Maifeld Derby 2017

Einen Monat liegt es nun zurück – das wunderbare Maifeld Derby, welches seit 2011 jährlich Festivalfans auf das Mannheimer Maimarktgelände lockt. Schon die ersten Bandankündigungen ließen bei so manchen Musikfans das Steckenpferd durchgehen und versprachen ein grandioses Line-Up, das unter seinen Headlinern unter anderem die Shoegaze-Größe Slowdive, Radiodurchstarter Bilderbuch und Everybodys Darling Metronomy aufzuweisen hatte. Insgesamt wurde ein sehr abwechslungsreiches musikalisches Programm geboten, das mit viel Indie- Pop und Rock, Rap, tanzbaren und psychedelischen Sounds begeistern konnte.

Neben den zahlreichen internationalen und nationalen Acts, bestach es aber auch durch seine unvergleichliche Atmosphäre. Wenige Festivals sind so entspannt und überschaubar wie das Maifeld Derby, auf dem sich neben erstaunlich vielen Jungfamilien, ebenso Musikliebhaber jeden Alters einfinden. (Die Spanne liegt hier tatsächlich zwischen kleinsten Kleinkindern mit Hörschutz bis hin zu rockenden Greisen in Lederkluft mit silbriger Haarpracht).
Das Campinggelände war fußläufig 10 Minuten vom Festivalgelände entfernt, sodass sich der Weg zu einer der vier Bühnen als Kurzstrecke erwies und zwischendurch genug Zeit für Erholung zur Verfügung stand. Neben der Fackelbühne, der Palastzeltbühne, dem Brückenawardzelt, existierte auch der kleine, jedoch wild romantische Parcours d’Amour, der mit Sitzrängen ausgestattet war. Die musikalische Untermalung offenbarte viele unbekannte Acts, die sich als echte Perlen unter den Neuentdeckungen entpuppten. Ab Samstag, dem zweiten Festivaltag konnte man sich auch wieder ein paar Lacher bei der Steckenpferd-Dressur einsammeln. Eine jährliche Tradition beim Maifeld Derby, die nicht nur der Location alle Ehre macht, sondern auch den Exzentrikern unter den Festivalbesuchern Raum zur Performance bietet. All diejenigen, die kein Problem mit peinlichen Improvisationen hatten und einen besonderen Hang zum eigenen Körpergefühl besaßen, durften hier ihr Können unter Beweis stellen. In erster Linie diejenigen, die unbedingt einmal Pirouetten-drehenderweise mit einem Steckenpferd zwischen den Beinen über einen Reitplatz laufen und im Sprung ihr Ziel erreichen wollten. Klingt komisch, ist aber so.

Freitag, 16.07.2017

Am Freitagnachtmittag startete mit Cinemagraph die erste der knapp 60 Bands, während einige Fans, die sich nicht am Donnerstag schon auf den Weg nach Mannheim gemacht hatten, noch fleißig ihre Zelte in der sommerlichen Junihitze aufbauten. Auch Petrus war positiv für das Festival gestimmt und zeigte sich gnädig – alle drei Festivaltage blieben regenfrei und sonnendurchflutet, so dass man seine Festivalfreunde nicht vor dem Regen unter der nächstbesten Mülltüte verstecken , sondern sich gegenseitig mit Sonnencreme einschmieren konnte. Sehr sinnlich und sehr notwendig.Der musikalische Freitagnachmittag wurde spätestens mit dem Konzert von Vodoo Jürgens auf der Fackelbühne eingeleitet.

Voodoo Jürgens. Photo: Maria Starfeld.

Der österreichische Liedermacher, ist neben Bilderbuch und Wanda wohl der vielversprechendste Exportschlager, der mit Wiener Mundart, Ohrwürmern und schwarzhumorigen Titeln à la „Heite grob ma Tote aus“ die Menge zu begeistern wusste. Stets mit Kippe in der Hand wirkte Vodoo Jürgens wie jemand, der gerade aus einer Kneipe den Weg auf die Bühne gefunden hatte, um mit Augenzwinkern bitterböse Alltags- Pointen zu erzählen, die in charmante Austro-Pop Melodien eingebunden waren und mit einer Nuance Gipsy punkteten. Neben bekannten Größen wie den Wild Beasts und den schwermütigen Cigarettes After Sex, beeindruckte am Freitag besonders Marlon Williams beim Parcours d’Amour. Stimmgewaltig und mit sympathischen Anekdoten konnte der junge Sänger an diesem Tag einige neue Fans für sich begeistern. Am Abend drängte sich dann die Masse in das Zelt der Palastbühne um Bilderbuch zu sehen. Mit bombastischer Bühnenshow, der obligatorischen Sneakerwand, souligem Backgroundgesang und charismatischem Auftreten, brachten Frontmann Maurice Ernst und seine Band wahrscheinlich jeden im Zelt zum ekstatischen Mitsingen und Tanzen. Mit dieser Liveshow konnten Bilderbuch mal wieder beweisen, dass der Hype um sie nicht unbegründet ist.

Bilderbuch. Photo: Maria Starfeld

Gleichermaßen inszenierte Anders Trentemoller in Begleitung seiner Gastsängerin, dass die authentischen 80er Jahre noch nicht einbüßen mussten, sondern jederzeit wieder wach geküsst werden konnten. Mit atemberaubend düsterer Stimmung, einem Hauch Strobo, das der Dunkelheit etwas Licht einhauchte und tiefen, surrenden Bässen, katapultierte er das Publikum in eine Wave-Discoszenerie. Wer nach eineinhalb Stunden nicht schweißdurchtrieft sein letztes Hemd durchnässt und seinen Wochenworkout aus seiner Beinarbeit herausgekitzelt hatte, konnte abschließend noch beschwingt 10 Jahre auf der Zeitleiste zurückreisen und der friedlichen Flower Power-Generation fröhnen. Japanischer Herkunft und ein Highlight für Woodstock-Sympathisanten, liefterte die komplette Besetzung von Kikagaku Moyo, die mehr als bloß virtuos ihre Instrumente beherrschten, den krönenden Abschluss. Im Schein kaleidoskopischer Mandala-Projektionen und reger Farbwechselspiele, schwenkten sie ihr langes Haar im Takt, während die Reise ins Land der Friedenspfeife langsam begann und die Zuhörer mental zu betäuben schien. Mindestens 12-minütig reihten sich Tracks aneinander und übertrumpften sich in ihrer Improvisation jedes Mal selbst. Weil der Rausch so einnehmend war, fiel die Zugabe nochmal entsprechend so lang wie das erste Viertel ihrer Spielzeit aus. Als es Samstagnacht nun musikalisch still geworden war, hörte man im Palastzelt nur noch die Zugaberufe des Publikums lange Zeit widerhallen. Wer das verpasst hat, sollte es demütig bereuen, falls er nicht des Nachts schon heimlich Tränen im Zelt vergossen hat.

Samstag, 17.07.2017

Am Samstag stand das Konzert der Publikumslieblinge Temples auf dem Programm, die zwar mit ihrer Musik nichts falsch machten, es aber leider nicht schafften irgendeine emotionale Regung beim Zuhörer auszulösen. Fast zusammengecastet, viel zu glatt wirkte der 70’s Anstrich, der der vorangegangenen Nacht nicht im geringsten die Stirn bieten konnte. Allerdings geeignetes Nachmittagsprogramm. So zeigten sich auch die Dreierformation Baby Galaxy aus Maastricht gekonnt im Umgang mit Gitarre und Schlagzeug und besänftigte das Publikum mit progressivem Noise Pop,  während die Sommerhitze über dem Gelände brütete. Ihr Debüt ,,Mighty Night” erschien erst am Jahresanfang, sodass die Newcomer mit ihrem Lo Fi-Sound definitiv noch ganz am Anfang ihrer Karriere stehen.

Zehn vor acht, Abendeinbruch und alle Sportsfreunde trotteten erneut zur Hauptbühne, um sich dem schwermütigen Soundtrack für passende High School-Märchen zu widmen: American Football. Die Jungs aus Illinois, die in den späten 90ern mit der Bandgründung begannen, bereits damals Emo mit Jazz und verspielten Post-Punk-Elementen kreuzten und gesanglich doch irgendwie nie ihren jugendlichen Charme verloren. Mit ihrem letzten Track ,,Never Meant” blieben sie uns definitiv im Gedächtnis, obgleich hier natürlich ein paar emotionale Momente vorprogrammiert waren.

Die Highlights des Abends ließen nicht lange auf sich warten und lockten gezielt ins Palastzelt. The Bay, Love Letters und Summer 08 – Metronomy bezauberten schon lange mit ihrem Twist an Synthie Pop mit eingängigen Melodien, einem Hauch Glitch und hohen Oktaven. Headmaster Joseph Mount erschien auch in diesem Jahr nach langer Absenz wieder in weißer Abendgarderobe, das Küstenfeeling war omnipräsent und ließ die gedanklichen Exkurse nicht zuletzt von Großbritannien bis zur Karibik schlittern.

Metronomy – Joseph Mount. Photo: Maria Starfeld.

Für den bahnbrechenden Höhepunkt an Visuals und Bassinszenierung sorgte jedoch die Kombo Moderat, die in den letzten Jahren über deutschen Boden hinausgewachsen ist und sich spätestens mit Tracks wie ,,Bad Kingdom” oder dem treibenden ,,A New Error” internationale Bekanntheit einspielen konnte. Astronomische, düstere und monochrome Flächen, schnelle Bildverläufe und poplastige Gesangseinlagen von Apparat, verbunden mit den elektronischen Impulsen des Duos Modeselektor: Wer hier nicht im geringsten zum Tanzen animiert wurde, hat das Prinzip elektronischer Musik wohl nicht ganz verstanden.

Apparat – Moderat. Photo: Maria Starfeld.

Sonntag, 18.07.2017

Am letzten Tag des Festivals kletterte das Line Up auf der Gefühlsskala nochmal hoch hinaus und war mit Balladen zum Dahinschmelzen gespickt (die UV-Strahlung tat auch nochmal ihr Bestes, um dieses Szenario gekonnt zu unterstreichen). Wer es morgens rechtzeitig aus dem Zelt schaffte, konnte sich gleich zum Grillen selbst in die Sonne legen oder am Nachmittag sofort den Schatten aufsuchen. Es galt sich, Whitney, der ersten charmanten Indie Band des Tages zu widmen und zusätzlich von deren Multitasking-Fähigkeiten überzeugt zu werden. Julien Ehrlich ist nämlich nicht nur Drummer und Frontsänger, sondern auch meisterhafter Entertainer, wenn es um ironische Phrasen geht, die den Alltag erleichtern. Wer das Thema Liebe am Morgen noch mit Bauchkrämpfen und Melancholie betrachtet hat, war spätestens nach den Popeinschlägen des Albums Light Upon a Lake mit einem zynischen Augenzwinkern gewappnet. Saxophon, Streicher und 60s Flair sorgten definitiv für ein geballtes Programm voller Wonne und wer nach jedem zweiten Song euphorisch sein Gläschen hob, konnte auch die gute Laune der Besetzung nachempfinden.

Gegen Abend wurde es auf dem Parcour d’Amour nochmal ziemlich kuschelig, als der schüchterne Singer-Songwriter Andy Shauf in voller Sanftheit sein Herz ausschüttete. Laue Nächte, Lampions und Themen zeitgenössische Probleme, die so versteckt in wunderbar verträumten Folk-Pop eingebunden wurden, dass jegliche absurden Zeilen erst beim genaueren Hinhören an die Oberfläche traten. Und dennoch war die Stimmung wie verzaubert und man konnte sich nicht wehren, zumindest bis zu seiner Performance von ,,The Magican” auszuharren, um sein Taschentuch höchst loyal mit dem Sitznachbarn zu teilen.

Das Festival neigte sich mit voranschreitender Zeit langsam aber sich dem Ende zu und genau ein Headliner erforderte noch die komplette Aufmerksamkeit seiner Zuschauer. Bereits im letzten Jahr entzückte Frontdame Rachel Goswell mit dem Auftritt der Minor Victories und die Reunion der Shoegaze-Avantgarde Slowdive galt noch als diskret gehütetes Geheimnis. Diejenigen, die also 22 Jahre voller Hoffnung jeden Abend bei Pygmalion und Souvlaki beteten, ein Lebenszeichen der 90s-Enthusiasten zu empfangen, konnten sich gegen 20 Uhr mehr als nur eine Stunde von treibendem Hall-Effekten einnehmen lassen und voller Glückseligkeit echten Trancezustände fröhnen. Selbst mit der Distanz zum herkömmlichen Stil und ihrem neuen selbstbetitelten Album, ging von ihrer Atmosphäre und musischen Qualität ihrer Jugendzeit kein Stück verloren, sodass hier nur der Stempel ,,Ausnahmetalent” adäquat erscheint. Ob im Duettgesang von Neil Halstead und Rachel Goswell bei ,,Sugar For the Pill” oder im ambientträchtigen Alleingang bei ,,Alison” oder dem mystischen Aufbau von ,,Golden Hair”, der für pure Gänsehaut sorgte – mit jedem Song der Diskographie offenbarten sich ihre breitgefächerten Fähigkeiten, die als Abschluss des Maifeld Derbys nicht perfekter hätten sein können.

Fazit

Wie jedes Jahr glänzte das ausgewählte Line Up mit echten Perlen und musikalischen Größen, die nicht selbstverständlich ihren Weg nach Deutschland finden, sodass sich das Maifeld Derby alljährlich als Geheimtipp für Liebhaber bewährt und am letzten Abend jedes Mal mit einem epischen Ende abschließt. Wer ein Fan davon ist, sich von einer Bühne zur nächsten nicht vollkommen abhetzen zu müssen und auch den Zeltplatz in unmittelbarer Reichweite zu haben, ist in Mannheim auf jeden Fall sehr gut aufgehoben und wird es nicht bereuen sich im nächsten Jahr schon vorab ein Ticket für den Reitplatz unseres Vertrauens zu sichern.


 

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Photo Credits: Maria Starfeld. All rights reserved.

Denise Schmid

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