Interview: I Heart Sharks

Tanzbare Musik mit cleveren Texten scheint mitunter so unmöglich wie das Ablecken des eigenen Ellbogens. I Heart Sharks beweisen, dass es machbar ist.

Die Songs von I Heart Sharks sind wie hippe Matrjoschkas. Ihr Sound ist überwiegend sommerlich und dynamisch, dahinter verbergen sich jedoch kritische Texte, denen oft ‘zynischer Optimismus’ nachgesagt wird. Statt dumpfem Phrasengedresche auf 08/15-Beats bekommt der Hörer Zeilen, die clever, aber nicht abgehoben sind. Tanzen und Denken gleichzeitig? I Heart Sharks machen es möglich.

Ähnlich spannend wie die Songs der Post-Pop-Band ist ihre Gründungsgeschichte. Statt dem klassischen „Schulfreunde gründen eine Band“-Klischee trafen die Bandmitglieder im Schmelztiegel Berlin aufeinander. Pierre Bee (Gesang) und Simon Wangemann (Gitarre, Synthesizer) lernten sich in der Hauptstadt kennen und begannen, gemeinsam Musik zu machen. Später wurden sie durch Martin Wolf (Schlagzeug, Synthesizer) und schließlich Craig Miller (Bass) ergänzt. Vier Jungs aus drei verschiedenen Ländern: Amerika, England und Deutschland. Sie alle kamen aus ähnlichen Gründen nach Berlin. „Die Mieten sind billig, aber es ist trotzdem eine relevante Stadt, die auch eine Szene hat“, sagt Sänger Pierre. Jedoch waren es nicht nur die (relativ) günstigen Mieten, die ihn nach Deutschland führten. Auch das Arbeitsklima in seiner Heimat London machte ihn unzufrieden: „Die Musikindustrie in England ist eine ganz schlimme Industrie. Du feierst nicht irgendwie andere Bands, du siehst die nur als Konkurrenz. Vor allem in London.“

Heute ist Berlin in aller Welt als Szenestadt bekannt. Jeder Hipster, der auch nur ansatzweise etwas auf sich hält, fühlt sich angezogen oder wohnt schon längst da. Auch bei Musikern – national und international – ist die Stadt beliebt. (Kraftklub seien hier einmal ausgenommen.) Als I Heart Sharks nach Berlin kamen, war es da weder modisch noch besonders cool. Von der heute gehypten Kunst- und Musikszene war ebenfalls noch nicht viel zu spüren. „Es gab zwar Bands, die haben aber nicht so spannende Musik gemacht und in den gleichen kleinen Clubs gespielt. Das war so ein bisschen hippiemäßig“, erinnert sich Pierre. „Die coolen Leute haben die Musik nicht gehört. Die Bands, die aus dem Ausland gekommen sind – da sind sie zu Konzerten gegangen. Die coolen Leute haben zu Techno getanzt. Da gab es für uns eine Lücke, um unser Ding zu machen. Was ganz Neues zwischen DJs zu spielen; bei Partys wo die coolen Leute da sind und nicht in dem Club zu spielen, wo drei Leute kommen.“

Ihre Lücke haben I Heart Sharks gefunden. In den zehn Jahren, die seit der Bandgründung vergangen sind, hatte ihr Sound Zeit und Raum zum Wachsen. In dieser Zeit entstanden drei Alben: das durch Crowdfunding finanzierte Debüt Summer (2011), das bei Universal erschienene Anthems (2014) und schließlich Hideaway (2016), welches im Gegensatz zu seinem Vorgänger mithilfe eines Indie-Labels das Licht der Welt erblickte.

Die Einflüsse ihrer Musik sind zahlreich. Die verschiedenen nationalen Hintergründe der Bandmitglieder spielten dabei eine nicht unerhebliche Rolle. „Ich glaube, es hat sich am Anfang auf jeden Fall dadurch ausgewirkt, dass wir alle zur selben Zeit nach Berlin gekommen sind – aus anderen Ebenen, mit anderen Musikstilen im Kopf. Die Sachen, die Pierre aus London mitgebracht hat, hatte ich zum größten Teil noch nicht gehört. Das Internet war ja auch irgendwie noch nicht so weit. Dadurch haben wir unsere Einflüsse ein bisschen vermischt und ich denke, das hört man bis heute. Dass wir eine Art Berliner tanzbare Musik machen, aber mit einem englischen Herz“, erzählt Simon.

In den Augen von Pierre verdanken I Heart Sharks ihre musikalische Entwicklung auch ihrer Wahlheimat selbst: „[In Berlin] zu wohnen hat uns auch total beeinflusst. Da gab es auch ganz viel Musik, die ich noch nicht gehört hatte. Ich bin danach ein megagroßer Fan von Neuer Deutscher Welle und Krautrock geworden. Alles, was ich wahrscheinlich nie so erlebt hätte, wäre ich in England geblieben.“

Wer über I Heart Sharks schreibt unterstellt ihnen häufig, sie wollen „maschinelle Musik mit menschlicher Seele“ machen. Die Musik ist tanzbar und kaschiert zeitweise die mitunter melancholischen Texte. Das weiß auch Pierre: „Ich weiß nicht, ob man als Deutscher sofort dem Text zuhört oder lieber erst tanzt. Das ist eine interessante Sache, weil es eine zweite Sprache ist. Ich weiß nicht wie es wäre, wenn wir auf Deutsch singen würden, ob der Text noch mehr im Vordergrund stehen würde.“

I Heart Sharks wollen Geist und Körper gleichermaßen berühren und bewegen. Das gelingt ihnen, auch wenn sie dafür ihre Finger in die wunden Stellen der Gesellschaft legen müssen. Nehmen wir zum Beispiel die viel diskutierte Generation Y. Die wird auch auf Hideaway zum Thema gemacht. Nach einer Antwort auf die Frage, welches Problem die Jahrtausender am meisten belastet, muss Pierre nicht lange suchen: „Der Generation wurde ganz, ganz viel versprochen und ganz viel verkauft in ihren Zeitungen oder auch im Internet. Dass du sehen kannst, was die anderen alles haben, die toller sind als du. Und was du alles sein kannst. Das lenkt dann aber ab von dem, was ich als das echte Leben bezeichnen würde. Dass man auch Elektriker sein kann oder Tischler. Dass jemand einen gelernten Handwerksberuf hat, ohne dass man denkt: Oh, ich könnte viel mehr mit meinem Leben tun. Ich könnte Rockstar sein! Ich könnte Model sein! Ich sollte eigentlich Millionär sein! Das, finde ich, [ist] das größte Problem der Generation. Dass es nicht okay ist, normal zu sein. Normal ist eigentlich total gut.“

Normal ist gut. Ein Statement, das herausgebrüllt gehört in Zeiten der zwanghaften Selbstoptimierung. Höher, besser, weiter – alle wollen immer mehr oder zumindest das, was die anderen haben. Gleichzeitig ist unsere Welt klein geworden. Wir sind vernetzt und wissen, was anderswo passiert. Dabei kann es schnell passieren, dass wir wesentliche Dinge aus den Augen verlieren. Darüber ist sich auch Pierre bewusst: „Unsere Einstellung als I Heart Sharks ist, dass man gut sein sollte. Zu den anderen, die im Leben so da sind. Das ist, glaube ich, das Wichtigste. Gerade weil die Welt so klein geworden ist durchs Internet, denken wir ganz viel, dass anderer Leute Probleme unsere sind. Zum Beispiel alle Leute, die ich sehe auf Facebook,  die in Deutschland wohnen und sich aufregen über Trump als Präsidenten. Ja, das ist echt doof für Amerika, aber das ist auch nicht unser Präsident. Wenn man so politisiert über Trump sein kann, warum dann nicht auch über Themen, die uns direkt betreffen? Das finde ich eigentlich viel wichtiger.“

Gut sein – zu anderen, aber auch zu sich selbst. Eigentlich ist das nicht zu viel verlangt. I Heart Sharks beweisen, dass es keine radikalen Weltverbesserungsparolen braucht, um Musik mit Botschaften zu machen. Es bleibt zu hoffen, dass die Zukunft voll ist mit ihrer tanzbaren Mischung aus Zynismus und Zuversicht.

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Foto: Ariane Seidl

Ariane Seidl

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Ariane Seidl

Irgendwer zwischen Milhouse und Zoidberg. Körperklaus aus Leidenschaft, Hai-Fangirl aus Überzeugung.

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