Vainstream Rockfest 2017

Der „Sold out“-Banner konnte auch in diesem Jahr wieder auf der Homepage des Vainstream-Festivals in Gebrauch genommen werden. Rund 15.000 Besucher empfing das Event am ersten Juli im schönen Münster. Und wer keine Karten mehr bekommen hatte oder aus anderen Gründen fernbleiben musste, konnte das Geschehen online über einen Live-Stream mitverfolgen.

Das Festival legt von Haus aus seinen Fokus auf Genres wie Punk, Metal und Hardcore, bietet aber im Programm auch Bands, die entweder nur an diesen Kategorien kratzen oder gar weiter davon entfernt liegen. 2006 ins Leben gerufen, fand die Open-Air-Veranstaltung bereits zum zwölften Mal statt und erfreut sich vieler treuer aber eben auch neuer Fans. Unter diesen Fans sind die Besucher auf der einen und die Bands auf der anderen Seite, denn viele der Künstler sind zum wiederholten Male Ende Juni/Anfang Juli in Münster dabei. Der Headliner Broilers ist eine dieser Bands und Sänger Sammy Amara war während der Show voller Lob gegenüber des Vainstream-Teams und der Veranstaltung an sich.

Der Plan

Die Organisation des Vainstreams lässt nichts zu wünschen übrig. Hier wird für die Fans gesorgt, das Vainstream ist wie eine Mutter, die will, dass ihre Schützlinge Spaß haben und dann wieder heile nach Hause kommen. Es sind Kleinigkeiten wie der Ohrschutz oder das dieses Mal leider notwendige Regencape, die an den Merch-Ständen erhältlich waren, ebenso wie ein verlässlicher Zeitplan und ausreichend Personal, durch das glatte Abläufe ermöglicht wurden, die den Aufenthalt angenehm machten. Das Gelände am Hawerkamp ist sowohl verkehrsgünstig für Auto- als auch für Bahnfahrer gelegen. Ausreichende und kostenlos bis kostengünstige Parkplätze waren vorhanden. Wer regelmäßig im Vorfeld auf die Homepage oder die Facebook-Seite des Festivals geschaut hatte, bekam viele wichtige Infos rechtzeitig für eine entsprechende Planung. So beispielsweise auch die Bitte, sich bezüglich des Tascheninhalts auf das Nötigste zu beschränken, um die in diesem Jahr verstärkten Kontrollen zügig durchführen zu können.

Detailverliebt war wie immer auch das festivaleigene Merch, bei dem unter anderem ein niedliches Eichhörnchen die Shirts zierte und den Fuchs vom vergangen Jahr ablöste. Nicht planbar ist das Wetter. Regen war wie schon in den Tagen davor zu erwarten, er fiel aber nicht so heftig aus, als dass er die Stimmung der Besucher getrübt hätte. Zum späten Nachmittag hin klarte es sogar auf und die letzten Acts der großen Bühnen konnten unter nur noch wenigen Wolken und mit etwas Sonnenschein spielen.

Die Bühnen und das Gelände

Das Festival-Gelände ist mit den Jahren etwas gewachsen, aber immer noch überschaubar. Die zwei Hauptbühnen, die „Lonsdale Stage“ und die „EMP Stage“, befanden sich direkt nebeneinander. Gab es auf der einen Musik, wurde auf der anderen parallel aufgebaut und ein Soundcheck abgehalten, sodass meist nahtlos eine Band nach der anderen spielen konnte. Bei einem Platz in der Mitte mit gutem Blick auf beide Zwillings-Spielstätten – vielleicht ganz in der Nähe eines der zahlreichen Getränkestände – bedurfte es keiner großen Bewegung. Oft aber fand eine kleine Volkswanderung von rechts nach links und umgekehrt statt, immer gesittet und aufmerksam, schließlich konnte der nächsten Gruppe bereits zugehört werden. Außerdem gab es noch eine kleinere Außenbühne, „Throwdown Stage“ genannt und die „Green Hell Clubstage“ alias Sputnikhalle. Letztere bot einen netten Rückzugsort aufgrund des Daches über dem vielleicht schon leicht regenbefeuchteten Kopf und außerdem mit neun Bands bis in den späten Abend hinein. Dort gab es nämlich für diejenigen, die nach dem Hauptact auf der großen Bühne noch nicht genug hatten, weiteres Programm bis zur späten Stunde und den endgültigen Abschluss des Festivals gegen 1 Uhr nachts. Wer da nicht rein wollte, konnte Platz nehmen auf einer der überschirmten Bierbänke und auf einer Leinwand mitverfolgen, was drinnen so abging.

Die Musik

Eine Band musste ihren Auftritt beim Vainstream absagen: First Blood, die eigentlich als Abschlussband eingeplant waren, cancelten ihre gesamte restliche Europatour aufgrund ihres erkrankten Schlagzeugers, für den auf die Schnelle kein Ersatz gefunden werden konnte. Es könnte dann einfach früher Schluss gemacht werden, um die ohnehin schon müden Besucher einfach etwas zeitiger nach Hause zu schicken. Aber nein, nicht beim Vainstream: The Black Dahlia Murder, die bereits am Morgen als vierte Band des Tages gespielt hatten, sprangen kurzfristig ein und versprachen dem Publikum ihres ersten Konzertes bei Tageslicht ein völlig anderes Überraschungs-Set für die Nacht.

Auch nach diesem Ausfall waren es noch ganze 30 Bands, inklusive der Opening-Party am Freitagabend im Skaters Place, die beim Vainstream Rockfest in diesem Jahr auftraten. Trotz dem eindeutigen Fokus auf härtere Musik – „Faculty of Punk, Metal & Hardcore“ ist unter dem Logo des Festivals und so auch auf den vielen verschiedenen Merch-Artikeln zu lesen – glänzte die Zusammenstellung mit Vielfältigkeit, in gewissen Grenzen natürlich. So zogen viele Musikfans nach der Aufwärmphase mit Fallbrawl, Vitja und Deez Nuts am Vorabend an diesem Samstagvormittag die laute Musik dem Ausschlafen vor und waren bereits früh am Start, um abzurocken. Dass sich Bands, die ein Festival am Morgen eröffnen, in Ruhe die Landschaft anschauen oder die Besucher an ein bis zwei Händen abzählen können, ist beim Vainstream, das mit Chelsea Grin bereits um 9:45 Uhr begann, nicht der Fall.

Hier ein Auszug aus dem musikalischen Geschehen in Münster an diesem ersten des Monats Juli:

Um 11:15 betraten The Black Dahila Murder die rechte der zwei Bühnen. Ein herzliches „Good morning assholes“, die Aufforderung „Come over here!“ sowie der Aufruf zum Crowdsurfing wurden gut vom Publikum angenommen. Auch die eine halbe Stunde später direkt nebenan spielenden Briten von While She Sleeps hatten die Besucher auf ihrer Seite. Bei Songs wie „Hurricane“ und „Four Walls“ wurde der Sänger, der durch sein zurechtgeschnittenes Come-Back-Kid-Shirt mit Nippel-Sicht vielleicht gleich einen Gruß an die wenig später spielenden Kollegen senden wollte, fleißig gesanglich aus dem Pit unterstützt, bevor sie sich auf den Weg nach Australien zu machen hatten.

While She Sleeps

Nasty aus Belgien kamen im Anschluss auf die EMP-Stage. Der Mann am Mikro forderte sofort und persistent mit aufgezogener Sweaterkaputze dazu auf, mehr nach vorne zu kommen: „Die Security steht nicht umsonst hier“, erklärte Frontmann Matthi mit leichtem Akzent und brüllte „mehr, mehr, mehr“ schon fast im Takt. (Hätten sie Wotan Wilke Möhring nicht mehr für die Fortsetzung von „Lammbock“ bekommen, hätte sich dieser Herr sicher nicht schlecht in der Rolle des am Tourette-Syndrom erkrankten Kiffers Frank gemacht.) Schwer zu sagen, ob diese Band sich selbst ernst nimmt oder ernst genommen werden will, vielleicht besteht aber auch ein unterschwelliger Drang, dem Namen gerecht zu werden. An Überzeugungskraft mangelte es Nasty beim Vainstream in jedem Fall nicht und insbesondere vor dem ersten Wellenbrecher kam es zu ausreichender körperlicher Betätigung. Wer mehr von dieser Band wollte, konnte sich über die Ankündigung einer neuen Platte und eines neuen Videos freuen.

Sich davon erholen wollend oder auch um einfach nur mal etwas Zeit ohne das Nass von oben zu verbringen, konnte der Weg zur Green Hell Clubstage führen. Dort trat unter anderem die Newcomer-Band Brett auf. Um 14 Uhr legten die Hamburger eifrig los, nachdem sie selbst den Soundcheck durchgeführt hatten. Soundprobleme zwangen sie zwar zu einer kurzen Pause, aber nachdem das Problem behoben war, schlossen sie souverän wieder an das Set an. Musikalisch eher im Kontrast stehend zu vielen Acts der großen Bühnen, kamen Brett mit ihrer deutschsprachigen Rockmusik gut an. Das Material, das auf bisher zwei EPs veröffentlicht wurde, brachten sie authentisch rüber und der Spaß, auf dieser Bühne zu stehen, war anzumerken. „Wir sind ehrlich“, hieß es von dort und so klingt auch ihre Musik. Das Publikum, das ihnen in der Zwangspause nicht abhanden gekommen war, schenkte den Jungs wenn auch keine ausgelassen Tänze, dennoch seine Aufmerksamkeit und ließ vermuten, dass die Fanbase sich an diesem Nachmittag etwas erweitert hatte. Nach Songs wie „Schwester“ und „Schattenmann“ sowie einem Statement gegen Rassismus verließen sie die Bühne, die aufgrund der Halle und Beleuchtung eher an einen lauschigen Clubabend als an einen semi-sommerlichen Festival-Nachmittag denken ließ.

Brett rocken die Green Hell Clubstage beim Vainstream 2017

Auf Deutsch ging es draußen auf den Hauptbühnen weiter: Mit 187 Strassenbande, Callejon und Feine Sahne Fischfilet. Erstere vertraten die Hip-Hop-Sparte, die im letzten Jahr von KIZ besetzt worden war. So flächendeckend gut wie diese wurde 187 Straßenbande, die aus Hamburg und nicht, wie die Schreibung vielleicht vermuten lassen könnte, aus der Schweiz kommen, nicht vom Publikum in Münster angenommen. Die einen oder anderen Buhrufe waren zu hören, dennoch wurde vielerorts auch mitgesungen und getanzt. Eingespielte Schüsse sollten vielleicht ein Gangster-Flair verbreiten, außerdem legte die Band immer wieder kurze Pausen ein, die auch mit dem Schluss der Show verwechselt werden konnten. Nachdem dieser wirklich eingetreten war, ertönte auf der anderen Bühne ein sphärisches Synthie-Intro, mit dem Callejon eingeleitet wurde. Die Metalcoreband brachte die härteren Töne mit Liedern wie „Dunkelherz“ und ihrer Interpretation von Fettes Brots „Schwule Mädchen“ wieder unter die Menge.

Die kleinere Außenbühne war mit den Künstlern Obay the Brave, Rogers und Dave Hause ebenso einen Besuch wert. Das muss wohl auch die Sonne gedacht haben, die sich gegen 18 Uhr für den Rest des Tages zeigte. Ein schönes Umfeld für Dave Hause, dessen Bassist trotzdem im Regencape die Saiten bediente. Vielleicht hatte dieses Outfit aber auch irgendetwas mit einer Meerjungfrau zu tun, schließlich stand auf dem großen Banner hinter dem Schlagzeug „Dave Hause & The Mermaid“ und nicht nur der Name des Frontmannes wie im Programm angekündigt. Mit seiner Musik, den musikalischen Ursprüngen im Punk und Hardcore sowie einer begleitenden Band, die durch ein „und“ an dem eigenen Namen angeschlossen erwähnt wird, erinnerte Dave Hause an Frank Turner (And The Sleeping Souls). Die Formation um den Amerikaner Dave Hause wusste mit abwechslungsreicher Rockmusik – es gab einen Gasttrompeter und diverse Instrumentenwechsel unter anderem von der Keyboarderin, die in dieser Hinsicht durchaus Ähnlichkeit mit Zia McCabe von den Dandy Warhols aufwies – an diesem Samstagabend jedenfalls zu begeistern. Es wurde getanzt und geklatscht. Ein Platz für Circlepits war hier nicht, aber auch das ist eben das Vainstream.

Dave Hause

Wieder zurück zur Hauptbühne, wo es immer mehr nach Headlinern roch. Die Folk-Punker von den Dropkick Murphys passten nach Flogging Molly im letzten Jahr gut in die Tradition. Bereits am Morgen konnten grüne Männchen, das heißt Personen in grüner Kleidung und mit großen grünen Hüten, unverkennbar als Dropkick Murphys-Fans auf dem Festival-Gelände gesichtet werden. Viele weitere, nicht ganz so auffällig gekleidete waren zusätzlich anwesend. Die Körperhaltung und Bewegungen von Sänger Al Barr ließen die Illusion entstehen, die wuchtigen Beats kämen direkt aus seinem stampfenden Bein, das den Bühnenboden stetig bearbeitete. Mit vorgeschobenem Kiefer und eher verbissen wirkendem Blick hatte er die Menge im Griff. Dudelsack, Banjo und Akkordeon sorgten zusätzlich zu dem klassischen Bandequipment für die typischen irischen Klänge der US-amerikanischen Band mit ebendiesen Wurzeln. Stücke wie „Rose Tattoo“ oder das ideal zum Mitsingen nach einigen Bieren geeignete „Shipping Up To Boston“ rundeten das Set ab.

Dropkick Murphys

In visueller Hinsicht wurde es im Anschluss um 20:30 Uhr bei A Day To Remember bunt: Überdimensionales Lametta, das ins Publikum geschossen wurde und sich in Kabeln und Bäumen fast schon kunstvoll verhedderte sowie große Ballons, die aus der Menge eine Art Spielplatz machten, begleiteten die Musik des Quintettes aus Florida. Zusätzlich das etwas andere Crowdsurfing dazu – man nehme einen Festivalbesucher als Surfbrett und einen weiteren als Surfer – und die ADTR-Show ist rund. Auch sie waren nicht das erste Mal beim Vainstream dabei. Wahrscheinlich wird es auch nicht das letzte Mal sein, dass sie ihre Crossover-Songs, die meist zu viel Action anregen, in diesem Setting spielen werden. Ebenso das etwas ruhigere „If it Means a lot to you” fand viel Anklang.

Auf der Nebenbühne waren zwischenzeitlich die Umbauarbeiten für den Hauptact hinter einem riesigen Tuch, auf das eine bunte Zielscheibe gedruckt war, abgeschlossen, sodass dieses effektreich abgeworfen werden konnte, um die Band zum Vorschein zu bringen. Die mittlerweile große Düsseldorfer Band Broilers hat ihre Geschichte auf und mit dem Vainstream. Mehrfach schon dort aufgetreten und befreundet mit den Organisatoren sprach Sänger Sammy Amara diesen seinen Respekt aus und animierte das Publikum, dies zu unterstützen. Immer wieder lobte er außerdem die Stadt, die seine Band durch die musikalische Arbeit im Tonstudio gut kennt. Wenn bei „Die Beste aller Zeiten“ im Hintergrund alte Fotos der Band gezeigt wurden und Nostalgie aufkam, wurde klar: Die Broilers, die mittlerweile die ganz großen Locations und eben auch als Headliner von Festivals spielen, sind für diesen Erfolg und den Weg dorthin dankbar. Die Größe der Bühne minderte keinesfalls den Spaß, den die Musiker darauf hatten, was sich auf die Festivalbesucher übertrug. Immer noch ist ihnen eine Fannähe wichtig, so freuten sie sich besonders im Wissen darüber, dass die meisten im Publikum schon lange auf den Beinen waren, über deren ungebrochenen Enthusiasmus. Und dieser wurde weiter gefordert: Nachdem Sänger Sammy gleich mehrere kleine Circlepits gezählt hatte, äußerte er später den Anspruch, den größtmöglichen bilden zu lassen. Bassistin Ines sollte dafür einen Ankerpunkt, einen Zuschauer, um den es sich im wahrsten Sinne des Wortes drehen sollte, suchen. Nach ein paar Sicherheitshinweisen ihrerseits, wie aufeinander aufzupassen und jedem, der hinfällt, sofort aufzuhelfen, konnte der musikalisch unterstützte Menschenstrudel beginnen. Eine Aufreihung an Blasmusikern hinter der Hauptband sorgte dabei wundervoll für die besonders tanzbaren Ska-Elemente, welche sich die Broilers manchmal hinzuholen und die in Songs wie „Harter Weg“ unterstützend hinzukommen. Vielbejubelt und sichtlich gerührt beenden die Broilers das Festival auf der großen Bühne, während die hartgesottenen Fans in der Sputnickhalle noch letzte Konzerte wie das von Tim Vantrol besuchen konnten.

„Kommt gut nach Hause!“ – Dies wird bei den meisten Besuchern geklappt haben, denn auch hier war schlussendlich eine gute Organisation zu spüren. Auf der Homepage und den Social Media-Kanälen des Festivals heißt es wenige Zeit später schon „Thank You! See You in 2018“. Dass es einige Wiedersehen geben wird, das steht fest und auf das kommende Line-Up für 2018 darf gespannt sein.

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Fotos: Stefanie Zerres

Stefanie Zerres

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