Deaf Havana – 05.04.2017 – München, Strom

Nichts mit Urlaubsfeeling, dafür aber umso mehr gute Laune: Deaf Havana feierten in München das Leben und kamen aus dem Grinsen gar nicht mehr heraus.

Kleiner Flashback: Auf dem Southside Festival 2014 durften die Alternative-Rocker von Deaf Havana nachmittags den Besuchern zeigen, was sie können. Das Zelt der White Stage war einigermaßen gut gefüllt und als die sechs Jungs die Bühne betraten, wurde schnell klar, dass irgendetwas nicht stimmte. Der Grund war auch schnell ausgemacht: Da die Truppe kein eigenes Banner für den Hintergrund mitgebracht hatte, wurde der Bandname mit einem Beamer angezeigt. An sich überhaupt nicht schlimm und aus Kostengründen durchaus verständlich – nur war derjenige, der damals den Schriftzug eingetippt hatte, wohl gedanklich schon beim nächsten Urlaub gewesen. In großen Lettern prangte dann nämlich „DEAF HAVANNA“ hinter den Rockern aus Norfolk, während sie den ersten Song anstimmten. Frontmann James Veck-Gilodi bemerkte dies recht schnell und da dieser Faux-Pas bis zum Ende der Show nicht behoben wurde, war der Sänger verständlicherweise die ganze Zeit sichtlich angefressen. Das war extrem schade, da Deaf Havana wirklich einiges auf dem Kasten haben und ihre Musik mehr verdient hätte.

Umso höher war die Erwartungshaltung an das Konzert im Münchner Strom am 05. April. Mit neuem Album, einem Mann weniger und hoffentlich besserer Laune sollte in kleinerer Atmosphäre alles besser werden. Doch zuvor hatte der Support in Form von Dinosaur Pile-Up die Aufgabe, das Publikum anzuheizen. Und es wurde ordentlich heiß! Vom ersten Gitarrenriff an schwebte das Publikum im Grunge-Himmel, denn was die Landsmänner aus Leeds da mit ihren Instrumenten zimmerten, war Neunziger-Jahre-Schmuddel-Rock vom Feinsten. Doch nicht nur Nackenbrechersongs wie „Grim Valentine“ oder „11:11“ sorgten für die musikalische Zeitreise in die besten Jahre von Nirvana, Pearl Jam & Co. Die Band selbst – allen voran Sänger und Gitarrist Matt Bigland – sah aus, als ob Kurt Cobain und Kumpanen für einen letzten Gig nochmal vorbeigeschaut hätten. Der Dino-Stapel ist definitiv ein Must-See und nicht nur für Genre-Fans interessant.

Nach der energiegeladenen Darbietung wurde es bald Zeit für Deaf Havana. Die Menge johlte, die Band griff zu ihren Instrumenten, mit einem lauten „Hello Munich!“ wurden die ersten Töne der Single „Sing“ angestimmt und dann… Knacksen, Stille. Da stimmte wohl irgendetwas mit dem Ton ganz und gar nicht. Aber davon ließen sich die Jungs keinesfalls aus der Bahn werfen. Kurz an der Technik rumgedreht und dann machten sie es wie die Cantina Band: Der selbe Song nochmal, und los!

Die Stimmung war von Anfang an phänomenal. Die Bandmitglieder grinsten um die Wette und das wirkte sich auch aufs Publikum aus. Die Atmosphäre war gelöst und mit Songzeilen wie „And we all just sing along, try to struggle on / `cause we need it, yeah we need it.“ wurde jeglicher emotionaler Balast von der Seele gesungen und zusammen gefeiert. Deaf Havana betonten auch mehrmals, dass diese Show mit Abstand die bisher beste der Tour sei. Generell lobten sie das dankbare deutsche Publikum und die Gastfreundschaft, die Musiker immer mit feinstem Essen und gutem Bier versorgte. Deshalb war die Freude auf die Deutschland-Stops besonders groß, obwohl die Angst, dass nur ein paar Leute zum Konzert kommen würden, größer war. Zum Glück war genau das Gegenteil der Fall und der Club gerammelt voll.

So waren die britischen Boys auch erleichtert und zu Scherzen aufgelegt. Gitarrist Matthew zum Beispiel erklärte die rote Schürfwunde auf seinem Nasenrücken mit einer kleinen Geschichte, bei der er sich letztens stark alkoholisiert so in sein Bett geworfen hatte, dass er mit seinem Kopf und vollem Karacho an den Bettrahmen geknallt ist. Schönes Andenken! Als jemand aus der ersten Reihe an einer Stelle den nächsten Song korrekt hervorsagen konnte, erntete er ein erstauntes „Damn, you’re a psychic!“ von Sänger James. Dieser funktionierte gegen Ende auch sein dunkles Handtuch um, legte es sich auf den Kopf und verwandelte sich zuerst mit noch sichtbarem Gesicht zu einer Art rockenden Mutter Theresa, später zum Imperator Palpatine der guten Laune, als er sich das Handtuch komplett kapuzenartig aufzog.

Da keiner der Anwesenden diesen Abend zu Ende gehen lassen wollte, warfen Deaf Havana ihre Prinzipien über Bord und ließen sich ausnahmsweise zu einer Zugabe hinreißen, die mit den Songs „Anemophobia“ und „Hunstanton Pier“ einen gelungenen Abschluss bildete und die Fans mehr als zufrieden stellte. Viele Songs von Deaf Havana funktionieren über die Retrospektive und klingen trotz nostalgischer Melancholie immer positiv. Blickt man nun auf diesen Abend zurück, fühlte er sich wie eines dieser Lieder an.

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Christian Gschwilm

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Christian Gschwilm

Texter aus Leidenschaft, Konzert-Junky, Bierdeckelphilosoph. Kann ganz gut mit Worten jonglieren und kennt sich im Medien-Zirkus aus.

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