Interview: Sinkane

Ahmed Gallab – auch bekannt als Sinkane – hat in seiner Karriere mit vielen legendären Musikern zusammengearbeitet und dabei erstaunlich viel gelernt. Er ist ein begabter Musiker, der kritische aber auch positive Worte für das aktuelle Zeitgeschehen findet. Dabei verpackt er seine Texte in modernem Soul und kombiniert das mit musikalischen Elementen aus seiner sudanesischen Heimat.

Sinkane ist in New York aufgewachsen. Er ist aber auch von der Heimat seiner Eltern, dem Sudan geprägt. Seine Eltern mussten aufgrund politischer Konflikte ins Exil in die USA flüchten. Er verarbeitet die Geschichte seines Lebens durchaus mit seiner neuen Platte Life & Livin it. Er versucht dabei auch positive Zeichen zu setzen und eben nicht auf die Tränendrüse zu drücken, obwohl definitiv schlimme Sachen passieren. Ahmed Gallab ist ein mehr als positiver Zeitgenosse, was er auch mit seiner Musik zeigen will.

Auf deinem neuen Album Life & Livin it befindet sich auch die erfolgreiche Single “U’Huh”. Im Refrain hast du das arabische Sprichwort “Kulu shi tamaam” verwendet, was bedeutet diese Phrase und wie wichtig ist sie für dich und die Menschen auf der Welt?

“Kuli shi tamaam” heißt:”Alles ist großartig”. Da sagst du, wenn jemand dich auf Arabisch fragt, wie dein Tag ist, zum Beispiel. Das, was ich mit meiner Musik machen will, ist die arabische und afrikanische Kultur auf kreative Weise einbauen. Und wenn wir an all das denken, was zurzeit passiert, wollte ich so eine simple Phrase in eine Hymne verwandeln. Ich wollte diesen positiven Vibe im Song erschaffen. Während des Schreibens hab ich durchaus verrückte Sachen mitbekommen und so dachte ich, dass wäre das Richtige.

Die Leute sollen sich mit dem Song identifizieren können. Menschen denen es ähnlich wie mir geht. Das ist aber kein Muss. Es soll einfach Menschen, denen es gerade schlecht geht, wegen der vielen politischen Dinge, die weltweit passieren, wieder aufrichten. So soll der Song daran erinnern, dass auch oft Freunde noch für einen  da sind und wir gemeinsam Partys feiern können und uns nicht entrüsten lassen sollen.

Das finde ich eben das faszinierende an dir. Ich mein, ich bekomme ja auch mit, was in den letzten Tagen und Wochen passiert. Egal ob wir jetzt über Kabul, Manchester oder Syrien reden. Ich denke, vielen fällt es schwer, da noch positiv zu denken und dass deine Musik da durchaus helfen kann. Hast du über diese positive Stütze durch Musik viel nachgedacht?

Ja gut, als ich mein Album produziert habe, war unter anderem Trump noch nicht Präsident. Klar, es gab viel krasses Zeug in den Nachrichten. Polizeibrutalität in den USA war ein großes Thema. Die Leute waren vor allem dort sehr gespalten. Normalerweise würde ich mich in meine Musik verkriechen, um all diesen Problemen zu entfliehen. Dann höre ich Pink Floyd oder alte afrikanische Platten und vergesse so, was um mich herum passiert. Tja, nun hör ich aber im Moment viel aktuelle Musik und die adressiert genau in welchen schweren Zeiten wir leben, auch auf eine gewisse militante Art und Weise. Ich finde das nicht verkehrt. Trotzdem bin ich der Meinung, dass wir auch positiv denken müssen. Wir müssen die Hoffnung erhalten, dass die Zeiten wieder besser werden und genau das ist, was ich mit meiner Musik vielleicht tue.

Ich denke, das ist eine kluge Art und Weise Musik zu machen. Positiv bleiben, aber trotzdem kritisieren. Total wütend auf Umstände zu reagieren ist vielleicht kontraproduktiv.

Aber andererseits ist es schon cool, was Kendrick Lamar oder Solange machen. Sie schreiben Alben, die wirklich den aktuellen Stand so gut und genial erfassen. Sie machen nichts falsch. Nur meiner Meinung nach muss es auch eine Alternative geben. Wenn ich Kendrick höre, inspiriert mich das, ich kann das verarbeiten. Aber es gibt eben auch Leute, die dann durchdrehen und es nicht verarbeiten können.

Das ist auch ein Problem von Kunst, speziell bei Musik. Wenn sie quasi für gewalttätige Zwecke missbraucht wird.

Was dich sicherlich auch beeinflusst hat bei deinem musikalischen Werdegang ist das Projekt Atomic Bomb! Band mit Legenden wie David Byrne, Pat Mahoney (LCD Soundsystem), Damon Albarn oder Alexis Taylor

The Atomic Bomb! Band hat mir eine ganze Menge an Selbstvertrauen gegeben. Es passiert normalerweise nur einmal im Leben eines Musikers, dass er mit einem Idol zusammenspielt. Ich durfte ganze zwei Jahre gemeinsam mit allen möglichen Idolen von mir auftreten. Nicht nur das, ich durfte sie sogar anführen. Es gab Momente wo David Byrne mich fragte, was er tun soll. Die Zeit war so surreal. Das waren die Leute, die dafür sorgten, dass ich überhaupt Musik mache. Diese Zeit gab mir die Gewissheit und das Vertrauen für meine Karriere. Denn heutzutage Musiker zu sein ist schwierig, weil so viele Leute talentiert sind und im Internet ist jederzeit alles verfügbar, was super ist.

Doch es ist hart aus diesem See als einzigartiger Musiker heraus zustechen. Ich erinnere mich noch ganz genau an die erste Show, als David Byrne danach zu mir kam und sich bei mir bedankte und sagte: “Wir hatten alle eine großartige Zeit, aber das wäre nichts ohne deine Führung”. Das war für mich unvorstellbar, das hätte ich nie im Leben erwartet. Als wir mit dem Projekt fertig waren und unsere letzte Show gespielt haben, war ich bereit ins Studio zu gehen und einfach zu arbeiten. Ich hatte dieses Verlangen, etwas Neues zu erschaffen und wusste auch, dass es viel wert sein wird.

Generell brauchen Künstler ja beim Schaffen von Musik auch eine Menge Geduld, hast du hier auch Fortschritte gemacht während des Projekts? Wie viel Geduld hast du generell gebraucht, um dieses neue Album produzieren zu können?

Den Song “Deadweight” hab ich ursprünglich für mein Album Mars geschrieben. Das ist sechs Jahre her, aber er war nicht gut genug. Selbst für Mean Love wenig später danach, war er noch nicht gut genug. Ich war wirklich genervt, weil es so schwierig war diesen Song zu beenden. Wir versuchten ganz viele verschiedene Versionen und wollten rausfinden, wie wir den Song auf das nächste Level bringen können. Nach dem Atomic Bomb!-Projekt gelang es mit viel Selbstvertrauen ihn fertig zu bringen.

Es hat also sechs Jahre gedauert, ich musste wirklich eine Menge Geduld für “Deadweight” aufbringen. Ein anderer Song vom Album hat auch drei Jahre gebraucht. Ehrlich gesagt mach ich mir über Geduld nicht so viel Gedanken, aber nach der Fertigstellung des Albums bemerkte ich erst, wie viel ich dran gearbeitet habe. Dennoch muss ich sagen, hat sich meine Arbeitsweise verändert. Früher hab ich fast zu viel überlegt, während es bei Life & Livin It – mal “Deadweight” ausgenommen – geschmeidiger lief. Es ist nun mehr organisch und fühlt sich wirklich wie das Album einer Band an.

Das ist ziemlich beeindruckend, so lange an einem Song dranzubleiben. Aber ich denke, viele Künstler zeigen, wie sich Songs über die Jahre hinweg entwickeln und verändern können. Father John Misty hat mit seinem Song “Leaving LA.” auch mehrere Jahre mit dem Schreiben des Songs verbracht. So etwas kann einen Song zu etwas Besonderem machen.

Was an dir auch ziemlich besonders ist, ist dein Talent für Instrumente. In einem Interview hast du mal gescherzt, dass du 350 Instrumente beherrscht. Eigentlich bist du ja Schlagzeuger, deswegen die Frage, was wären deine drei Lieblingsinstrumente, abgesehen vom Schlagzeug?

Gitarre, Bass und Synthies. Ich will nicht wie jemand mit einem Standardgeschmack wirken, aber ich mag es Bass zu spielen, weil es sehr mit dem Schlagzeug verbunden ist. Eben ein sehr progressives Instrument. Einer meiner Freunde sagte zu mir mal, du wirst niemals den perfekten Bassisten finden, weil du als Schlagzeuger dein eigener perfekter Bassspieler bist. Das hat meine Perspektive zum Bassspielen verändert, weil ich gemerkt habe, es stimmt. Mit der Gitarre verbindet mich eine Hassliebe. Einerseits macht es eine Menge Spaß, aber andererseits ist es schwer, wirklich gut darin zu sein. Du brauchst ganz viel Geduld, was du da genau machst. Oft macht es als Instrument einfach keinen Sinn. (lacht)

Etwas elektronischer unterwegs ist ja dein Labelkollege Roosevelt alias Marius Lauber. Er hat einen Remix zu deinem Song “Telephone” entworfen. Wie kam es zu der Konstellation? 

Sein ausgezeichnetes Album kam genau raus, als ich mit meiner Produktion fertig war. Ich sah ein Bild von Christoph, dem Chef von City Slang, mit Marius auf Instagram und dort stand, dass sie stolz seien, das beste Pop-Album des Jahres zu bringen. Da wollte ich natürlich wissen, was dahinter steckt. Ich hörte es mir an und war wirklich begeistert. Es war der perfekte Soundtrack zum Locker-durch-die-Gegend-tanzen. Als wir mit “Telephone” fertig waren, dachten wir alle, wir sollten einen discoartigen Remix dazu machen. Er war der Erste der mir dazu eingefallen ist. Als er mit dem Song zurückkam, war das wirklich erstaunlich. Ich war dann für Pressetermine auch in Berlin und konnte mir eine Show von ihm ansehen. Ein ausgezeichneter Musiker.

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Foto: Christian Gschwilm

Daniel Guggeis

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