viele gute Künstler und Autoren, die sie schon großartig behandeln.

Tor: Wir haben uns als Band auch schon über das Entstehen dieser Filterblasen unterhalten, die sich entwickeln, wenn man sich nur unter Gleichdenkenden unterhält. Als Musiker – gerade als Indie-Band – kommen natürlich diejenigen Leute zu deinen Shows, die sowieso mit deiner Einstellung übereinstimmen. (lacht) Wenn wir sowas wie Essays oder Artikel verfassen würden, dann könnten wir vielleicht auch andere Leute erreichen, die möglicherweise anderer Meinung sind.

Haley: Gerade für uns als Band ist das ein Thema. Wir kommen ja überall herum und treffen dabei Menschen, die mit uns politisch übereinstimmen. Für viele, die sonst in ihrem Alltag mit anderen aneinandergeraten, weil sie eine andere Einstellung haben, ist unsere Show dann eine Art ‚Safe Space‘ wo sie sich mit Gleichdenkenden austauschen oder einfach nur eine Pause haben können. Klar, wir geraten als Musiker oft in so eine Art Blase, aber wir hoffen, dass unsere Fans das eben als Gelegenheit sehen um mal  so eine Pause zu haben und es gut finden, in einem Raum mit weiteren Leuten zu sein, die genauso feministisch eingestellt und linksorientiert sind wie man selbst. (lacht)

Jetzt habt ihr die Gelegenheit, euch auszusprechen: Wenn ihr die Möglichkeit hättet, Donald Trump einmal ohne jegliche Konsequenzen die Meinung zu geigen, was würdet ihr ihm sagen? Kurz und knackig, so wie die Tweets, die er doch so liebt.

Tor: Können wir vier verschiedene machen?

Lasse: Und dann suchen wir den besten aus.

Wenn ihr wollt, klar!

Hal: Ich könnte mich ehrlich gesagt nicht auf eine Sache beschränken. Das würde mir zu wenig bedeuten. Am liebsten würde ich eine komplette Diskussion mit ihm anfangen. Ich finde auch, dass das keine Sache von Gut und Böse ist. Er hat einfach eine Menge an Ansichten, denen ich einfach persönlich widersprechen. Es ist zu oft „Wir gegen die anderen“, „Rechts gegen Links“, das Diskussionen dann oft etwas beeinträchtigt.

Lasse: Ich würde ihm ans Herz legen, Yoga auszuprobieren. Das würde ihm bestimmt gut tun. Jedes Mal, wenn er heimkommt oder so. (alle lachen)

Tor: Ich würde ihm vorschlagen, Dinge aus anderen Perspektiven zu betrachten.

Haley: Ich wäre viiiiel aggressiver. Ich würde gar keine lange Diskussion anfangen und ihm nur an den Kopf werfen, dass er endlich zurücktreten soll und dass dieser Witz schon viel zu lange geht. Ich würde sagen: „Get the fuck out and leave the white house“. (lacht)

Lasse: Wenn ich ihm etwas wirklich direkt sagen könnte und er es auch befolgen würde, würde ich ihm mitteilen, dass er seinen Platz als Präsident doch bitte für jemand anderen freimachen solle.

Das sind auf jeden Fall alles konkrete Ansichten, die wohl viele so unterschreiben würden. Verlassen wir aber mal die Politik und kommen zu einem anderen wichtigen Thema. Wie ihr schon selbst erwähnt habt, seid ihr auch feministisch engagiert und behandelt zum Beispiel im Song „Nancy Drew“ das Männer-dominierte Indie-Genre. Was könnte man eurer Meinung nach tun, um den Status Quo zu ändern und Frauen in dieser Art von Business zu unterstützen?

Tor: Ich habe letztens erst ein Interview mit Björk gelesen. Darin erzählt sie, dass in ihrer Heimat Island das Geschlechterverhältnis in der Musikszene ca. 50:50 ist. Und da sie dadurch so viele verschiedene Idole hatte, zu denen sie aufsehen konnte, hatte sie dieses Problem nie gesehen. Da gab es so viele Jungs und Mädchen. Als sie dann in Großbritannien und Europa tourte, war sie vollkommen überrascht über die Art und Weise, wie man sie dort behandelte. Wenn es mehr Frauen als Künstlerinnen, in Bands, als Veranstalter oder in all den anderen Bereichen der Musikindustrie geben würde, könnten bestimmt viel mehr dazu ermutigt werden, einen solchen Weg auch einzuschlagen.

Haley: Wenn Frauen, die schon Fuß in dem Business fassen und sich etablieren konnten, anderen Frauen helfen würden, wäre das auf jeden Fall ein guter Anfang. Ich bin beispielsweise auch in einer Facebook-Gruppe mit dem Namen „Women in Culture in Norway“ und selbst solche einfache Dinge sind ungemein hilfreich. Dort werden dann unter anderem Job-Angebote aus dem Musikbereich gepostet und dadurch sehen es dann um die 300 Frauen sofort, anstatt dem einen üblichen Typen, der das dann mit seinem Freundeskreis teilt. Gerade solche einfachen Dinge können schon viel ausrichten, aber wir haben uns auch oft darüber unterhalten, dass man sich viel öfter über den Rand seiner ‚Comfort Zone‘ hinauswagen sollte. Also wenn du z.B. eine Band buchst solltest du dir nicht nur denken „Ich buche Bands, von denen ich Gutes gehört habe und die mir von jemandem empfohlen wurden, der jemanden kennt, der jemanden kennt usw.“ Sie dir dein Line-Up an, sieh dir dein Büro an – Wenn du der Meinung bist, dass dort mehr Frauen sein sollten, dann tu was dagegen!

Tor: Es mag zwar eine einfache Art zu denken sein, aber man sollte schon in der Schule damit anfangen. In Norwegen haben wir „Cultural Schools“ wo Kinder z.B. Instrumente lernen können und strikt in Mädchen- und Jungs-Kurse getrennt sind. Dort gibt es irgendwie die falsche Vorstellung, dass sie nicht miteinander auskommen, keinen Spaß miteinander haben und auch nicht befreundet sein können. Jungs werden dann für andere Dinge begeistert als Mädchen. Da heißt es dann: Du bist ein Mädchen, du kannst Klavier oder Flöte spielen und Singen. Du bist ein Junge, du kannst auf die Drums hauen oder E-Gitarre spielen. Wenn man diese Aufteilung bereits im jungen Alter abschaffen könnte und Leute dazu bringen würde, sich ohne Blick auf das Geschlecht anzufreunden, wäre das auch eine gute Lösung. Ich denke, dass würde die Situation recht schnell ändern, vielleicht sogar schon für die nächste Generation.

Haley: Offensichtlich gibt es genug systematische Probleme, die hier reinspielen, deshalb versuchen wir, mit spezifischen Antworten zu helfen. Startet eine Facebook-Gruppe oder ermutigt eure Nichte, Schlagzeug zu spielen, wenn sie es cool findet. Das sind die kleinen Dinge, die wir schon jetzt tun können, um etwas in unserem näheren Umfeld zu bewirken, während an den großen Ursachen, gegen die man selbst wenig tun kann, hoffentlich gearbeitet wird.

Ein Umdenken und kleine Anfänge im Alltag könnten schon vieles bewirken. Stichwort Netzwerken: Norwegen und allen voran Bergen als Musik-Hotspot hat viele großartige Acts hervorgebracht. Kakkmaddafakka, Kygo, Erlend Øye um nur ein paar zu nennen und auch spannende Newcomer wie Sigrid, dePresno oder natürlich auch ihr – Habt ihr zu anderen Bands und Künstlern Kontakt?

Tor: Wir sind gar nicht so viele ehrlich gesagt.

Lasse: Die Musikszene ist ziemlich klein und man trifft irgendwann alle auf Festivals oder bei irgendwelchen Shows. Sigrid kennen wir sogar ziemlich gut.

Haley: Wir haben auch letzte Woche mit dePresno in Berlin abgehangen.

Hal: Mit Kakkmaddafakka haben wir auch schon mehrmals gespielt.

Lasse: Nur Kygo haben wir leider noch nie getroffen. (alle lachen)

Haley: Die Szene ist wirklich klein und es ist ziemlich inspirierend für kleine, regionale Bands im Ausland erfolgreich zu sein. Dadurch werden sie in ihrem Streben nach einer Karriere als Musiker unterstützt, wenn sie dann z.B. sehen, wie andere norwegische Künstler in amerikanischen Talk-Shows hocken. Das ist schon cool. Aber ich denke, wir sollten auch froh sein, in einem Land leben zu dürfen, dem es finanziell gut geht und in dem man von der Musik auch gut leben kann. Deshalb gibt es wohl auch so viele professionelle Bands und Künstler aus Norwegen.

Wenn die generelle Musikszene so klein ist, dann muss die Punkszene ja noch viel kleiner sein, oder?

Haley: Oh ja, viel kleiner.

War es dadurch schwerer, mit Sløtface bekannt zu werden?

Tor: Nicht wirklich, es war sogar viel einfacher. Es gibt zwar wenig Punk-Bands in Norwegen, dafür aber umso mehr Punk-Fans und die kommen dann alle zu unseren Shows. Wir sind eine der wenigen Gruppen, die so eine Art von Musik machen und stechen deshalb ziemlich heraus.

Haley: Die Punk-Szene ist auch ziemlich gespalten und beschränkt sich oft auf die einzelnen größeren Städte. Sie ist so underground, dass du viele Bands gar nicht mal kennst, wenn du nicht in deren Stadt wohnst. Manchmal denke ich, dass die Leute das auch bewusst so underground halten wollen und sozusagen nur im Freundes- und Bekanntenkreis davon erzählen.

Lasse: Es macht nicht wirklich Sinn, aber so läuft das anscheinend.

Haley: Genau! Es macht überhaupt keinen Sinn, aber irgendwie machen es die Leute trotzdem.

Euer ganz spezieller Sound hat es euch dann bestimmt auch noch einmal einfacher gemacht, bei vielen Leuten anzukommen, oder?

Haley: Wir sind ja auch sehr pop-orientiert und es heißt nicht umsonst Pop. Das hat es uns ermöglicht, sehr oft als Support spielen zu können, wenn passende Bands mit ihrer Tour in unserem Heimatort Halt gemacht haben. Manchmal waren wir punkig genug für die eine Band, manchmal poppig genug für die andere. Das hat es uns definitiv leichter gemacht. Wären wir eine hardcore-feministische Punkband hätten wir nie mit Bands wie a-ha spielen können.

Ich habe gelesen, dass ihr euren Sound auch so ausgesucht habt, dass man mit eurer Musik auch Filme wie American Pie unterlegen könnte. Ich dachte mir dann aber, dass die Filme dann aufgrund eurer gesellschaftskritischen und politischen Texte ganz anders aufgezogen werden müssten als man sie bisher kennt. Wie würde eurer Meinung nach eine American Pie-Version mit einem Sløtface-Soundtrack aussehen?

Haley: Das ist eine lustige Frage!

Lasse: (überlegt) American… Cucumber oder Banana. Weil… (alle lachen)

Tor: Nein, sags nicht. SAGS NICHT!

Lasse: Okay, oder vielleicht American Biscuit.

Haley: Eine starke, weibliche Hauptrolle wäre auch eine Idee, die mit einer Schauspielerin besetzt wird, die den ganzen normativen Rollenbildern der amerikanischen Collegefilme entgegen wirkt.

Lasse: Wen würdest du denn gerne dafür engagieren?

Haley: Ich weiß nicht.

Lasse: Könnte man nicht einfach die Geschlechter der bisherigen Filme tauschen?

Tor: Es heißt aber American Pie, weil der Hauptcharakter Sex mit einem Kuchen hat. Das würde ja dann gar nicht funktionieren.

Lasse: Deshalb wäre es ja dann auch Banana! (alle lachen)

Haley: Das wäre echt interessant!

Lasse: Ich schick das mal nach Hollywood und schaue, ob was zurückkommt.

Haley: Es muss auf jeden Fall auch eine große Hausparty-Szene mit dabei sein! Die gehört einfach dazu.

Tor: Vielleicht können wir auch Ramona Flowers aus Scott Pilgrim mitreinbringen. Die Schauspielerin hatte bisher noch keine tragende Hauptrolle, das wäre ihre Chance. Wie heißt sie noch gleich?

Marie-Elisabeth Winstead.

Tor: Ah genau, die mein ich! Die müssen wir uns holen. Und die Mutter von Freaky Friday.

Haley: Ja, Jamie Lee Curtis würde das Ding rocken!

Lasse: Und Edgar Wright führt Regie.

Tor: Aber nur zusammen mit…ach, wie heißt die Regisseurin gleich wieder…

Lasse: Ich sehe schon, wir haben den perfekten Plan!

Haley: Welche Filme hat sie gedreht?

Tor: (überlegt weiter) sie hat die erste Episode dieser gruseligen Netflix-Serie gedreht, Black Mirror! Sie ist auch eine ziemlich berühmte Schauspielerin. Jane Austin? Nein, sie ist viel älter…

Haley: Wer auch immer das macht, wir könnten bei der Regie auch St. Vincent ins Boot holen. Die hat doch diesen einen Horror-Streifen ‚XX‘ gedreht, dann könnte unser Film auch einen leichten Slasher-Touch haben. Das fände ich cool. Wir werden definitiv dran arbeiten! Aber ja, Edgar Wright, St. Vincent, die Schauspielerin von Scott Pilgrim, deren Namen wir immer vergessen und eine schräge, lesbische Love-Story.

Lasse: Eine lesbische Love-Story… mit dem Titel: American Cucumber! (alle lachen)

Das hört sich phänomenal an, den Film würde ich mir sofort reinziehen! Mit diesem wunderbaren Bild können wir glaube ich das Interview beenden. Vielen Dank für das Gespräch!

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Christian Gschwilm

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Christian Gschwilm

Texter aus Leidenschaft, Konzert-Suchti, Bierdeckelphilosoph. Kann ganz gut mit Worten jonglieren und kennt sich im Medien-Zirkus aus.

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