Interview: Pool

Neues Jahr, neue Tour. Pünktlich zum Tourstart haben sich Pool die Zeit genommen, um über existenzielle Dinge zu sinnieren. Whisky, zum Beispiel.

Pool stehen auf gute Laune. Diejenigen, die mit ihrer Musik vertraut sind, dürfte das jetzt wenig überraschen. Es ist nahezu unmöglich, den Indie-Pop der drei Hamburger akustisch wahrzunehmen und zeitgleich mies drauf zu sein.

Glücklicherweise behalten Pool ihre gute Laune nicht für sich, sondern gehen damit unter die Leute. Am 19. Januar startete ihre Tour und stellvertretend für das Ahoimag habe ich mich vor ihrem Konzert im Leipziger Täubchenthal mit Danny (Schlagzeug), David (Gesang, Bass) und Nils (Gesang, Gitarre) zusammengesetzt, um ein bisschen zu plaudern. Eine lehrreiche Veranstaltung war das – für beide Seiten. Ich habe eröffnet, dass ich regelmäßig zu „Somebody Else“ von The 1975 weine, Pool haben mir verraten, dass sie sich in einem Interview mal so richtig persönliche, „bisschen grenzüberschreitende Unter-die-Gürtellinie-Fragen“ wünschen würden. Die hatte ich wiederum nicht parat, weshalb sie mit den folgenden Vorlieb nehmen mussten. Sorry, Jungs.

Heute ist Tourauftakt. Was erhofft ihr euch von der Tour?

Nils: Viele geile Konzerte in erster Linie.

David: Neue und bekannte Gesichter.

Danny: Ich habe generell lange nicht mehr gespielt und hab’ einfach Lust aufs Spielen. Erwartungen habe ich – einfach vielleicht aus Selbstschutz – erst mal gar nicht. Also das wird schon geil, klar. Das wird geil!

Warum habt ihr euch eigentlich Leipzig als Tourstart ausgesucht?

David: Das hat damit zu tun, dass man beim Touren immer aufpassen muss, dass die Wege kurz sind, wenn man von der einen in die nächste Stadt fährt.  Es war so, dass wir Berlin als Termin hatten und dann habe ich mich – weil wir alle irgendwie ziemlich witzige und geile Erinnerungen an den Laden hier haben – wahnsinnig dahinter geklemmt, dass wir hier wieder herkommen und dann hat das glücklicherweise auch ganz gut geklappt.

Ich habe irgendwie gehofft, dass ihr hier anfangt, weil Leipzig so cool ist. So nach dem Motto „Leipzig ist das neue Berlin“.

Danny: Ja, Leipzig ist auch derbe nice!

David: Wir haben in Leipzig zweimal gespielt und das erste Mal war halt komplett crazy. Da haben wir auf der Bühne gespielt. (David verweist auf den Ballsaal des Täubchenthals, in dem Pool 2014 The 1975 supportet haben.) Wir haben angefangen und nach zehn Minuten ist mein Bass kaputt gegangen. Das war die allergrößte Qual. Ich hatte theoretisch einen Ersatzbass, aber an diesem Abend war einfach derbe Zeitdruck und dann habe ich den im Auto liegen lassen. Ich renn’ halt durchs ganze Gebäude und such’ nach demjenigen, der den Schlüssel hat und der war gerade auf Toilette.

Danny: (lacht) Das war mein Bruder.

David: Genau. Und am Ende habe ich das Konzert dann einfach auf meiner Gitarre zu Ende gespielt. Das zweite Mal waren wir im Werk 2 und da kamen wir an und wir spielen ja jetzt normalerweise nicht in Sälen, wo so 1000 Leute reinpassen. Der war halt riesengroß, also noch größer als dieser Saal hier und das war so: Ja, cool. Wo spielen wir hier? Wird hier noch was abgehangen? Was passiert hier noch? Auf jeden Fall hatten wir am Ende, glaube ich, 100 Leute bei der Show und spielten in diesem riesigen Saal unser Konzert. Das Geile ist – beim ersten Mal war das genauso – es hat uns halt niemand dafür gehatet. Du denkst zuerst, das kann nur schiefgehen, so wenig Menschen in so ’nem Riesensaal, aber es war supernice.

Danny: (lacht) Das war so im Verhältnis als würde heute eine Person kommen und die rastet halt derbe aus.

David: Danach haben wir noch alle in dieser Riesenhalle gechillt mit den ganzen Leuten. Das war echt witzig.

2015 erschien euer Debütalbum Snacks and Supplies und es wird gemunkelt, dass euer zweites Album in den Startlöchern steht. Inwiefern habt ihr euch in der Zwischenzeit als Band verändert?

Danny: (lacht) Ist erst mal derbe geil, dass man munkelt, dass unser zweites Album in den Startlöchern steht.

Ich habe es auf Instagram gelesen. Ihr habt es da geschrieben. Ich habe euch vertraut.

David: (lacht) Danny ist erstaunt, dass es Social Media bei Pool gibt.

Danny: (lacht) Ich wusste gar nicht, dass wir ein zweites Album machen!

David: Nein, wir haben uns überlegt, dass wir jetzt auftreten gehen, um nicht wie beim ersten Album ein fertiges Album zu haben, das nicht einmal auf der Bühne gespielt wurde. Wir haben gesagt: Geil, wir wollen die Chance jetzt einfach nutzen, um die ganzen Songs mal auszuprobieren und zu schauen, was kann sich vielleicht auch noch – gerade im Live-Kontext – verbessern. Wir arbeiten eigentlich schon seit vor der Veröffentlichung des ersten Albums am zweiten Album. Und das ist halt echt schwer.

Nils: Wir waren auch schon komplett fertig.

David: Wir waren auch schon mal komplett fertig, dann waren wir wieder doch nicht fertig. Das ist einfach ein ewiges Hin und Her und der Moment wird aber, glaube ich, in 2017 auf jeden Fall kommen, dass wir es veröffentlichen.

Nils: Vor einem Jahr, ziemlich genau vor einem Jahr, waren wir fertig mit dem zweiten Album.

Danny: Die Songs, die auf dem zweiten Album quasi drauf waren, die spielen wir so jetzt schon gar nicht mehr. Das Ding ist, das zweite Album, das theoretisch komplett fertig war, das war krass viel mehr mit Computer-und-Drums-nicht-echt und so. Irgendwie war es dann doch nicht so richtig das, was wir auch wollten. Wir haben uns eigentlich verändert, um am Ende wieder da raus zu kommen, wo wir die ganze Zeit schon vorher waren.

David: Eigentlich sind wir derbe produziert gewesen und sind jetzt wieder ’ne Band.

Nils: Wir haben so einen Exkurs unter Ausschluss der Öffentlichkeit gemacht.

Würdet ihr euch selbst als Perfektionisten beschreiben?

David und Nils: Ja.

Danny: Eigentlich glaube ich nicht, dass ich ein Perfektionist bin. Also ich war lang krass perfektionistisch und versuche aber mir das abzutrainieren.

David: Wenn ich alleine Musik mache, dann ist alles aus. Ich kann das kaum. Deshalb tut mir in ’ner Band zu spielen auch derbe gut. Wenn ich alleine was produziere, dann wird das nie fertig. Dann kann ich mich in Details aufhalten, das ist nicht auszuhalten.

Glaubt ihr, dass es wichtig ist, einen hohen Anspruch an sich zu haben, wenn man in einer Band spielt?

Danny: Es ist vor allem wichtig einen hohen Anspruch an alle anderen zu haben.

Nils: Ich glaube, es ist wichtig grundsätzlich einen hohen Anspruch zu haben. Ist nicht verkehrt, auf jeden Fall.

David: Ich glaube, es gibt keine Regeln.

Danny und Nils: Uuuuuh.

Danny: (lacht) Ja, nee. Stimmt schon. Es gibt definitiv Bands, die einfach das, was wir jetzt vielleicht als Anspruch bezeichnen so gar nicht haben, aber die eben genau dadurch so derbe brillieren. Das finde ich einfach megageil. Es ist aber auch supergeil, wenn sich Leute Konzepte überlegen und die dann so richtig perfektionistisch umsetzen.

Was können wir denn vom neuen Album erwarten?

Nils: Hört man heute vielleicht ja schon so’n bisschen.

Danny: Es ist so’n bisschen schweißiger.

David: Ja, doch. Es ist schmutziger auf jeden Fall. Es klingt nicht so perfektionistisch.

Danny: Also zumindest so sound-ästhetisch. Ich glaube, in Sachen Songs und Songstruktur ist es schon poppig, wie Pool einfach ziemlich poppig ist.

Nils: Es ist viel besser geworden. So ums Songwriting herum auf jeden Fall.

Danny: Und so auch krass melodiös und super Hooklines und so’n Quatsch, aber wir haben jetzt – anders als bei dem nicht veröffentlichten zweiten Album – einfach irgendwie versucht wieder nah am Live dran zu sein.

Ihr habt – ebenfalls auf Instagram – geschrieben, dass die Fans auf dieser Tour die Möglichkeit haben werden, einen Einfluss auf das fertige Album auszuüben. Wie genau sieht dieser Einfluss aus?

David: Eigentlich liegt das ziemlich doll an den Fans. Wir haben uns jetzt nicht irgendwie überlegt, dass wir ’ne Fragerunde machen wollen. Davon halte ich einfach nichts.

Danny: Das merkt man dann auch einfach am Merchstand.

David: Du merkst es eigentlich auch schon immer beim Spielen. Wir haben auch Songs, die jetzt nicht total „Durch die Vordertür! Jetzt musst du mittanzen!“-mäßg sind und du siehst: Ja okay, entweder, es wird trotzdem angenommen oder halt nicht. Das alleine ist schon ein Rieseneinfluss. Wir sind noch nie so gewesen, dass wir gesagt haben nur unsere Meinung zählt. Wir sind alle total offen dafür, diese äußeren Einflüsse aufzunehmen. Deshalb machen wir das auch.

Danny: Wenn ich es schaffe, dass das Publikum ’ne geile Zeit hat, dann habe ich ’ne doppelt so gute Zeit. Wenn das Publikum es scheiße findet, dann finde ich es doppelt so scheiße. Das Publikum hat insofern Einfluss, dass wenn sie Sachen feiern, wir uns bestätigt fühlen in dem, was wir tun. Und wenn sie Sachen nicht feiern, dann gucken wir nochmal. Dann wird der ein oder andere Song halt rausgeschmissen und was Neues gemacht. Vielleicht finden wir den dann aber auch supergeil und sagen „Fickt euch, wir machen den trotzdem“. (lacht)

Welche anderen Einflüsse gab es?

Nils: Ich glaube, vor allen Dingen haben uns die Kooperationen beeinflusst, die wir eingegangen sind. So mit Produzenten oder Songwritern. Jetzt nicht unmittelbar in den Songs, sondern ganz grundsätzlich in der eigenen Wahrnehmung, im Bewusstsein fürs Songwriting und sowas.

Danny: Uns hat eigentlich auch das Werden beeinflusst. Also alleine ein zweites Album zu machen und das dann komplett in die Tonne zu treten ist ja einfach ’ne Beeinflussung. Das ist auch scheiße auf ’ne Art. Plötzlich festzustellen, wir haben gerade derbe viel Zeit und Geld investiert um dann leider einfach zu merken: Yo, jetzt bin ich zwei Monate ausm Studio und irgendwie ist das ganz okay, aber eigentlich nicht das, was ich rausbringen wollte.

David: Tut richtig weh. Das beeinflusst einen auf jeden Fall. Und ich glaube, es beeinflusst einen auch überhaupt dieser Prozess. Am Anfang wollte ich unbedingt sofort ein nächstes Album rausbringen, um jeden Preis, weil das ja auch so Spaß macht.  Aber dieser Prozess beeinflusst einen eigentlich mehr. Dieser Prozess des Schaffens, dass du irgendwo anfängst und eigentlich überhaupt nicht weißt, was du tun sollst. Du willst ja nicht anfangen und nochmal genau das Gleiche tun. Dadurch ist das, glaube ich, auch passiert, dass wir in ’ne megaproduzierte Ecke gegangen sind, um halt was völlig anderes zu tun. Wir haben dann aus der produzierten Ecke heraus einen völlig neuen Blick auf die Bandmusik, die wir früher gemacht haben gewonnen. Dann haben wir das Songwriting, das wir in der produzierten Ecke erlernt haben in die produzierte Musik einfließen lassen. [Das neue Album] ist schon wahnsinnig anders. Es ist in meinen Augen wesentlich gereifter und es klingt einfach auch authentischer. Wir haben eigentlich krass nach uns selber gesucht, würde ich sagen. Wer sind wir eigentlich, verdammte Scheiße. Das ist ja das Absurde: Du kannst alles sein! Das ist ein Segen und ein Fluch zugleich.

Danny: (lacht) Na ja, wenn das irgendeinen Sinn macht. Das waren sehr lange Antworten.

Eure Antworten waren sehr deep. Das ist doch gut für Interviews.

Danny: Ja, dieses Deepsein ist aber auch einfach ätzend. Mich kotzt das an. Zum Musikmachen ist ein Hirn einfach das Hinderlichste. Nichts ist so anstrengend wie nachdenken, wenn man Musik macht. Es bringt auch nichts, mit all deinem Intellekt oder auch Bildung.

Nils: Du musst das alles verinnerlichen und danach musst du alles wieder vergessen.

Also würdet ihr sagen, dass es schwieriger ist, ein zweites Album zu schreiben, als ein erstes?

David: Definitiv.

Danny: Ja, Mann!

Nils: Du schöpfst ja auch einfach aus ’nem ganz anderen Reichtum an Songs.

Danny: Du musst ja auch wieder viel mehr vergessen. Du hast schon wieder so viele Erfahrungen gesammelt, die du schon wieder komplett übern Jordan werfen musst, weil es sonst nicht authentisch ist.

David: Wir sind alles Menschen, die machen derbe gerne oder hören eigentlich auch positive Musik. Meistens. Wir sind keine Typen, die jetzt grundsätzlich „Somebody Else und dann wird geweint“-mäßig drauf sind. Wenn du selber diese Art von Musik machen willst – da hat Danny halt genau recht – da geht’s halt überhaupt nicht ums Nachdenken, sondern darum einfach ’nen guten Vibe zu kreieren. Man unterschätzt halt immer total, dass es eigentlich viel schwieriger ist, gut gelaunte, aber nicht zu käsig-kitschige, peinliche Musik zu machen, als einfach was Trauriges. Da kommst du einfach viel schneller an. Traurigkeit hat was sehr Nachdenkliches, gute Laune hat eigentlich gar nichts Nachdenkliches. Der Punkt ist auch, du machst so ein zweites Album und dann sagst du: Fuck, wir werfen das jetzt alles weg. Ist halt derbe schwierig, dann gut gelaunt zu sein. (lacht)

Danny: (lacht) Das funktioniert eigentlich auch nur mit Saufen. Ja, eigentlich mit krasser Verblendung.

David: Wir haben auf jeden Fall ziemlich viel erlebt in den letzten Monaten. Ich konnte die ganze Zeit nicht fassen, dass wir heute Abend wieder so richtig auftreten. Das kam mir irgendwie alles so weit weg vor.

Mit welchen drei Worten würdet ihr euer Band-Dasein beschreiben?

Danny: Whisky!

Nils: Auf jeden Fall haben wir uns jugendliche Naivität erhalten können.

Ist das wichtig?

Alle: Ja, derbe wichtig.

Generell oder nur als Musiker?

Alle: Immer.

Nils: Ich meine, es impliziert ja auch ’ne gewisse Neugierde und Wissbegierde.

Danny: Und Angstlosigkeit vor allem. Dieses permanente Angstgehabe!

Nils: Angst ist eine Lüge.

Danny: Also, okay. Cool. Das, was wir zuerst gesagt haben.

David: (lacht) Du meinst Whisky?

Danny: Ja, Whisky. Naivität…

Nils: Bros.

Also Whisky, Naivität und Bros. Alles klar. Letzte Frage: Wenn eure Musik ein Mensch wäre, in welcher Stadt würde der wohnen?

Nils: Hamburg?

Danny: Nee, da halt gar nicht. Da regnet’s und so.

David: Irgendwas spanisches.

Danny: Ich war auch gerade bei Barcelona, witzigerweise.

David: Ja, Barcelona.

Danny: Barcelona ist voll gut.

David: In Barcelona würden uns alle richtig abfeiern, wenn wir da mal auftauchen würden. Müssen wir mal machen.

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Foto: Kevin Bohla

Ariane Seidl

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Ariane Seidl

Irgendwer zwischen Milhouse und Zoidberg. Körperklaus aus Leidenschaft, Hai-Fangirl aus Überzeugung.

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