Black Marble – It’s Immaterial

Schwarzer Marmor als fragmentarisches Versatzstück, das in brutalistischer Architektur als roher Bestandteil fungiert. Gleichzeitig erstarrt und doch sehr elementar fügt er sich als kalter, statischer Baustein in sein Gesamtkonzept. Ähnlich ist es mit der Band Black Marble, die ihren Fokus auf analoge, rohe Produktionsmethoden setzt und sich an Einflüssen der 70er und 80er orientiert, die Rückbezug auf altbewährte Synthesizer nimmt, wie sie bereits von den Silicon Teens, Iron Curtis (gemeint ist hier nicht der Frontsänger von Joy Division), sowie Lives of Angels und Solid Space verwendet wurden. Diese Bausteine verbinden sich zu einem Komplex, der sich in Post-Wave niederschlägt.

Konkreter betrachtet Cold-Wave, stetig überlagert von Lo-Fi-Filtern in roher, analoger Ausarbeitung, die sich in dumpfen Schlagzeugtakten und weichen, warmen Klängen verlaufen. Vergleichbar mit dem leichten Knistern, das zustande kommt, wenn man die Nadel auf dem Plattenspieler manuell auflegt. Das Resultat, das bereits mit ihrer EP Weight Against The Door sowie ihrem Debütalbum Different Arrangement hörbar wurde, ließ hier viele positive Referenzen aufkommen.

Chris Stewart Photo: Joseph Jagos
Chris Stewart. Photo: Joseph Jagos

Die aktuelle Platte It’s Immaterial, die am 14.10.2016 unter Ghostly International veröffentlicht wurde, zog sehr viele Veränderungen mit sich: Einerseits einen Labelwechsel von Hardly Arts und andererseits elementarer die Reduzierung der Bandmitglieder auf einen einzelnen Pionier. Folglich übernahm Chris Stewart das Konzept sowie die Produktion in Eigenregie und ließ sich damit vier Jahre Zeit. Er pendelte im Alleingang zwischen Ost- und Westküste der USA und schilderte unter anderem den Umstand, sich an zwei Orten gleichzeitig gefangen zu fühlen. Umbrüche auf physischer und psychischer Basis lassen sich nunmehr in den Songs feststellen, deren Gesang dringlicher einsetzt, jedoch weicher in der Produktion gemastert wurde. Lyrisch wie auch instrumental setzen hier kontrastreiche Schübe ein, die von Innovationen und Verzweiflung getrieben sind.

Stewart beschreibt den Aufbau seines Konzeptes mit dem Gefühl, aufzuwachen und eine  Melodie im Gedächtnis zu haben, die sich wiederholt und dennoch nicht greifbar ist. So bieten die elf Tracks von ,,It’s Immaterial”, einen subjektiven Raum zur eigenen Interpretation und zielen besonders auf das Erzeugen von Bildern und Atmosphäre.

,,Interdiction” fungiert als sehr experimentelles einminütiges Intro, das sich anhört, als würde man den nächsten Highscore auf dem Flipper-Automaten sprengen, bevor der erste Track ,,Iron Lung” in sanfter Manier in den Lo Fi-Part überführt und mit repetitiven Takten und seicht-verhalltem Gesang, Drums, Gitarre und digitalem Keyboard komplettiert wird. Das von Simon Sixou visualisierte Video zu ,,Woods” unterstreicht den Kontrast von organischen Elementen und digitalem Sound, der sich durch weiß gekleidete Tänzer in einer Choreographie vervollständigt:

,,A Million Billion Stars” zeichnet sich durch seine Atmosphäre aus, die teilweise wirkt, als sei sie mit dem Theremin erzeugt, während Melodien zirkulieren und immer wieder neue Sounds hinzukommen. Schließt man die Augen, kann man sich fast bildlich vorstellen, wie sie plötzlich ein Planetarium mit Sternbildern aufbaut, das hier audiovisuell reproduziert wird.

Gleichermaßen nostalgisch klingt ,,Golden Heart” mit seinen treibenden, fast euphorischen Klangelementen, während die Lyrics dazu animieren auf eine innere Stimme zu hören ,,Find Out on your own time/ Every day and night” und beschreiben, dass es manchmal schwer fällt, vertraute Orte bzw. Menschen hinter sich zu lassen. Um diesen Aspekt windet sich eine gedankliche Spirale, die ebenso nochmals durch ,,Frisk” ergänzt wird, der erneut eine Reise thematisiert und im  Refrain die Nacht als vielleicht romantisches Motiv der Sehnsucht im Chorus ,,We wait for the night/ We wait for the night/ Following the Road” wiederholt.

 

Insgesamt demonstriert sich zum ersten Longplayer qualitativ kaum ein Unterschied, obwohl die Band um den Zweitmann Ty Kube reduziert wurde und auf eigenen Kompositionen von Chris Stewart beruht, die er in weicheren Synthieflächen gemastert hat. Rohe, analoge Tonspuren mit digitaler Instrumentalisierung, die an die frühen Tracks von The Cure erinnern, jedoch bei genauerem Hinhören Raum für eigene Vorstellungen lassen, um in eine nächtliche Reise abzudriften. Gerade an kalten, verregneten Tagen begleitend in Bus und Bahn, bietet sich ein Hauch Cold Wave an, um nostalgisch zu werden, wo doch ,,It’s Immaterial” bereits im Titel nicht greifbar scheint und vielleicht die ein oder andere Melodie bereithält, die in den nächsten Wochen eine gedankliche Dauerschleife mit sich zieht.

 

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Denise Schmid

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