Preoccupations, 28.11.2016 – Köln, MTC

2012 bildete sich im kanadischen Calgary nach dem drastischen Tod des Frontsängers Christopher Reimer aus dem harten Kern der Band Women das Quartett Viet Cong. Damals als Art – und Noise Rock-Band begründet, blieben sie dem alten Raster treu, gewannen jedoch zusätzlichen Post Punk-Charakter. Mit ihren gleichnamigem Debüt Viet Cong, das 2015 unter dem Label Jagjaguwar erschien, erlangten sie zunehmend an Bekanntheit: Raue, düstere Flächen mit energischen perkussiven Ausbrüchen und schnellen rhythmischen Takten erwiesen sich als markante Merkmale.

Dennoch entwickelten sich einige Kontroversen bezüglich der Aussage ihres Pseudonyms, das nicht nur ihre Fangemeinde, sondern besonders nordamerikanische Kritiker skeptisch stimmte. Die Tatsache, die Auswahl ihres Namens nicht genau reflektiert zu haben, führte letztendlich dazu, dass ihr Image negative Konnotationen zu militärisch-rassistischen Gesinnungen auslöste und auf allen Ebenen hinterfragt wurde, sodass ihr Erfolg in jeglicher Hinsicht stagnierte. Konzerte wurden von Veranstaltern abgesagt und ihre Kreativität litt stark unter der externen Auffassung, sodass eine kurzzeitige Namenslosigkeit der Band daraus resultierte. Diverse Magazine führten einen Countdown an, bis sie sich nach einer Pause am 13.11.2016 als Preoccupations mit zweitem gleichnamigem Debüt wieder im Geschehen zurückmeldeten. Ein Befreiungsschlag in jeglicher Hinsicht: Die Titel korrespondieren teilweise mit persönlichen Erfahrungen und spiegeln ihre Gefühlsskala wieder, die mit Konflikten und Zweifeln der Viet Cong-Ära einherging und gleichzeitig neue Energie freisetzte.

Auf ihrer Europa-Tour, konnte man sie am 28.11.2016 im kleinen, gemütlichen Schuppen des MTC live erleben, der ihre bassübersteigerten Sounds in einem kleinen Keller entsprechend einfing und einen temporär-berechtigten Tinnitus bescherte. Als Vorband ebenso kanadischer Herkunft übernahm das Duo Joyfultalk unter Headmaster Jay Crocker den Support. Optisch eher in Richtung Slacker mit Trucker Cap, zerschlissenem, buntem Hemd und Opas Pilotenbrille orientiert, hätte man von ihnen vielleicht eher den verspielten, humorvollen Indie á la Mac Demarco erwartet. Wie man feststellen konnte, war es jedoch ein Trugschluss, den ersten oberflächlichen Eindruck für sich sprechen zu lassen. Deklariert als eine Mischung aus Dark Ambient, Industrial und Noise lag hier der Fokus auf düster-maschinellen Sounds mit verzerrtem Synthesizer und konstantem Reverb, der durch tiefe Bässe induziert wurde, jedoch teilweise unangenehme Höhen erreichte. Ihr 2015 veröffentlichtes Album Muuixx glich live beinahe einer Performance Art, die dazu diente, das Gehör des Publikums in unterschiedlichen Facetten auszureizen und spielte mit dem Klang willkürlicher Instrumentalisierung. Mit digitalem Equipment aus Synthesizern, Interfaces und Drum Pads fiel ihr Set entsprechend experimentell aus und erzeugte eine Klangkulisse aus repetitiven Geräuschen und Sounds, die Exkurse in eine geheimnisvolle, futuristische Sci-Fi-Welt zuließen.

Leuchtende Neonröhren und Arrangements im Industrial-Stil hüllten die Bühne vor dem Auftritt der Preoccupations wortwörtlich in ein anderes Licht. Nachdem Joyfultalk das Podest verließen, erschienen erstmals Instrumente im Blickfeld des Publikums und der erste Soundcheck versprach eine laute, geladene Kulisse aus Gitarren-Noise, Bass, Synthieflächen und kraftvollen Drums. Als eine blaue Nebelfront die Bühne einhüllte und vier Silhouetten sich langsam vor den Instrumenten positionierten, stieg der Lautstärkepegel innerhalb weniger Sekunden und ein einminütiges Intro aus verhalltem Synthesizer kündigte ,,Anxiety” als ersten Song des aktuellen Albums an. Die prägnante Stimme des Frontmannes führte das Set über altbewährte Songs von Viet Cong, wie z. B. ,,Newspaper Spoons” mit experimentellen Art-Rock-Passagen, die jenen von  Animal Collective sehr ähnlich sind und insbesondere der Rhythmus des Schlagzeugs lieferte die Basis. Highlight sollte ein unendlich langes, perkussives Solo von ,,March of Progress” werden, bei dem Drummer Wallace durchgehend Base Drums und Hi Hats im Wechsel bespielte und ohne die geringste Pause in den nächsten Song überleitete.

Das Quartett Preoccupations unter Frontmann und Bassist Matt Flegel, seinem Gitarristen Danny Christiansen, Multiinstrumentalist Scott Bruno sowie Drummer Mike Wallace bewies über eineinhalb Stunden eine Ausdauer, wie man sie nur selten erlebt. Musikalisch schnitten sich hier klassische Post Punk-Elemente und kupferten im Shoegaze, der durch übersteuerten Bass und Gitarre in Hall ausklang und einige Songs jenseits der Albumlänge mit zusätzlichen Soli präsentierte. Der Einfluss der Medien zeigte sich natürlich ebenfalls in Lyrics, wie ,,the blast of cold air in a burning hot place”. Dunkle Hooks, die düstere Stimmungen aufkommen ließen und nur einen Bruchteil der inherenten Spannung und Verzweiflung demonstrierten, die während der Aufnahmen gedanklich präsent waren und expressiv zum Ausdruck kamen. Leider so stark von der Lautstärke der Instrumente überlagert, dass die Vocals zum Teil unterzugehen drohten. Neben kraftvoll eingängigen Tracks wie ,,Monotony” sowie ,,Zodiac” lieferte das Set eine komplette Bandbreite der bis dato vorhandenen Songs und ließ kaum Wünsche offen. Referenzen zu musikalischen Hochphasen der Briten von Interpol ließen sich ebenso im Chorus zu ,,Memory” feststellen. Die Reputation im Publikum äußerte sich durch taktvolles Mitwippen und beförderte in andere Sphären, die so mitreißend waren, dass man die Zeit vergaß und eine Zugabe nach der anderen einfordern wollte. Die im letzten Jahr so stark von Kritik zerrissene Bandformation ließ sich den vergangenen Stress kaum anmerken, zeigte sich selbstbewusst und performte in einer Manier, die sie als wahre Musikpioniere enthüllte.

Der einzige Nachteil, der sich nach der Beschallung bemerkbar machte, war ein langanhaltender Tinnitus – es empfiehlt sich wärmstens, bei Post Punk-Konzerten künftig mit Oropax gewappnet zu sein. Preoccupations zählen definitiv zu jenen Künstlern, die man sich live ansehen sollte, was unlängst durch ausverkaufte Shows in Berlin bewiesen wurde. Nicht nur wegen der sympathischen Interaktion mit dem Publikum, sondern gleichermaßen, weil hier instrumental nochmals qualitative Unterschiede verglichen mit ihren Studioaufnahmen auf Platte bestehen. Wüsste man nicht um ihre Herkunft aus Kanada, könnte man sie zweifellos lokal in die Post Punk-Gefilde Londons stecken ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen.

 

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Denise Schmid

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