Interview: Haudegen – Teil I

Als kleine Jungs wurden sie von ihren Großvätern Haudegen genannt, seit einigen Jahren machen Hagen Stoll und Sven Gillert unter diesem Namen erfolgreich Musik. Mit ihrer Neuerscheinung Altberliner Melodien betreten sie in zweierlei Hinsicht Neuland: Zum einen interpretieren sie elf Stücke aus den 1920er und 1930er Jahren mit regionalem Dialekt. Und zum anderen ist dies die erste Veröffentlichung auf ihrem neu gegründeten Label „Blut Schweiß & Tränen“. Bei Kaffee und Latte Macchiato in Berlin erklären sie ihre Welt. Sie berichten mit leuchtenden Augen und im unverkennbaren Berliner Slang von ihrer Musik, den Fans und dem nicht immer so einfachen Weg zur künstlerischen Freiheit.

Hallo, wie geht’s?

Sven: Gut! Na ja, viel zu tun, aber es geht gut. Es ist momentan so, dass wir alles selber machen. Es gibt eigentlich nichts mehr, was wir nicht selber machen.

Wer lernt einen da an?

Sven: Ich glaube, dass wir das durch die Jahre selber ganz gut in den Griff bekommen haben. Jetzt haben wir auch noch ganz andere Aufgabengebiete als das, was wir vorher gemacht haben. Aber wir haben vorher auch schon sehr viel selbst gemacht.

Was zum Beispiel?

Sven: Zum Beispiel die Grafiken, also Cover oder die ganzen Layouts für die Shirts, all sowas haben wir sowieso immer schon selber gemacht. Es gibt natürlich auch Sachen, die man ab und an abgeben konnte. Aber jetzt ist es halt so, dass wir alles wirklich komplett alleine machen und wir uns nicht mal zurücklehnen können und sagen, so jetzt haben wir mal ein paar Tage Ruhe.

Aber ihr habt doch sicher ein Team dabei, oder?

Sven: Na ja, wir haben schon ein Team. Wir administrieren sozusagen unser Label „Blut Schweiß und Tränen“, was wir gegründet haben, über die Meisel Verlage. Damit sind wir auch sehr glücklich und ganz doll zufrieden. Das Label ist ja unser Baby und wenn man das mit Leidenschaft macht, und das machen wir mit 100prozentiger Leidendschaft, dann will man natürlich letztendlich trotzdem, dass alles so läuft, wie man sich das vorstellt.

Ihr möchtet schon auch die Kontrolle behalten?

Sven: Genau. Und da ist es dann auch wirklich vonnöten, dass man über alles drüber guckt. Und eigentlich alles selber macht. Das ist schon auch irgendwie ein schönes Gefühl und wir sind da auch sehr, sehr stolz drauf. Sein eigener Herr zu sein, ist schon toll.

Gibt es Aspekte, bei denen ihr sagt, die sind im Vergleich wesentlich besser? Habt ihr schlechte Erfahrungen gemacht?

Sven: Na sagen wir mal so, man ist dann freier. Wir sind ja sowieso sehr freidenkende Menschen, sind sehr tolerant. Gerade auch weil wir viele Tattoos haben, schreiben wir das Wort Toleranz ganz groß. Der Vorteil jetzt ist, wirklich machen zu können, was man will. Da gibt’s keine “Politik” mehr, die vielleicht intern aufkommt. Eine große Plattenfirma will immer ein Album rausbringen, dann ein, zwei Jahre warten und dann kommt das nächste Album. Die haben natürlich viele Künstler, um die sie sich kümmern müssen. Und wir können jetzt sagen, wir bringen dann Musik raus, wann wir darauf Lust haben. Deswegen haben wir zum Beispiel den Independent Day ins Leben gerufen. Der ist immer freitags. Jeden Freitag veröffentlichen wir einen Song. Die sind auch ganz groß produziert, das ist kein Nebenprojekt.

Liegen die auf Halde oder sagt ihr, wir brauchen jetzt was neues, das Freitag kommt?

Sven: Nee, wir haben schon vorgearbeitet. Wir haben in unserer Karriere ca. 1.800 Songs geschrieben, weil wir sehr fleißig sind und Musik halt auch als unsere Arbeit betrachten. Wir machen eigentlich jeden Tag Musik. Wenn wir nicht Musik machen, machen wir irgendwas für die Musik.

Das ist ja für viele ein Traum.

Sven: Ja, das haben wir uns auch immer gewünscht und gehofft, dass es irgendwann so sein wird. Deshalb haben sich für uns auch eigentlich schon alle Träume erfüllt. Eigentlich sind wir vollkommen glücklich, weil wir das machen können, was wir machen wollen.

Dit is Musik halt. Dit is schon een schönet Jefühl, davon leben zu können.

Jetzt heißt es, das aufrecht zu erhalten.

Sven: Ja, das ist Musik halt. Das ist schon ein schönes Gefühl, davon leben zu können. Ein Bekannter war vor kurzem in Polen und da hängen unsere ganzen T-Shirts und liegen unsere CDs. Wir haben damals mal gesagt, wenn wir es schaffen, dass die Polen auf ihren Märkten unser Zeug verkaufen, dann haben wir es geschafft. Jetzt seh ich auf Bildern, da hängt unsere ganze Kollektion. Also die Nachfrage ist da, scheinbar.

Das ist aufgrund der Sprache – ihr singt ja in Deutsch – interessant, dass das soweit transportiert wird.

Sven: Ja, wir merken sowieso gerade, dass sich das irgendwie verbreitet. Wir haben neue russische Fans, Amerikaner kommen dazu, das ist schon verrückt, wie das immer mehr, immer größer wird. Davor sollte man sich auch gar nicht fürchten. Wir haben natürlich auch eine gewisse Verantwortung als Künstler, aber die tragen wir gerne. Gerade bei uns ist es ja so, dass sich hundertausende Fans tätowieren lassen mit unserem Bandsymbol Flügel und Schwert. Da bekommt man eine generelle Verantwortung. Am Anfang war das schon ein bisschen komisch und es wurden immer mehr. Aber jetzt ist es so, dass es uns schmeichelt. Haudegen steht für ein Lebensgefühl. Die Flügel stehen für die Freiheit und das Schwert für den ewigen Kampf. Deswegen kann ich damit auch gut umgehen, wenn sich diese Symbolik jemand tätowieren lässt. Das ist nicht einfach nur so ein Bandname, das ist wirklich etwas, wo man dahinter stehen kann.

Aber eigentlich sind es die kleinen Geschichten, die im Gedächtnis bleiben. Ich war vor einer Weile in Hamburg und bin am Kiez entlang gelaufen und da war ein leichtes Mädchen, das mich erkannt hat und die hatte sofort Tränen in den Augen. Sie sagte, „wenn ihr wüsstet, was mir eure Musik bedeutet“. Das sind Leute, die haben einen harten Weg hinter sich und wissen ganz genau, was wir in den Songs erzählen.

Passiert es häufig, dass du angesprochen wirst. Du bist schon erkennbar, das ist ja jetzt nicht nur so ein Bühnenoutfit, das du trägst, oder?

Sven: Ich bin einfach immer so. Ja, das passiert häufiger, auch immer mehr. Aber die kommen immer mit einer gehörigen Portion Anstand. Das ist ganz angenehm. Die nehmen mich nicht gleich in den Schwitzkasten und sagen, dass sie ein Foto wollen, sondern fragen höflich nach und das ist dann auch vollkommen in Ordnung.

Aber man merkt, dass die Leute mit unseren Songs und mit unserer Musik, irgendein Ereignis in ihrem Leben verbinden und teilweise auch bestimmte Ereignisse so verarbeitet haben. Deswegen sitzt unsere Musik bei den Leuten so tief. Die wissen ja, dass wir ganz normale Typen sind. Wenn du ins Publikum guckst und siehst da die eine oder andere Träne, das berührt dich dann halt auch. Das sind dann schon so Momente, da weist du, für was du das machst. Die Songs von uns sind tatsächlich aus dem Leben gegriffen. Die meisten Sachen, die wir rausbringen sind eigentlich von uns selbst und sind teilweise auch im stillen Kämmerlein unter Tränen geschrieben. Deswegen kommt das so gut an bei den Leuten.

Das motiviert dann auch, weiterzumachen?

Sven: Ja, unbedingt. Das ist der Grund, warum du sagst, ich weiß, warum ich das mache. Allen Strapazen zu trotze, das ist alles richtig. Mir haben schon Leute erzählt, dass sie gerade aus der Reha raus sind und schwer abhängig waren und ihnen unsere Musik ein Stück weit geholfen hat. Das ist wirklich ein tolles Gefühl.

Kommt damit ein Gemeinschaftsgefühl zustande?

Sven: Ja, total. Du kennst die Leute nicht, aber du hast eine Verbundenheit über die Musik. Dann kommst du ins Gespräch und bist irgendwie auf der selben Wellenlänge.

Was ihr wisst von eurer Fangemeinde.

Sven: Die ist total gemischt. Ganz normale Leute sind unsere Fans, von klein bis groß, alles.

Da siehst du da drüben ein paar rockigere Typen, da vorne ein Anwaltspärchen, auf der anderen Seite Kinder in den ersten Reihen, komplett durch die ganze Gesellschaftsschicht hindurch.

Könnte sich das mit dem neuen Album noch erweitern?

Sven: Ja, könnte passieren.

Warum hattet ihr Lust auf dieses Album?

Sven: Wer heutzutage hat denn bitteschön so ne Art beim Quatschen? Da gibt’s nicht mehr so viele. Harald Juhnke gab‘s noch, der leider von uns gegangen ist. Aber viele gibt’s da nicht mehr, die so quatschen wie wir. Deswegen war das Album fast schon ein Muss. Und wir blödeln auch oftmals rum. Wir kommen beide vom Bau und das ist wirklich so ein ‚Freischnautzeschnack‘ von nem Bauarbeiter, die quatschen alle so.

Viele gibt’s da nischt mehr, die so quatschen wie wir, deswegen war dit fast schon een Muss, dat Album zu machen.

Also ihr müsst euch das nicht abgucken?

Sven: Nee überhaupt nicht. Wir haben ganz viel Freude gehabt bei dem Album.

Ihr habt also Fans, die mit eurer Musik Erlebnisse verbinden. Habt ihr ein ähnliches Empfinden mit den Songs des neuen Albums, Altberliner Melodien, dessen Stücke ja schon existieren. Habt ihr die zitiert?

Sven: Kann man so sagen, ja. Das schöne ist, wir haben den kompletten Wortlaut so übernommen. Wir haben drüber nachgedacht, den vielleicht anzupassen, aber haben gemerkt, dass wir das nicht mussten. Denn größtenteils würden wir die Sachen halt selber so sagen. Bestimmte Stücke kannst du in die Neuzeit projizieren. Du merkst, dass sich das Rad der Zeit einfach dreht. „Und keener wees mehr wer er is, Nazi oder Kommunist“, das war in den 30er Jahren so und das ist auch jetzt wieder so. Das beruhigt auch ein Stück weit, weil man immer das Gefühl hat, oh Gott wo soll das noch alles hinführen, haben die Leute nicht draus gelernt?

Müsste man deswegen nicht eher in die Zukunft blicken?

Sven: Du guckst in die Zukunft und siehst aber, dass das genau dasselbe ist wie damals, also die Probleme. Und irgendwie haben wir das ja immer hingekriegt.

Das ist dann der positive Aspekt?

Sven: Ja, irgendwie haben wir es immer hingekriegt. Wir hatten eine Menge Spaß beim Aufnehmen dieser Sachen im Studio. Wir haben viel gelacht, weil wir unsere Stimmen so herrlich verstellen konnten. Ich glaube, so ein Augenzwinkern mal, so ein kleines Lächeln, das kann die Zeit gebrauchen. Deswegen denke ich, dass es ganz gut ist, dass wir es genau jetzt gemacht haben.

Also alles ein bisschen selbstironisch?

Sven: Genau. Klar nehmen wir uns selbst etwas auf die Schippe. Und ich glaube keiner weiß so gut, wie wir, wie das ist, wenn du morgens im Bauwagen sitzt mit so ein paar Typen, die schon immer so waren wie die Typen auf dieser CD mit diesem Altberliner Jargon.

Wir wollen das auch ein bisschen bewahren. Die Leute versuchen, immer mehr hochdeutsch zu sprechen. Ich find das auch o.k. und ich kann das respektieren, aber es ist schon auch schön, wen man, ik sach mal, beispielsweise dem Hamburger sein Hamburger Snack, dem Kölsche Jung diesen kölschen Dialekt lässt. Ich finde das schön und ich höre denen auch gerne zu. Wir kommen ja viel rum und dann ist es auch schön, Dialekte zu hören.

Ik find dat schön und ik hör denen auch jerne zu beim Reden.

Ihr musstet nicht üben, war euch das alles geläufig? Gerade die älteren Ausdrücke in einem Dialekt kennt man doch heute oft nicht mehr.

Hagen: Das ist doch auch mal geil. Man braucht halt so eine gesunde Affinität zum Dialekt. Man muss Dialekte auch mögen, wenn man so ein Album machen will. Wir selber mögen das. Wir mögen zum Beispiel auch das Sächseln. Es gibt ja Leute, die können Sachsen nicht reden hören. Wir beide finden das toll, wir sind auch gerne in Sachsen und haben uns den ein oder anderen Ausdruck angeeignet.

Wendet ihr verschiedene Dialekte auch bei den live-Auftritten an?

Hagen: Auch, na klar. Aber das ist einfach weil es ja unser Umgangston jetzt mittlerweile ist, das ist der Sprachgebrauch. Und der Berliner Dialekt ist so drin, weil wir selber beide vom Handwerk kommen, daher kennen wir das und mögen es dementsprechend. Eigentlich sind es die Bauarbeiter, die das Berlinern noch aufrecht erhalten. Oder du gehst in so eine altberliner Kaschemme. Die Stammgäste sitzen da schon seit 20 Jahren regelmäßig und trinken ihr Bier und die hörst du auch noch berlinern.

Sven: Oder geh zu Hertha, da wird auch berlinert. Das ist halt Arbeiterklasse. Die mussten keinen Wert darauf legen, dass sie jeder versteht, weil sie immer mit Ihresgleichen unterwegs sind und nicht den Anspruch hatten, überhaupt Hochdeutsch zu sprechen.

Hagen: Wir haben ja zwei Bücher geschrieben und auf Lesungen merken wir das auch, dass wir nicht die typischen Autoren sind, die aus ihrem Buch vorlesen. Wenn wir lesen, lesen wir halt Berlinerisch und merken das nicht, obwohl das Buch hochdeutsch geschrieben ist. Das macht ja dann auch Spaß und die Leute assoziieren das mit Berlin. Und dann gehört das eigentlich auch zum guten Ton, dass ein Haudegen berlinert.

Sven: Wir haben uns am Anfang unserer Karriere natürlich auch Gedanken gemacht, wie wir quatschen wollen. Wir wussten ja, wir müssen uns ne Menge Mühe geben, wenn wir nur Hochdeutsch sprechen. Weil wir halt sowieso authentische Typen sind, haben wir entschieden, uns nicht zu verstellen. Deswegen war es einfach nur logisch, dass irgendwann so ne Platte kommt.

Hagen: Wird auch noch ne zweete kommen.

Sven: Ja!

Das heißt, ihr habt Songs ausgewählt und da gibt’s noch mehr?

Hagen: Na ja, wir haben uns in viele Lieder verliebt. Die Prämisse war, zu sehen, welche Songs könnten unsere Sprache sein, welche Songs sprechen uns so an, dass wir sagen würden, das hätte jetzt auch von uns sein können. Alle elf Songs, die jetzt auf dem Album sind, sind genauso, wie wir das auch sagen würden. Und da gibt’s aber noch viel, viel mehr. Wir waren im Archiv bei den Meisels und haben nach Songs gesucht, mussten uns für ein paar entscheiden. Da wuchs dann auch der Gedanke zu sagen, einmalig war das nicht. Das wird zwar noch ne Weile dauern, weil jetzt dann natürlich auch mal wieder ein richtiges Haudegen-Album dazwischenkommt. Aber wir hatten so viel Spaß daran und das muss wiederholt werden.

Was war das Besondere?

Hagen: Auch mal als Künstler ein Stückweit sich neu herausgefordert zu fühlen. Du bist festgefahren in dem was du tust. Natürlich hast du das Verlangen, da auch auszubrechen. Die Leute lernen Haudegen auf einmal auf eine total humoristische Art und Weise kennen. Wir können mit Haudegen keinen superlustigen Song machen, weil Haudegen so ne Ernsthaftigkeit in sich hat. Das ist auch gut. Aber dieses Album zeigt uns genau von der anderen Seite.

Sven: Zeigt, dass wir auch Spaß haben können. Auf Konzerten ist es zum Beispiel tatsächlich so, dass es zwischendrin auch echt lustig wird. Wir planen ja kein Konzert, wir spielen das Konzert wie wir uns da grade fühlen.

Hagen: Eigentlich machen die Leute, die das Konzert besuchen, es zu dem Konzert, das es am Ende wird. Jedes Konzert ist bei uns anders und je nachdem, wie große Lust das Publikum hat, unterhalten zu werden und was zurückgegeben wird, macht es das dann auch manchmal zu so nem lustigen Ding. Da ist diese humoristische Seite auch immer zu spüren, darum haben wir gesagt, wir möchten mal ein Album haben, wo die Leute uns auch von dieser Seite beleuchten können.

Habt ihr die Songs schon live gespielt? Die Idee zu dem Album ist doch entstanden, als ihr schon mal ein, zwei Songs live gespielt habt, oder?

Sven: Ja, wir blödeln halt manchmal rum auf der Bühne und fangen an, so ne Nummer zu spielen.

Hagen: Angefangen hat es mit „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten“. Das haben wir mal als Lückenfüller eingestimmt und haben auf einmal gemerkt, alle singen mit. Wir dachten, das ist doch ein richtiger Berliner Gassenhauer, es kann doch nicht sein, dass die Leute in Dortmund diese Nummer mitsingen.

Das war in Dortmund, nicht in Berlin?

Sven: Nee, das war schon weit weg.

Hagen: Die haben zwar nicht den ganzen Song mitgesungen, aber denen war diese Zeile bewusst.

Sven: Da haben wir gesagt, das müssen wir unbedingt machen.

Der Albumtitel ist Haudegen rocken – Altberliner Melodien. Heißt das, ihr habt die Stücke rockiger interpretiert?

Sven: Wir haben das auf unsere Art und Weise interpretiert, das heißt, manche Songs haben wir auch rocken lassen.

Zum Beispiel?

Sven: Na zum Beispiel „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten“ fängt an wie ne Reggae -Nummer, entwickelt sich nach hinten heraus wie ne richtig große Rocknummer. Oder „Es gibt nur ein Berlin“, das ist auch sehr rockig. Es gibt aber auch Nummern, die wir mit einem 45-Personen-Orchester aufgenommen haben, wie „In deine Hände legt ich mein ganzes Glück“.

Wir sin halt ne Rockband und dit wollten wir och durchkicken lassen.

Hagen: Die Originale sind natürlich kein Rock. Als wir das Album gemacht haben, haben wir gemerkt, dass das Reimschema in den 20er, 30er Jahren dem Rap ähnelt, sehr krass.

Das ist euch ja vertraut?!

Hagen: Genau. Wenn man sich vorstellt, dass die Art und Weise des Rap eigentlich in den 70er Jahren aus New York kam, du dir dann aber Reimschemen in den 20er, 30er Jahren von  Berlin anhörst, merkst du, das ist eigentlich Rap. (Stimmt zum Beweis die ersten Zeile von „Bolle reiste jüngst nach Berlin“ an und klopft im Takt auf dem Tisch.)

Haudegen decken auf, Rap kommt nicht aus New York (lautes Lachen).

Sven: Ob New York oder Berlin, das waren damals ganz einfach Leute aus der Arbeiterklasse und das ist eine ganz einfach Art der Reimform.

Hagen: Keine Schachtelsätze, keine Doppelreime, sondern einfach nur Wortketten, die in jeder zweiten Endung einen Reim enthalten. Super! Wenn du dir die Texte und die Interpretation der Künstler von damals anhörst, dann stellst du diese Parallele fest. Unsere Kinderstube war halt auch der Hip Hop und es war für mich so interessant, weil ich mich lange mit dem Thema befasst habe. Das ist auch für einen Künstler eine Zeitreise, bei der du feststellst, wo das alles herkommt. Damals wurden auch Anstand und Empathie größer geschrieben als heute zum Beispiel.

Sven: Ja und es wurde auch sehr viel Wert aufs Wort gelegt.

Hagen: Ein Wort hatte mehr Tiefe als heute.

Wir bewegen uns mit unserer Musik in der Gegenwart, aber haben mit dem Album eine Zeitreise in die Vergangenheit gemacht. Dabei merken wir, dass all das, womit wir uns in der Gegenwart befassen schon mal in der Vergangenheit da war. All die Probleme, die die Leute in den 20er, 30er Jahren besungen haben, die gab es damals schon so wie es sie heute gibt.

Um die Stücke zu finden haben wir viel recherchiert. Teilweise haben wir Staub von Schellackplatten gewischt. Wir haben Notenblätter in Archiven durchwühlt nach Texten, weil die Aufnahmen so verkratzt waren, dass du nichts mehr verstanden hast. Wir sind mit viel Leidenschaft und Liebe an das Thema rangehen, darum ist uns dieses Album auch so wichtig.

Wir sind beede Väter, wir ham beede jejenüber unseren Jören nen Verantwortung und wollten dit festhalten. Wer wenn nicht wir, macht doch keener mehr heute.

Sven: Wir haben uns beim Aufnehmen in in die Zeit zurückversetzt gefühlt. Mir sind auch viele Erinnerungen an meine Kindheit in Friedrichshain und Prenzlauer Berg hochgekommen, an alten Backstein, Kohlegeruch, die Pflastersteine auf dem Boden….

Uns ist auch aufgefallen, dass die früher viel höflicher miteinander gesprochen haben. Wenn der Sänger sagt, „Mensch Paula, mach die Bluse zu, du bist doch sonst so nett“ klingt das höflich, heutzutage sagt man vielleicht „mach doch mal die Knöpp zu“ (beide legen verschiedene Interpretationen und Betonungen davon hin)

Das heißt, der Berliner Dialekt, der schon ein bisschen rau ist, wurde höflich genutzt?

Seven: Der ist schon rau, ja klar.

Hagen: Ja, damals war der auch höflich. Und charmant! Das hat so ne Romantik in sich.

Sven: Ja, ganz toll. Bei dem Song „In deine Hände leg ich mein ganzes Glück“ gibt es eine Stelle, da seh ich den Typen, der sein ganzes Leben geschuftet hat für seine Familie in ner Kneipe sitzen, wo er nur für sich ist und sein Bier trinkt, richtig vor mir.

Mein Großvater, der auch noch so ein richtiger Urberliner ist, der ist ganz stolz.

Besonders auf dieses Album?

Sven: Ja, weil er die Sachen halt aus seiner Kindheit kennt.

Wie viele der Stücke kanntet ihr denn aus eurer Kindheit? Eben habt ihr eher von einer Recherche erzählt.

Hagen: Ich kannte von dem Album glaub ich nur zwei Songs.

Ihr habt euch also bewusst auf die Suche gemacht?

Hagen: Genau, das war richtiges Suchen.

Als wir das ganze Album fertig hatten mit zehn Nummern, wollten wir aber noch irgendetwas Spezielles machen. Und dann haben wir noch nachgelegt und „Erst trinken wir noch eins“ gemacht, weil es ein Walzer ist. Aber nur, weil das ein Walzer ist! Heutzutage denkt man nur noch in Viervierteln, und mal in Richtung Walzer zu gehen, das hätten wir vorher nicht gemacht. Wir hatten einfach Bock, mal auf einen Walzer zu singen.

Sven: Ist ne unglaubliche Nummer geworden!

Hagen: Unser Geheimtipp des Albums! Das ist der letzte Song und darum haben wir ihn auch ans Ende gelegt, weil er so speziell ist, weil es ein Walzer ist und weil er so sozialkritisch ist und damit in die Zeit passt. Es geht darum, dass du kein Cent oder kein Penny mehr in der Tasche hast aber einfach sagst, komm scheiß drauf, heut leb ich nochmal.

Bei der ersten Nummer habt ihr einen prominenten Mitsinger. Wie ist es dazu gekommen?

Sven: Frank Zander, ja!

Eijentlich, dit kann man ruhisch mal sagen, wollten wir ja Harald Juhnke, aber der weilt ja leider nischt mehr unter uns.

Hagen: Das soll jetzt aber nicht so klingen, als dass Frank der Platzhalter war! Wir wollten mit einem Urberliner Original was machen. Die kannst du mittlerweile an einer Hand abzählen, da gibt’s nicht mehr so viele. Da wir ganz gute Kontakte zu Frank Zander haben, haben wir gedacht, dass es naheliegend ist. Der war sofort auch Feuer und Flamme, wir haben alles beim Bier beredet und uns super verstanden. Wir haben viel über seine Obdachlosenveranstaltungen gesprochen. Seine Bedingung mitzumachen war, dass wir im Winter bei der Obdachlosenfeier mit vor Ort sind und dass wir den Song da dann auch spielen. Das war für uns sofort klar und wurde mit Berliner Handschlag besiegelt.

Wir ham beede jesacht klar, dat war een Handschlach. Halt so ein Berliner Ding. Frank Zander is een feiner Kerl, een Original halt.

Gibt es eine Wunschliste, mit welchen Leuten ihr gerne mal zusammenarbeiten würdet?

Hagen: Mit Rolf Zacher würden wir gerne mal was machen. Den kennen wir noch aus der Zeit, in der wir – das muss so Ende der 90er gewesen sein – an der Tür gearbeitet haben.

Sven: Ja, das ist auch so ein geiler Typ. Dann haben wir ihn irgendwann später bei Veranstaltung wieder getroffen.

Hagen : Dann glaub ich, dass Hallervorden, wenn er wollte auch so ein richtiges Berliner Ding vorlegen könnte. Und dann wird’s schon dünne. Wenn Frank Zander redet, hörst du einfach, dass er ein Berliner ist und bei Rolf Zacher genauso. Dieter Hallervorden schätze ich auch so ein, obwohl ich den nicht kenne.

Ansonsten wäre es zum Beispiel toll, was mit Max Raabe zu machen. Der hat ja eine sehr hohe Stimme und interpretiert dieses Alteberliner Ding auch sehr geil. Wir dann mit den tiefen Stimmen dazu, das könnte gut passen.

Ihr sagt, das nächste Album wird wieder ein Haudegen-Album. Hat das auch was mit dem Texten zu tun? Hat es euch gefehlt, eigene Texte einzubringen?

Sven: Wir machen ja generell einfach immer alles selber. Das war jetzt am Anfang vielleicht etwas komisch,…

Hagen: ..dass wir mal was nicht selber geschrieben haben und uns die Texte genommen haben und sie auf unserer Art interpretiert haben. Aber damit hatten wir bei dem Album kein Problem,…

Sven: …weil vieles so umgangssprachlich war und wir das ja auch so sagen könnten.

Dit is ne janz doll besondere Platte für uns!

Hagen: Es war kein Problem, aber wir freuen uns auch auf das nächste Haudegen-Album. Altberliner Melodien ist die erste Platte, die über unser eigenes Label veröffentlicht wird. Dadurch ist das eine ganz besondere Platte für uns. Und das nächste Haudegen-Album in 2017 wird das erste Haudgen-Album sein, das wir selbst veröffentlichen.

Wir freun uns uf dat nächste Album, weil dis einfach für uns een janz doll wichtijet Haudegen-Album is.

Den Ausblick auf das nächste Jahr gibt es im zweiten Teil des Interviews in Kürze.

Homepage

Facebook

Tourdaten

08.11.16 – Backstage, München
09.11.16 – Eventhalle L.A. Live-style Café, Cham
10.11.16 – Kultbox in Der Bigbox, Kempten
11.11.16 – Ms Connexion Complex, Mannheim
17.11.16 – Eventhalle Westpark, Ingolstadt
18.11.16 – Café D’art, Neu-Ulm
19.11.16 – Stadthalle Burg, Burg bei Magedeburg
25.11.16 – Club Bahnhof Ehrenfeld, Köln
26.11.16 – Reithalle, Dresden
27.11.16 – Hirsch, Nüremberg
08.12.16 – Christuskirche, Bochum
09.12.16 – Friedenskirche, Krefeld
11.12.16 – Peterskirche, Leipzig
14.12.16 – St.-Johannis-Kirche, Magdeburg
15.15.16 – Ev. Thomaskirche zu Erfurt, Erfurt
21.12.16 – Ev. Apostel Paulus Kirche, Berlin

Foto: Stefanie Zerres

Stefanie Zerres

About author

Stefanie Zerres

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.