Nathan Gray Collective – 10.04.2017 – Köln, Underground

Das Kölner Underground bot mit seiner düster-abgeranzten Atmosphäre das ideale Setting für Nathan Gray Collective, die an diesem kühlen Aprilabend ihr Schaffen live präsentierten. Außerdem sorgte die überschaubare Größe des Clubs sicherlich insbesondere bei langjährigen Fans von Boysetsfire, der Hausband von Nathan Gray, für ein angenehm privates Gefühl der Nähe zu den Musikern.

Aufwärmen sollte das Publikum ein unter dem Namen The Devils Trade wirkender Solokünstler aus Ungarn. Auffällig durch seinen üppigen Schnurrbart, mal an der Gitarre, mal am Banjo und vor allem unbeirrt der Nebengeräusche aus Richtung der Bar – so mancher Besucher zog es an der Stelle des Konzertes noch vor, sich munter zu unterhalten – gab er sein Singer-Songwriter-Set zum Besten. In den folkig bestimmenden Songs, von denen auch der ein oder andere an Schnelligkeit zunahm, dominierte besonders die dunkle, wummernde und voluminöse Stimme.

In der Umbaupause vor dem Hauptact Nathan Gray Collective wurden neben den Instrumenten auch diverse Dekoartikel auf die Bühne gebracht. Besonders auffällig darunter eine Art kleiner Altar mit dunklen Blumen und Totenköpfen sowie eine schwarzen Kerze. Das sollte wohl die eher düstere Stimmung der Musik, die – wie Gray selbst beschrieb – in einer dunklen, depressiven Lebensphase ihre Wurzeln hat, weiter untermalen. Dies war nett anzusehen, aber nicht unbedingt notwendig, denn die Musik sprach für sich selbst. Die Outfits der Musiker waren mehr gediegen als punkig-sportlich. Vielleicht ist dies zusätzlich als Abgrenzung und bewusster Unterschied zum Punk-Rock-Image ein relevanter Bestandteil für die Band.

Auch der in Form eines Rednerpults konzipierte Platz für den Sänger war mehr Deko und funktionell eher obsolet. Denn Nathan Gray stand kaum still während des Konzertes. Vielmehr nutzte er meist den Platz, den die kleine Bühne bot, voll aus, um seine Kreise zu ziehen, umher zu gehen und mitsamt seiner ausdrucksstarken Gestik, die seine gewaltige Stimme untermalte, zu füllen.

Ebendiese Gestik – die freie Hand war ständig in Bewegung, ein Fingerzeig hier, ein Abwinken dort – passte dann wiederrum zu einem Redner vor einem Pult, der seine Zuhörer überzeugen will. Hier war aber natürlich zusätzlich noch die Musik, die mit gitarrenlastigen ebenso wie elektronischen Momenten glänzte, ein wichtiger Bestandteil.

Mit der Debüt-EP Nthn Gry, die 2015 erschienen ist, und dem kürzlich veröffentlichten Album Until Darkness Takes Us war der Umfang des Repertoires zwar nicht unerschöpflich groß, aber durchaus ausreichend für eine solche Show. Die Setlist war in einer guten Mischung zusammengestellt, sodass neben eher ruhigeren Songs auch immer wieder schnellere und lautere Stücke gespielt wurden. Zum Set gehörten unter anderem „At War“, „Baptismal Rites“ und „Jettison“.

Rhytmische Konstante bildeten die treibenden Drums, während Daniel E. Smith zwischenzeitlich von der Gitarre, deren Intensität Nathan Gray ehrfürchtig lobte und die mal klar akkustisch und an anderer Stelle wiederum verzerrt griffig genutzt wurde, an das für die elektronischen und Industrial-Sounds zuständige Instrument wechselte. Damit konnte auch schon einmal der Eindruck entstehen, Schüsse würden simuliert oder die Band hätte sich kurzzeitig einem anderen Genre verschrieben.

Grays Instrument ist seine Stimme, die er gut einzusetzen weiß. Bei dem einen oder anderen Song veränderte er sie mithilfe eines Megaphons, was den Industrial-Sound verstärkte und den musikalischen Charakter einmal mehr aus der Rock-Schublade herausholte.

Zwischenzeitlich kam das Gefühl auf, dass das Nathan Gray Collective Teile des Publikums erst überzeugen musste. Doch die teils verhaltenden Zuschauer wurden durch die Fans und Kenner der Band kompensiert. Und selbst wenn Teile der Besucher nicht so mitgingen, gab es immer reichlich respektvollen Applaus nach den einzelnen Stücken.

Zwischen den Songs richtete Gray außerdem das gesprochene Wort an das Publikum und bedankte sich unter anderem für das zahlreiche Erscheinen im – zwar nicht ausverkauften, aber dennoch gut besuchten – Underground wie auch zu der am Nachmittag stattgefundenen Lesung, die er im Kölner Café Hibiskus gehalten hatte.

Zu dem Song „Remains“ von Until Darkness Takes Us erklärte Nathan Gray, es solle keine Zeit verschwendet werden, schließlich stürben wir alle und könnten in jeder Sekunde nicht mehr existieren. Alles natürlich keine wirklich neuen Weisheiten und recht dramatisch dargestellt. Aber es ist natürlich eine persönliche Entscheidung und abhängig vom jeweiligen Charakter, ob die transportierte Melancholie so angenommen werden kann oder nicht. Die Musik untermalte sie in jedem Fall treffend.

Schön zu hören war außerdem, dass der Mann, der doch sehr im Mittelpunkt des Geschehens stand, das Ganze mit Humor nahm und selbstironisch damit umgehen konnte. „Got my name all over the shit“, sagt er in Richtung Merch-Stand und beschrieb seine eigenen Witze als flach. Letzters könnte aufgrund der manchmal leicht divenhaften Erscheinung Grays fast schon als „fishing-for-compliments“ wahrgenommen werden, die Fans verzeihen ihm dies aber sicher wohlwollend. Insbesondere dadurch, dass der Amerikaner trotz langjähriger Bühnenpräsenz weltweit Wert auf Fan-Nähe zu legen scheint.

So auch an diesem Abend, an dem die Musiker im Anschluss des Konzertes, dessen Resonanz Nathan Gray wie dieser vor der selbst Zugabe sagte, sprachlos hinterließ, die Bühne verließen, um sich direkt unter das Volk zu mischen. Dort standen sie für Bilder und Autogramme bereitwillig und freundlich zur Verfügung. Damit wurde das Gefühl der Nähe bestätigt und viele werden zufrieden in die kühle Aprilnacht entschwunden sein. Die einen vielleicht mehr von der gesamten Musik des Nathan Gray Collective angetan, als andere, die nur „besonders die schnelleren Stücke, die an Boysetsfire erinnern“ mochten. Diesen Einfluss wird Nathan Gray auch mit Kult-Accessoires und kerzenbeschienen Totenschädeln nicht verleugnen können. Sofern er das überhaupt will. Zusammen mit seiner derzeitigen Crew kann er sich aber in jedem Fall auch in Form des Kollektives auf der Bühne sehen und hören lassen. Alle Musiker verstehen ihr Handwerk und bieten einen soliden Konzert-Abend.

Nathan Gray Collective
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Fotos: Stefanie Zerres

Stefanie Zerres

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