Sløtface – Try Not To Freak Out

Antisein hat sich lange nicht mehr so gut angehört: Sløtface aus Norwegen zeigen mit ihrem Debüt Try Not To Freak Out, dass cleverer Punk auch ohne Atombomben-Wünsche und ACAB-Rufe funktionieren kann.

Mit dem Punk-Rock ist das so eine Sache. Da gibt es die Bands, die dem Ursprung des Genres treu bleiben und bei denen die Fans zufrieden sind, solange die kritischen Vorwürfe richtig sitzen – und gerne mal darüber hinweg sehen, wenn es die Töne manchmal nicht tun. Auf der anderen Seite gibt es dann wiederum Formationen, die sich – unfreiwillig oder nicht – raus aus dem widerständischem Untergrund und in Richtung Massentauglichkeit bewegt haben. Statt gegen all die Ungerechtigkeiten der Welt zu kämpfen, wird lieber an Evergreens geschraubt, die gerade mal bei der WG-Party um 3 Uhr morgens für einen nostalgischen Moment an die ach so rebellischen Teenie-Jahre sorgen. Doch seit 2014 brodelt mit Sløtface eine kreative Kraft im beschaulichen Norwegen, die bereit ist, auszubrechen und Neues zu wagen.

Der Name sagt es schon: Wo Sløtface drauf steht, ist auch Provokation drin. Ursprünglich noch mit einem ‚u‘ geschrieben, musste sich die vierköpfige Truppe um Frontfrau Haley Shea mit dem ‚ø‘ behelfen, um einer Zensur in den sozialen Medien zu entgehen. (Gesprochen wird der Bandname aber trotzdem nach wie vor ‚Slutface‘.) Egal ob nun die männerdominierte Indie-Welt oder das aktuell vorherrschende Schönheitsideal – jeder kriegt sein Fett weg, wenn Haley zuckersüß und rotzfrech ihre Mittelfinger-Lyrics raushaut. So wird beispielsweise in „Magazine“ gleich mal die richtige Frage gestellt: „What the hell is an ‚it-girl‘ anyway?“ und auch gleich ein Statement hinterhergehauen, „I think I’m done with this part / I quit, I quit“. Nieder mit falschen Erwartungshaltungen und unrealistischen Körpervorstellungen, es lebe die Wohlfühlfigur! Zu gemütlich sollte man es sich dann aber doch nicht machen, denn die norwegische Truppe hat auch etwas gegen Langweiler und liefert mit „Pitted“ eine Hymne für das gelegentliche Hintern-von-der-Couch-Hochheben, da man sonst möglicherweise einen der besten Abende des Lebens verpassen könnte. Chillen kann man auch ein andermal.

Musikalisch gelingt Sløtface der perfekte Spagat zwischen gitarren-schrammelndem Oldschool- und poppig angehauchtem College-Punkrock. Einige der zehn Tracks könnten mühelos den Soundtrack einer Neuauflage von American Pie bilden – nur mit feministischer Ausrichtung und deutlich politisch korrekter. Kopfkino an: Demo statt Bier-Pong und der warme Apfelkuchen wäre dann vermutlich auch vegan. Das wäre was!

Alle Songs regen zum Nachdenken an und gelegentlich lassen die jungen Rebellen dem Hörer sogar die Zeit dafür, indem sie das Tempo ihres „In-Your-Face“-Zugs herunterfahren. So steigt „Sun Bleached“ gemächlich ein, nur um dann später wieder richtig loszustarten. Passend zum Titel lässt „Slumber“ ein letztes Mal vor dem Finale innehalten und überzeugt durch gefühlvolle Duett-Passagen, die gegen Ende zu einem ganzen Chor anwachsen. Da die meisten Songs genretypisch recht kurz und knackig gehalten sind, fliegt man geradezu durch die knapp über 30 Minuten Spielzeit. Aber: Lieber „quick and dirty“ als langatmig und langweilig.

Bei der Frage, wo man Sløtface nun im Punk richtig verorten soll, hilft nach mehreren EPs auch Try Not To Freak Out nicht wirklich weiter. Fakt ist: Ihnen gelingt es, kritisch-treffende Texte mit eingängigem Sound zu kombinieren. Letztendlich zählt innerhalb des Genres sowieso nur eines: Der Spaß beim Hören, Dazu-Tanzen/Pogen oder Gegen-das-Patriarchat-Kämpfen … Den ganz normalen Dingen eben.

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Bild: Pressefreigabe

Christian Gschwilm

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Christian Gschwilm

Texter aus Leidenschaft, Konzert-Suchti, Bierdeckelphilosoph. Kann ganz gut mit Worten jonglieren und kennt sich im Medien-Zirkus aus.

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