Appletree Garden Festival 2017

Appletree Garden Festival 2017. Zum zweiten Mal sind wir vom 3. bis zum 6. August Richtung Norddeutschland aufgebrochen, um unter Apfelbäumen Musik zu hören. Donnerstag, 12 Uhr. Das Gelände in Diepholz hatte gerade geöffnet und die ersten Besucher, die eine der 4500 Karten ergattern konnten, strömten auf den Zeltplatz. Schwer bepackt, den Klappstuhl und das Zelt unter dem einen Arm, Dosenravioli und eine Palette Bier unter dem anderen. Die Auszeitsuchenden, die „ein Wochenende die Welt vergessen“-Wollenden, sie schlugen ihre Zelte auf, nebeneinander, kreuz und quer, im leichten Nieselregen.

Der Wind wurde etwas unangenehmer, gleich so, als würde er uns sagen wollen, dass wir doch endlich etwas wacher werden sollen nach der Fahrt. Denn die ersten Bands spielen ja schon in ein paar Stunden. Der Regen nahm zu, doch längst  standen die ersten Pavillons, Zelte waren aufgebaut und der Körper und Geist gekräftigt.

Und dann startete die Musik.

Lass uns tanzen gehen!

Endlich wieder Musik, Tanz und ganz viel Liebe unter den Apfelbäumen des kleinen Dörfchens Diepholz. Auch dieses Jahr machte es der Verein zur Förderung der Jugendkultur e.V. möglich, dass 4500 Festival-Besucher, Auszeitnehmer und Alt-Hippies vier Tage lang feinste Musik auf die Ohren bekamen.

Ob alte Gesichter wie Faber, Newcomer, die momentan die Republik einreißen wie “Die Höchste Eisenbahn” oder noch in Deutschland eher Unbekannte Acts à la Loyale Carter oder Allah-Las.

Den Besuchern wurde ein hochkarätiges Line Up geboten – nicht nur auf der Bühne. Auch das Spiegelzelt hielt spannende, mitreißende und einfühlsame Lesungen und Acts bereit. Heinz Strunk gab aus “Jürgen” zum Besten und $ICK appellierte an die Vernunft aller Zuhörenden, es mit den Drogen eventuell nicht allzu weit zu treiben.

Gold Roger, die neben Me&Marie am ersten Tag spielten und das Festival eröffneten, fingen den Festival-Flair ein und katapultierte diesen zurück in die gerade erst angekommene Menschenmenge. Ein Auftakt wie er im Buche steht. Die müden Knochen konnten richtig schön durchgeschüttelt werden und wenn die Arme in die Luft geworfen wurden, kann man das Strecken auch sein lassen. Wer dann nachts noch nicht genug hatte konnte zu Erobique, Habibi Funk und den Consolers das Tanzbein schwingen, und die halb Schlafenden in tiefster Nacht auf dem Zeltplatz dann mit einem Bierchen unter dem Pavillon  wieder munter machen.

Oum Shatt, dessen „Hot Hot Cold Cold“ zweitweise die Spotify Bestenliste sprengte war abgesehen von diesem Song leider nicht allzu überzeugend, als er mit seiner Band, seinen Spot nach Gold Roger in Anspruch nahm. Neben Oum Shatt war leider auch Fil Bo Riva am dritten Festivaltag eher mäßig, was die Bühnenperformance anging.

Im Gegensatz dazu merkte jeder, der letztes Jahr schon Faber auf dem Appletree Garden gesehen hatte, dass das eine Jahr bei den Schweizern einiges Gutes zum Vorschein hat kommen lassen. Die merklich bessere Bühnenpräsenz sowie der sehr viel sicherere Umgang mit Fabers Stimme machte aus dem diesjährigen Auftritt ein Wunderwerk der Musik. Das spürte man auch im Publikum.

Newcomer, Newcomer, Newcomer

Tom Brennan ist ebenfalls so ein Kandidat, der mit seiner Stimme die Mengen zum Jubeln bringt. Und auch persönlich ist der 22 Jahre alte Sänger aus Bedford, UK, geradezu zum Knuddeln. Als absoluter Underdog fing er erst mit 18 an zu singen, sehr spät, und doch wird er auf der Insel schon gefeiert. Auch auf dem Appletree Garden Festival wurde seine Mühe belohnt. Seine neue EP die am 4. August erschienen ist, will Tom Brennan jetzt in Deutschland und dem Rest Europas bekannter machen. Ansonsten ist der ruhige Brite für jeden Scherz zu haben, ganz typisch für einen Anfang Zwanziger.

Loyle Carner, ebenfalls ein Newcomer in Deutschland, und ebenfalls aus UK, riss die Waldbühne mit feinstem britischen HipHop ab, dabei handeln viele seiner Textzeilen von seinem ADHS-Leiden, „Die Höchste Eisenbahn“ entführte uns in die Sphären des deutschen Indie-Pops und wem das dann alles irgendwann zu viel wurde konnte mit Allah-Las entspannt den Abend ausklingen lassen.

Wer sich Freitag von den ersten Strapazen, ausgelöst von ekstatischem Tanzen oder wildem Flunky-Ball, erholen wollte, gönnte sich Drangsal, die ruhigen aber bestimmten Warhaus oder Seafret, die Romantik in das, mit Spiegeln verkleidete, Spiegelzelt und unter die Apfelbäume brachten.

Ein komplettes Kontrastprogramm gab es  zum ersten Mal Freitags und Samstags ab 9 Uhr mit Yoga, Tanzimpression oder Deepwork. Hier konnten sich Frühaufsteher fit machen, um sich zum Beispiel auf den fabelhaften Auftritt des gedankenverlorenen Alt-Orson Maeckes vorzubereiten. Bei dessen Konzert wurde buchstäblich die Menschlichkeit und der Interpret selber in die Luft geworfen. Das Wetter spielte bei diesem Auftritt leider nicht ganz so mit, sodass die Feierwütigen sich unter Ponchos, selbstgebastelten Regenschirmen oder ihren Kapuzen versteckten, was der Stimmung jedoch keinesfalls Abbruch verlieh und die Menschen v0r der Bühne in eine homogene Masse aus unter Plastik versteckten Schutzvorrichtungen machte. Ein wunderbares Bild.

Geld in Infrastruktur gesteckt

Eine der größten Überraschungen am Samstag war Voodoo Jürgens. Denn wer mit den Studioversionen nicht allzu viel anfangen konnte, wurde vom Live-Auftritt eines besseren belehrt. Eingängige Rhythmen verziert von schwarzhumorigen Texten – ob wirklich alles verstanden wurde was der Folk-Sänger dort im Wiener Dialekt auf der Bühne performte ist natürlich fraglich. Tash Sultana, Martin Kohlstedt, Everything Everything, Rikas und Allah-Las rundeten den Samstag neben vielen weiteren Bands ab. Hier ist natürlich Headliner Aurora nicht zu vergessen: Wahrscheinlich 99 Prozent der Zeltenden lockte sie vor ihre Bühne… verständlich, denn Running with the wolves lief und Luft im Radio immer noch rauf und runter.

Ganz ohne Kritik geht nicht…

Da der Kartenpreis etwas höher lag als noch im letzten Jahr, der Verein jedoch einige Änderungen auf dem Gelände versprochen hatte, wurden von dem zusätzlichen Geld die sanitären Anlagen ausgebaut und die Wege auf dem Zeltplatz erneuert. Ein Schmankerl war das Ratsherren-Bier, das in der Sternschanze gebraut wird und im Gegensatz zum letztjährigen Sponsor Becks eine schöne Abwechslung und eine Unterstützung kleinerer Brauereien in Deutschland darstellte.

Auch der Spielplatz in der Mitte des Festivalgeländes war dieses Jahr wieder da und bot kleinen großen Kindern und wirklichen Kindern eine schöne Abwechslung und einen Ruhepol in all dem Trubel drumherum. Ob Diabolo, Hoolahoop oder Jonglieren – wer eine kleine Auszeit brauchte, setzte sich an den Rand des Spielplatzes, lauschte der „fernen“ Musik und schaute den schönen Menschen bei zirkusreifen Attraktionen zu.

Generell war das diesjährige Appletree Garden Festival wieder mal eine Zusammenkunft von netten, guten Menschen, die gemeinsam harmonisch feiern wollten, den Alltag und den Stress vergessen und vier Tage lang eine gut Zeit hatten. Doch ganz ohne Kritik kommt das Festival dann doch nicht davon. Zum ersten Mal wurden die Tickets schon beim Betreten des Zeltplatzes kontrolliert mit dem Hinweis auf die Sicherheit der Besucher sowie die Abschreckung von Fremdcampern. So weit, so gut. Allerdings sollten die Sicherheitsmaßnahmen dann auch über vier Tage durchgehalten und auch nachts Sicherheitspersonal an den Eingängen positioniert werden. Uns ist zu Ohren gekommen, dass aus Camps Dinge gestohlen worden sind von Menschen „die so aussehen, als würden sie nicht auf dieses Festival gehören“. Wie so jemand aussieht ist natürlich Ansichtssache; doch man kann sich vorstellen, dass am letzten Tag frisch geduschte Menschen mit sauberen Klamotten wohl eher selten anzutreffen waren. Eine Festivalbesucherin erzählte am Morgen des Abreisetages, dass auf der Nacht zu Sonntag ihr komplettes Camp niedergetreten worden sei. Solche Geschichten sind dann doch eher unschön für ein solch schönes Festival und sollten sich nicht häufen.

Dennoch: Das Apple Tree Garden Festival war auch dieses Jahr wieder ein großer Erfolg, mit guter Musik, guten Menschen und super Organisation! Bleibt dabei und bis nächstes Jahr!

P.S. Die Bildergalerie findet ihr hier, das Video hier! Viel Spaß dabei.

Links: 

Appletree Garden Festival 

Jonas Berger

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Jonas Berger

Normalerweise findet man mich im Windschatten eines randalierenden Mittzwanzigers,der nichts besseres zu tun hat als Einhörner mit selbstgeschnitzten Speeren zu jagen.

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