Summerjam Festival 2017

Alle Jahre wieder führt der Weg vieler Reggae- und Hip-Hop-Fans in Richtung des Fühlinger Sees im Kölner Norden. Auch zur 32. Episode des Summerjam Festivals sollte sich daran nichts ändern.
Die Anreise am Freitagnachmittag gestaltete sich entspannt. Bei warmen Temperaturen und Bewölkung aber ohne Regen war jedoch spürbar, dass noch nicht alle Festivalgäste angereist waren. Viele derjenigen, die bereits vor Ort waren, trugen Gummistiefel, was sich vor allem am Samstag bezahlt machen sollte, denn insbesondere um die Greenstage herum war das Gelände doch relativ matschig – aber alles noch im Rahmen. Neben Gummistiefeln stachen Blumenkränze und Dreadlocks hervor.

Düfte verschiedenster kulinarischer Köstlichkeiten, ob asiatisch, afrikanisch oder auch einfach nur die Krakauer Bratwurst wehten über das Gelände und luden zum Stillen des Heißhungers ein.

Auffällig war in diesem Jahr auch die gesteigerte Polizeipräsenz auf dem Festivalgelände selbst und auch in naher Umgebung des Geländes. Die Begründung dafür findet sich wohl hauptsächlich in der jüngeren politischen Entwicklung, das Summerjam selbst hat sich die letzten Jahre und Jahrzehnte über immer als sehr friedliches Festival gezeigt. Die anwesenden Besucher zeigten sich dementsprechend relativ unbeeindruckt von den uniformierten Beamten.
Trotzdem, vielleicht als Ergebnis verschiedener Faktoren wie Wetter und einer gestiegenen Unsicherheit im Bezug auf den Besuch von Großveranstaltungen, wurde das Summerjam weniger besucht als noch 2016. Ein weiterer Aspekt könnte das Line-Up gewesen sein: Zwar haben wir – als kleiner Vorgriff – vor allem am Samstag wirklich tolle Konzerte gesehen. Insgesamt bleibt aber das Gefühl zurück, dass das Summerjam in der Breite schon stärker besetzt war. Dennoch: gut organisiert und nach außen hin reibungslos belohnte das Wetter vor allem am Sonntag noch einmal für die Anreise.

Wie auch im letzten Jahr haben wir uns viele der Konzerte angesehen und davon einige unserer Highlights und Enttäuschungen für euch in Wort und Bild festgehalten.

Freitag

Umse

Umse, seit inzwischen über zehn Jahren in der Hip-Hop-Landschaft unterwegs, lieferte am Freitagnachmittag gemeinsam mit seinem musikalischen Partner Deckah ein heißes Set auf der Redstage ab. Hochmotiviert ging er zu Werke und reihte auf seine stressfreie Art Line an Line. Nicht nur Hip-Hop-Fans sollte er damit auf seine Seite gezogen haben, denn seine entspannten Messages passten gut zum Summerjam. Hervorzuheben sei hier noch sein de facto Komplettverzicht auf Kraftausdrücke, Klischees und Sexismus, womit er sich inhaltlich wohltuend hervorhob.

OK KID

Für die Wahlkölner Jonas, Moritz und Raffi von OK KID zählen Auftritte in der Domstadt mittlerweile als Heimspiel. So auch der Gig beim diesjährigen Summerjam. Im Anschluss an Umse und Deckah präsentierten die drei auf der Redstage eine gute Mischung aus alten Hits vom selbstbetitelten Debütalbum und neueren Songs vom 2016 veröffentlichten Album Zwei. Und obwohl die Liedtexte der drei Musiker häufig einen tieferen Sinn verfolgen, sorgte die Show der Kölner auch auf einer Festivalbühne für gute Stimmung. Neben den Klassikern aus der „Kaffee-Warm“-Trilogie gesellte sich auch eine Soundsystem-Performance in die Setlist, besondere Beachtung verdient der Titel „Gute Menschen“. Denn obwohl die Musik von OK KID sich nur begrenzt mit der musikalischen Ausrichtung des Summerjams vereinbaren lässt, so passt die politische Aussage dieses Songs zum Spirit des Summerjams wie die Faust aufs Auge. Unterm Strich ein souveräner aber auch emotionaler Auftritt, den Beweis dafür liefern die Bilder zur Show.

Samstag

Dubioza Kolektiv

Beim Auftritt der bosnischen Band Dubioza Kolektiv befanden sich gefühlt nur zwei Gruppen im Publikum: Die kleinere der beiden wusste genau, was sie am Samstagnachmittag auf der Greenstage erwartete, der Großteil der anwesenden Besucher hatte wohl nicht den blassesten Schimmer. Das sollte sich jedoch relativ schnell ändern. Mit ihrer explosiven Mischung aus Balkan-Pop, Reggae und Ska sorgten die einer Fußballmannschaft ähnlich gekleideten Musiker innerhalb kürzester Zeit für totale Eskalation innerhalb der vorderen Reihen und für amüsiertes Tanzen im hinteren Bereich des Publikums. Auch wenn viele der Texte aufgrund der sprachlichen Barriere (Englisch, Spanisch, Italienisch und Punjabi) auf der Strecke blieben: Der Auftritt der Band bewies sehr deutlich, weshalb sie als Sprachrohr einer missverstandenen bosnischen Generation angesehen wird.

Irie Révoltés

Die Konzerte von Irie Révoltés sind energetisch, rebellisch, fast schon revolutionär. Doch in der letzten Zeit bleibt der bittere Beigeschmack trotz genialer Shows leider nicht ganz aus, denn die Band hat für 2017 ihr eigenes Ende angekündigt. Das Abschlusskonzert ist auf den 26.12.2017 in Mannheim terminiert.
Gerade deshalb solltet ihr jedoch jede Chance ergreifen, die bleibt, um Irie Révoltés nochmal auf der Bühne zu erleben. Denn wie der Auftritt der Band beim diesjährigen Summerjam beweist: Diese Band lebt für die Bühne. Für das gemeinsame Fäuste-in-die-Luft-reißen, für das gemeinsame Herausschreien von Phrasen wie „Allez! Allez!“.

Dub FX

Der Auftritt des Australiers war eines der Highlights des diesjährigen Summerjams. Zur besten Sendezeit am Samstagabend spielte Benjamin Stanford ein energiegeladenes Set irgendwo zwischen Reggae und Drum and Bass. Mit seiner Ausstrahlung und Live-Performance zog er das Publikum ab dem ersten Song in seinen Bann. Hauptsächlich mit seiner Stimme und einem Loop-Gerät erzeugte er dichte Klangteppiche, untermalt mal durch Gesang, Rap-Parts oder dem Saxophon seines Kollegen und Freundes Mr. Woodnote, welcher zur Freude der Menge nach etwa 15 Minuten auch auf der Bühne stand. Zu Dank waren sowohl Dub FX, Mr. Woodnote und das Publikum der Band Irie Révoltés verpflichtet, welche ihr Instrument kurzfristig zur Verfügung stellten, da das eigene Saxophon von Mr Woodnote auf dem Flug nach Deutschland verschollen war (aber inzwischen glücklicherweise wieder aufgetaucht ist). Eine gute Auswahl alter und neuer Lieder rundete das Set ab. Stanford nutzte das Konzert aber auch zur persönlichen politischen Positionierung und reflektierte die Einordnung, Einflüsse und Ursprünge seiner eigenen Musik.

„I understand, and I’m aware that I’m a very priviledged human being. I come from Australia, which is a very rich country. I’m a white man. In this world,  life couldn’t be easier for somebody like me. And I had the choice to wake up in the morning one day and say: ‚I wanna do music for the rest of my life‘  and there wasn’t many things that were stopping me from doing that. But a lot of the music that inspired me, most of the music that inspired me, was created by people, who were born into suffering. People who died, just to make the art that I listen to. And I’m talking about the Reggae music. If it wasn’t for Reggae music, Jamaican culture, Carribean culture, I wouldn’t be up on this stage. But those people suffered, to give us that music, to give us that soul. So big up Jamaican and Reggae music!“

Bilderbuch

Die Jungs aus Österreich von Bilderbuch hatten am späten Freitagabend mit großer Konkurrenz zu kämpfen. Zeitgleich spielte auf der größeren Redstage mit Damian Marley der erfolgreichste Sohn der Reggae-Legende Bob Marley und diesjährige Top-Headliner. Entsprechend leerer als sonst war es vor der Greenstage. Die mutige Ansetzung von Bilderbuch auf dem Summerjam als eine Band, deren musikalischer Bezug zum Summerjam sich wohl maximal über den Song Babylon konstruieren ließe war aber dennoch eine gute Entscheidung. Schließlich lassen sich inhaltlich durchaus Parallelen zwischen dem Spirit des Summerjams und den Messages von Bilderbuch ziehen. Ihre oftmals augenzwinkernde, mal offensichtlichere, mal versteckte Kritik an einer uniformistischen und leeren Konsumkultur („sneakers4free“) bestätigte die Band wiederholt in Interviews. Dennoch, musikalisch für den geneigten Reggae-Hörer wohl zumindest gewöhnungsbedürftig war die Wand aus weißen Sneakern sowie der ganz eigene Habitus insbesondere von Sänger Maurice und Gitarrist Michael, der wenig mit den Aufritten von Reggae-Größen wie Meta & the Cornerstones oder Alpha Blondie zu tun hatte. Aber muss ja auch nicht. Denn gewohnt stark lieferte Bilderbuch ab, ein musikalischer oder stimmlicher Qualitätsverlust im Vergleich zu den Alben war nicht feststellbar, ganz im Gegenteil. Höhepunkt war wohl die Summerjam-Version von „Softdrink“, voll ausgekostet mit umwerfender Performance der Background-Sängerinnen und einem lasziv tänzelndem Frontmann Maurice Ernst.

Sonntag

Kabaka Pyramid

Mit dem Jamaikaner Kabaka Pyramid spielte am Sonntagnachmittag einer der bekanntesten Künstler der letzten großen Newcomer-Welle im jamaikanischen Reggae, der etwa auch Protoje zuzuordnen ist. Mit seiner gekonnten Mischung aus Hip Hop und Reggae lockte er viele Besucher des Summerjams vor die Red Stage. Ganz im Zeichen des “klassischen” Roots-Reggae präsentierte er einige Songs mit politischer Message, bot der Menge aber auch seichtere Themen. Zwar lieferte Kabaka Pyramid eine solide Show ab, in Ekstase geriet dabei aber kaum jemand. Für Künstler des Reggae-Genres stellt es eine sehr große Herausforderung ab, sich vom Standard-Bild des Genres abzuheben und die häufig monotonen Strukturen durch Individualität und Kreativität zu durchbrechen – bei Kabaka Pyramid haben wir genau das leider vermisst.

Jeremy Loops

Nachdem Dub FX am Samstagabend mit einer genialen Show die anwesenden Fans begeisterte, stand mit Jeremy Loops am Sonntagnachmittag der nächste Künstler auf der Bühne, der in seiner Musik unter anderem auch Loop-Elemente verwendet. Dieses Konzept mag auf den ersten Blick als keine große musikalische Leistung erscheinen, wer jedoch einmal Dub FX live erlebt hat, denkt in der Regel anders. Dementsprechend waren die Erwartungen gegenüber dem südafrikanischen Umweltaktivisten relativ hoch, erfüllt wurden sie leider nur zum Teil.
Die Loop-Elemente des Musikers sorgten für eine sehr interessante Abwechslung, vor allem auch dann, wenn als Quelle für solche Loops ein Kinderspielzeug eingesetzt wurde. Looping als Technik bietet einem Musiker diverse Möglichkeiten, sich über die oft so schön beschimpfte 0815-Popmusik zu erheben und einzigartige Sounderlebnisse zu kreieren. Jeremy Loops schaffte das auf der Bühne aber leider nur bis zu einem gewissen Punkt.
Nichtsdestotrotz sorgte der Musiker bei bestem Wetter für gute Laune im Publikum, das sich zu großen Teilen aus Frauen der jüngeren Generationen zusammensetzte.

Jugglerz

Die Jugglerz feierten beim diesjährigen Summerjam Premiere als erstes Soundsystem des Festivals. Zwischen den Shows von Kabaka Pyramid und NAS sorgten die DJ’s auf der Red Stage für einen kurzen, aber impulsiven Turn-Up, der es in sich hatte. Die vorderen Reihen des Publikums ließen sich davon durchaus begeistern, in den hinteren Reihen wurde der Auftritt wohl eher nur zur Kenntnis genommen. An sich keine schlechte Idee des Summerjams, mal ein Soundystem zwischen zwei großen Bands einzuschieben, die volle Publikumsbeteiligung wird mit einem solchen Set wohl erst zu späterer Stunde erreicht.

Trotz recht bescheidenem Wetter bleibt der Gesamteindruck des diesjährigen Festivals dennoch ein positiver. Die Stimmung unter den Festivalgästen entpuppte sich wie auch in den letzten Jahren als sehr angenehm, vor allem die Anzahl der Alkoholleichen war erneut im Vergleich zu anderen großen Festivals sehr gering. Auch die eine oder andere musikalische Überraschung sollte für ein gelungenes Wochenende sorgen. Ausschnitte des Festivals werden auch in diesem Jahr im Rahmen der Rockpalast-Serie beim WDR an folgenden Terminen zu sehen sein:

Rockpalast | 17. Juli 2017, 01.30 – 05.00 Uhr | WDR Fernsehen
Rockpalast | 24. Juli 2017, 00.45 – 04.15 Uhr | WDR Fernsehen
Rockpalast | 31. Juli 2017, 00.45 – 04.15 Uhr | WDR Fernsehen

Unterm Strich halten wir fest: Ein gelungenes Wochenende!

Ergänzende Bilder zu den Auftritten von Meta & The Cornerstones, Danakil, Teesy, Xavier Rudd und NAS:

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Links

Summerjam Website
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Nachbericht 2016

Bilder: Lars Junker

Autoren: Philipp Lehmann & Lars Junker

Lars Junker

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Lars Junker

Gründer des Ahoimag. Ganz viel Indie-Kram, gerne auch mal leise, selten auch mal laut. Vinyl-verliebt, Star Wars Fan minimal süchtig nach Kaffee.

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