Nathan Gray Collective – Until darkness takes us

Nach mehr als 20 Jahren Leadsinger-Tätigkeit bei der Punk-Rock-Band Boysetsfire hat sich Nathan Gray aufgemacht, musikalisches Neuland zu betreten. Dieser Weg hat sich gelohnt, wie das erste Album der Formation Nathan Gray Collective, Until darkness takes us zeigt. Es ist kürzlich erschienen und folgt der Debüt-EP Nthn Gry aus dem Jahr 2015. Ermöglicht wurde die Produktion durch eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne.

Profitierend zum einen sicherlich von der langjährigen Erfahrung als Musiker aber zum anderen auch von den Möglichkeiten, die sich durch ein neues musikalisches Gefäß darstellen, entfaltet sich Grays Stimme auf dem Album ideal. Der Bezug zum Gesang stellt sich allein schon durch die Namensgebung des Projektes, das schließlich nach einem Sänger mit gewissem Bekanntheitsgrad benannt ist. Dies sollte jedoch nicht ablenken von den restlichen musikalischen Leistungen und dem Mitwirken von Grays Kollegen Daniel E. Smith. Hier bietet sich ein stimmiges Bild, das aber auch im Lauf der insgesamt 13 Songs immer wieder zu überraschen vermag. Vereint werden Dark-Wave-, Gothic- und Industrial-Sounds, aber auch ein bisschen Rock, Punk oder eben die Zusammenführung dieser zwei Genres, lässt sich heraushören. Doch eine wirkliche Kategorie ist schwer für diese Musik zu benennen, wobei sich über die Notwendigkeit eines solchen Vorhabens ohnehin streiten lässt.

Der Titel Until darkness takes us stellt bereits ein treffendes Stichwort zur Beschreibung der darauf enthaltenden Musik sowie den Lyrics bereit: darkness. Dunkelheit musikalisch darzustellen hat wohl meist etwas melancholisches. So auch auf dem ersten Longplayer des Nathan Gray Collectives. Songtitel wie „Memento Mori“ oder „Dark Fire“ lassen das gleiche Muster erkennen. Die Wortreihen mancher Stücke könnten düsterer nicht sein. So bietet beispielsweise „Lusus Naturae“ mit Begriffen wie tombs, blood, darkness, hatered, misery und scars gleich ein ganzes Nachschlagewerk an Vokabeln für augenringverzierte Poeten, die in dunklen Nachtschichten nach den richtigen Worten suchen. Man könnte sich glatt fragen, ob die „believe in a better way“-Aufbruchstimmung, wie sie in BSF-Songs zu hören ist, in eine resignierend-pessimistische Anschauung gekippt ist. Aber vielleicht schließt das eine das andere nicht aus und beides koexistiert in einer – Grays – Brust. Mit dem Cover-Bild, dessen Ursprung nicht klar zu erkennen oder zu deuten ist und welches der Wirklichkeit ebenso wie einer konstruierten apokalyptischen Vision entsprechen könnte, wird die kühl-düstere Stimmung passend visualisiert.

Das musikalische Neuland ist bei den ersten Songs der Platte noch nicht stark herauszuhören. Sie mögen noch vertraut im Ohr des einen oder anderen Boysetsfire-Fans klingen, insbesondere bei solchen, denen die ruhigeren Stücke der Band am Herzen liegen. Hin und wieder können Parallelen gezogen werden zu BSF-Liedern wie „Walk astray“, „My life in the knife trade“ oder „Unspoken request“. Es fehlen beim Nathan Gray Collective jedoch meist die bald nach den baladenartigen Einleitungen einsetzenden Tempowechsel, die typischen Punk-Rock-Klänge und der Wandel von cleanem Gesang in aggressive Shouts.

Ab dem dritten Stück, „Skin“, das zwar auch eher sanft mit Pianoklängen beginnt, aber sich dann ungeahnt steigert, ändert sich der Stil für den Rest von Until darkness takes us. Der elektronische Beginn dieses Stückes könnte auch an einen 80er Song wie New Orders „Blue Monday“ erinnern und diese Elemente sind in den folgenden Tracks  immer wieder anzutreffen. Mit „Skin“ eröffnen sich neue Horizonte, damit wird der eigentliche Charakter des Albums eingeläutet. Wirkt der Song im Refrain fast poppig, wechselt er bald wieder zu düsteren Synthie-Sounds. Von erneuter Dunkelheit umgeben scheint er insbesondere, wenn alles leiser wird, Gray fast schon flüstert, ohne den zeitweise mit Hall untermalten Gesang an Melodik verlieren zu lassen, bis wieder das Keyboard ins Spiel kommt. Auch der folgende Streich, „Desire“, hat einen deutlich elektronischen Charakter. Der Sound würde sich auch zur Untermalung eines apokalyptischen Sciencefiction-Films eignen. Vielleicht für eine Szene, in der sich ein Gesetzeshüter der letzten Art durch dunkle, metallisch verkleidete Kellergewölbe oder unterirdische Fabrikhallen windet. Dort, wo hydraulisch betriebene, schlecht gewartete Maschinen ächzend ihre Arbeit tun und wo sich zwielichtige Gestalten – das Stöhnen in der Ferne sorgt für die entsprechend anrüchige Atmosphäre – verbergen. Grays Stimme ist dabei im Hintergrund zu hören und erinnert an Mike Patton, wenn dieser durch ein Grammophon verstärkt singt oder schreit, bis sie wieder in den Vordergrund rückt und klarer wird, während darunter ein unerwarteter Tempowechsel, ohne dass der Gesang mitgeht, erfolgt. „Did you give me desire just to watch me fall?“ fragt Nathan zum Ende dieses Stückes ausdrucksstark.

Wie so einige andere Stücke auf dem Album, beginnt auch „Damascus“ mit einem klaren und schönen Pianoklang, der jedoch mit einem krachigen Geräusch am Schluss des Songs vernichtet wird. Inhaltlich auch hier eher härterer Toback, wenn die Aussage „Dear old friend, this is the end, this road beginns and ends with death” getroffen wird. Hinsichtlich der Gesangsbreite bietet dieser Song fast schon ungeahnte Möglichkeiten, insbesondere in der Höhe für Nathan Gray, er kann seine ganze stimmliche Bandbreite nutzen. Ebenso bietet „Anthemic hearts“ die Möglichkeit, dass die Leistungsfähigkeit von Grays Stimmbändern voll genutzt wird. Dabei ist der Name Programm, es handelt sich um eine Art Hymne, die sich immer mehr steigert. Zeitweise, nach einsteigenden Gitarren, erinnert dies an Bands wie Whitesnake.

Doch so ganz verlässt der Punk-Rocker seine Wurzeln nicht, z. B. wenn er in „At war“ nach BSF-Manier anfängt, sich alles von der Seele zu brüllen oder in „Jettison“ zwar melodischer, aber deutlich rockiger als in manch anderen Liedern singt. Zu solch anderen gehört auch der Titeltrack „Until darkness takes us“, der sehr ruhig ist und nur leise den Erzähler musikalisch begleitet.

Die elektronischen Elemente von Until darkness takes us haben an manchen Stellen etwas von klassischen 80er Synthies – so kann man sich beispielsweise bei „Set up“ problemlos rote Nebelschwaden auf einer Bühne vorstellen. Sie transportieren aber auch ganz oft einen Industrial-Rock-Charakter, der Assoziationen zu Bands wie Nine Inch Nails aufkommen lässt. Dies z. B. beim herzschlagähnlichen Rhythmus von „Remains“ oder den Klängen von „Memento Mori“.

Da Nathan Gray auf dieser Scheibe seine Stimme nicht atypisch nutzt und die Vielfalt der musikalischen Einflüsse auch rockigen Elementen nicht die Türe verschließt, sollte Until darkness takes us auch einigen Befürwortern seiner bisherigen Arbeit gefallen. Insbesondere aber denjenigen unter ihnen, die offen für andere Musikrichtungen sind und deren Ohren und Herzen Kapazitäten für Experimente haben. Dieses Experiment kann als gelungen bezeichnet werden und sollte durchaus die Genehmigung zur Weiterführung erhalten.

Homepage
Facebook

Foto: Pressefreigabe

Stefanie Zerres

About author

Stefanie Zerres

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.