The Low Anthem – 23.10.2016 – Köln, Gebäude 9

Der Auftritt der amerikanischen Band The Low Anthem lockte am 23.10.16 in Köln rund 60 Leute ins Gebäude 9. An diesem kalten und regnerischen Sonntag erhofften sich wohl einige Konzertbesucher (tendenziell Paare und Althippies) etwas wärmende Lagerfeuerromantik, welche die Band durchaus zu erzeugen weiß. Allerdings wurde schnell klar, dass der Sound der Band nicht mehr dem 2008er Album Oh My God, Charlie Darwin mit seinen romantisch-träumerischen Folksongs verpflichtet ist.

Pünktlich um 20:30 Uhr betritt ein kleiner Mann mit lockigem Haar und arg mitgenommener Gitarre (erinnerte an Glen Hansard – die Gitarre, nicht der kleine Mann) die Bühne. Christopher Paul Stelling steht allein da, nur er und das Instrument. Seine rauchige “Whiskeystimme” begleitet von schön gezupften Gitarrenakkorden stimmen die Folkfans fröhlich. Das hatte man erwartet. Nach zwei Songs betritt eine junge Dame die Bühne, um gemeinsam mit Stelling zu singen. Langes Hippiekleid, Strickmütze und lockiges Haar, auch dies hatte man irgendwie erwartet. In harmonischer Zweistimmigkeit trällern die beiden zwei Lieder, die Dame begleitet mit dem Tambourin und mit ein paar Songs befindet sich das zwar nicht zahlreich erschienene, aber bestens gelaunte Publikum in der wohlig warmen Singer-Songwriter-Comfort Zone.

Nach einer kurzen Pause, in der manch einer noch Zeit für eine Zigarette oder ein Bier fand, kündigen repetitiv verträumte Synthiesounds und eine sich immer mehr vernebelnde Bühne den Auftritt von The Low Anthem an. Was zuerst ein Intro zu sein schien, entwickelte sich fast zur zehnminütigen Ouvertüre. Gespannte, freudige und skeptische Blicke im Publikum. Immer noch Dunkelheit auf der Bühne, aber es tut sich irgendwas. Der Synthiesound bauscht sich noch einmal richtig auf bevor er abklingt. Die Band hat sich mittlerweile auf der Bühne eingefunden und imitiert mit Quietschgummivogel und kleinen Flöten Vogelgeräusche. Man fühlt sich auf eine dunkle Waldlichtung versetzt, die Band nimmt uns mit nach Eyeland, Titel des neuen Albums und eines parallel entstandenen Theaterstücks und scheinbar auch ein Ort, an dem Singvögel nachtaktiv sind. Immer noch sind die Bandmitglieder nicht richtig sichtbar, doch dann wird Violinistin Florence Wallis von einem Scheinwerfer angestrahlt. Sie sitzt am rechten Bühnenrand hinter einer Schreibmaschine und liest den Text vor, den sie gerade tippt. Eine Ode an das “holy, holy Eyeland”, das überall zu finden sei. Nach dieser theatralisch anmutenden Ouvertüre dann der erste Song: alle vier Bandmitglieder sind jetzt zu erkennen, Ben Knox Miller an der Gitarre, er übernimmt den Leadgesang. Jeff Prystowsky, sowohl am Schlagzeug, als auch an den Synthesizern. Im Hintergrund ein deutlich älterer Bryan Minto, sowohl an der Mundharmonika, als auch am Bass. Fast zwei Stunden Konzerterlebnis folgen:
Es passiert da auf der Bühne etwas zwischen Lagerfeuerromantik und Performance-Kunst. The Low Anthem geben die neuen Songs der Eyeland-Platte preis, mal muten die Lieder traditionsverbunden folkig an, die Mundharmonika begleitet dabei treu die glasklaren Gesänge von Miller und Wallis. Damit hat es sich dann aber auch schon mit der Traditionsverbundenheit. In die Klangwelt des Eyelands gehören neben Vogelgesang, Schreibmaschinengeklapper, Gitarre, Schlagzeug, Bass, Piano, Synthesizern, mehrstimmigem Gesang, singender Säge, chinesischem Gong und einer Trompete auch der Klang eines elektronischen Rasierers, mit dem sich Prystowsky einfach mal den Schnäuzer auf der Bühne abrasiert. Auch das Aneinanderklacken von Steinen in einem Netz und das rückkoppelnde Schallen zweier Mobiltelefone, in die Miller hineinpfeift, sind Teil der Show. (Den Handytrick gab es auch schon vor Eyeland, anhören und ansehen empfohlen!)

Die Eyeland Platte beherbergt Songs, die so manchen dogmatischen Folkfan zur Verzweiflung bringen. Songs wie Waved the Neon Seaweed, Ozzie, oder das unaussprechliche Wzgddrmtnwrdz. Eyeland ist ein Sammelsurium aus Klängen und Aufnahmemethoden. Mal Soundcollage, Garagerock oder Psychedelic-Exkurs. Die Abkehr vom alten Image verdeutlicht auch die Live-Performance im Gebäude 9. Dass The Low Anthem spätestens mit dem neuen Album den Traditionalisten die Tür vor der Nase zugeschlagen haben, ist klar und wird auch an diesem Abend sichtbar. In der ersten Reihe steht der Superfan, der nach jedem Song seine neuerworbene Vinyl Eyeland in die Luft reißt und damit ohne Worte beteuert: “Ich bin immer noch bei euch!”. Ob der Rest der Zuhörer an diesem Abend immer ganz bei The Low Anthem war, ist fraglich, gerade die zwei lautstarken Gitarrenwände, eine extrem lärmende Geräuschkulisse, erregte neben Überraschung und ekstatischer Begeisterung auch Missfallen. Ein paar Herrschaften war das dann doch zu laut und schützend wurden die Ohren zugehalten. Vermutlich stellten sich diese Leute die Frage : “Ist das hier überhaupt ein Folkkonzert?” Dann wieder aufatmen für die Romantiker, nach dem Tumult wieder ein ruhiger Song, country-folkmäßige Mehrstimmigkeit und Harmonien. Fast sakrale Stimmung. Wahrscheinlich keine andere Band spielt so sehr mit dem Image ihres Genres. Man möchte sich von Klischees befreien, überraschen, wachrütteln. Künstlerische Freiheit und spontane Performance werden hier groß geschrieben.

Der Kontrast zwischen laut und leise, zwischen dem Erwarteten und dem Unerwarteten war wohl selten so groß. Während der Opener Stelling noch auf reduzierte, fokussierte Performance setzt, scheint es bei The Low Anthem keinen Mittelpunkt zu geben, das ganze ist eine Collage für Augen und Ohren. Es gibt keinen wahren Frontmann und keine feste Besetzung, so kommt es, dass die Show ein wenig wie “Reise nach Jerusalem” anmutet. Die Positionen werden gewechselt und das Talent der vier Bandmitglieder vollkommen ausgeschöpft. An manchen Stellen wirkt der Auftritt performativ, theatralisch, aber dann wieder jamsessionartig, spontan und versehen mit einer großen Portion Humor. Dass die Bandmitglieder mit Publikumskontakt und Anekdoten noch einiges an Sympathie sammeln konnten, sei ebenfalls erwähnt. Als Zugabe bringt die Band mit Charlie Darwin dann doch noch einen Klassiker und ein Versöhnungsgeschenk an die alten Fans, die vielleicht noch nicht alle bereit waren für die Reise in das Eyeland.

Wenn Musiker sich über ihr Einstiegs-Genre stellen, eine Tür in die Vergangenheit zumachen, um experimentell zu arbeiten, dann wirkt dieses Vorgehen oft gezwungen oder elitär. Davon gibt es hier aber keine Spur, auch wenn man im Eyeland kein homogenes Klangerlebnis findet, einen roten Faden gibt es doch, oder vielleicht sogar mehrere. The Low Anthem verknüpfen ihre sichtbare Freude an der Musik und an Klängen allgemein mit einer fast kindlich-naiven Experimentierfreude, die nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass hier zwar spontan, aber ganz bewusst und sehr intelligent gehandelt und musiziert wird. Ein Augenöffner, eine besondere, eine mutige und sympathische Band, die alle Folkliebhaber aus der Comfort Zone lockt und manchen Zuhörer mit süffisantem Lächeln und Zufriedenheit nach Hause schickt.  Wer noch dazu kommt, unbedingt anschauen!

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Maria Starfeld

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