Gordi – Reservoir

Es weht eine erfrischende Brise aus Down Under: Die Australierin Sophie Payten a.k.a. Gordi experimentiert auf ihrem Debütalbum Reservoir mit modernem Folk-Pop. Dabei klingt sie wie eine weibliche Version von Bon Iver – und nach noch viel mehr.

Wie bei allen Größen der Musiklandschaft ist auch ein Vergleich mit dem Universal-Genie Justin Vernon sowohl Ritterschlag als auch Fluch. Im Falle von Gordi liegt die Gegenüberstellung jedoch mehr als nahe (und das nicht nur wegen dem gelungenen „00000 Million“-Cover). Sowohl die gefeierte Clever Disguise-EP als nun auch der Debüt-Longplayer Reservoir weisen zahlreiche Parallelen auf.

Am auffälligsten ist die Experimentierfreude, die in jedem Song der Platte gefunden werden kann. Hier ein paar elektronische Spielereien, dort im Hintergrund mitlaufende Extras wie Uhren-Ticken oder gelooptes Takt-Mitzählen und zwischendrin präzise platzierte, für den Folk untypische Instrumente wie das Saxophon. Generell folgt auch Gordi dem Trend, die Grenzen des Genres aufzusprengen und neu auszuloten. Gerade der aus dem Mainstream übernommene und von Bon Iver bereits entliehene Auto-Tune macht diese Fahrtrichtung deutlich. Und genau wie das bärtige Mastermind schafft es auch die Newcomerin, den Stimmenverzerrer in der exakt richtigen Dosis anzuwenden und manche Gesangspassagen zu etwas ganz Besonderem zu machen.

Sophie Paytons dunkle und weiche Stimme schwebt stets über den verspielten Klanglandschaften und legt einen samtig-weichen Schleier über die elf Tracks der Platte. Schon der gewagt-ruhige Einstieg mit „Long Way“ zeigt: Ab jetzt wird es gefühlvoll. Themen wie Zeit und Verlust ziehen sich durch das ganze Album und drehen sich nicht nur wie so viele andere um romantische Beziehungen. So erzählt die Single „Heaven I Know“ die ergreifende Geschichte einer Freundschaft, die langsam vergessen wird und dahinschwindet. So traurig das auch sein mag, muss es doch immer ein Ende geben und danach neu weitergehen. In „Bitter End“ heißt es dann nämlich: „So go on, keep on turning / Or keep burning to the ground” und so schmerzlich ein Abschluss auch sein mag, ist er doch wichtig – “Don’t deny me my bitter end“.

Trotz der lyrischen Schwere, die den Texten anhaftet, gelingt es der Australierin aber immer wieder, die Stimmung über Wasser zu halten, um nicht vollends in der Depression abzutauchen. Songs wie „All The Light We Cannot See“ oder „On My Side“ lassen mit warmen Melodien die Seele mal baumeln, mal tanzen und wagen künstlerische Pausen, die den Song zunächst drosseln, nur um sich dann mit einer letzten Wiederholung des Refrains umso kraftvoller in die Herzen zu bahnen. Wenn ein Track das Album zusammenfassen müsste, wäre es „Can We Work It Out“: Eine von Stampf- und Klatschrhythmen unterstützte Akustik-Gitarre bringt den Folk in Einklang mit sphärischen Synthieklängen und dezentem Bass.

Gordi hat es geschafft, sich mit Reservoir eindrucksvoll als neue Songwriterin zu präsentieren, die ihr eigenes Ding macht und definitiv im Auge behalten werden sollte. Die Chance, dass in nächster Zeit die Zahl ihrer Hörer rasant anwächst, ist zumindest groß. Schließlich hat es das Talent aus Down Under auch geschafft, den hier schon oft erwähnten Herr Vernon – den sie mittlerweile zu ihren Label-Kollegen zählen kann – als Fan zu gewinnen.

Links

Homepage
Facebook

Bildquelle: Pressefreigabe

Christian Gschwilm

About author

Christian Gschwilm

Texter aus Leidenschaft, Konzert-Suchti, Bierdeckelphilosoph. Kann ganz gut mit Worten jonglieren und kennt sich im Medien-Zirkus aus.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.