Nite Jewel – 21.09.2016 – Gewölbe, Köln

Der Abend vom 21.09.2016 schien gefühlt nicht in der Gegenwart stattzufinden, sondern katapultierte in Köln unter der Rubrik Gewölbe live wie eine Zeitreise in die Anfänge der lo-fi- und synthiegeprägten 80-er Jahre, die elektronische Aufwertung erfuhren. Wir befanden uns eigentlich in einem von Nicolas Winding Refn inszenierten Film, der wie Drive in schillernden Farbspektren aufleuchtet und mit wenigen, dennoch expressiven Gesten tiefere Empfindungen zu vermitteln schien: Die Rede ist von Nite Jewel, einem Projekt der aus Oakland stammenden Ramona Gonzalez, das gekonnt mit Synthesizer, Drums und Keyboard hantiert. Mit Hilfe von minimalistischen Klangstrukturen kreirt sie einen Diskosound, der gleichmäßig getaktet ertönt und durchzogen von ihrer fragil-hallenden Stimme verkitscht-romantische Geschichten erzählt, die wie von einem Filter Nostalgie durchzogen Lichtkreise auf die Tanzfläche projizieren. Drei Alben sind bis dato in ihrer Diskographie einsehbar und erst im Juni erschien Liquid Cool unter Gloriette Records, mit dem sie aktuell durch Europa touren.

Die Vorband, die den musikalischen Einstieg des Abend bespielen durfte, stammte aus dem Kölner Raum und glänzte mit einem besonders unkonventionellen Konzept, das fast schon an Performance Art grenzte: Söhnlein Brilliant.

Man könnte behaupten, dass es sich für Laien anfangs als schwierig erwies nach den ersten Sound- und Klangfetzen den Zugang zu ihrer Musik zu finden, da sie offenkundig mit vielen field recordings, mechanischem Rauschen und robotesken samples experimentierten, die ohne Pausen ineinander verliefen und dann wiederum Zugang zum Stil des Electro Pop fanden. Zusätzlich wurde dieses schleichende Gesamtkunstwerk durch die Stimme ihrer Frontsängerin ergänzt, die live markante Reminiszenzen an den Stil der skandinavischen Cyborg-Popband Fever Ray aufkommen ließ, die der elektronischen Inszenierung einen Hauch Esoterik einbließ und gespenstisch anmutete. Brilliant in all ihren musikalischen Facetten und gleichermaßen verdächtig künstlerisch, sodass man sich gar nicht zutraut, ihren Stil nur einem einzigen Genre zuzuordnen. Einblicke des Baumusik gesigneten Duos gewährt ihr aktuelles Video zum Song ,,s-1”:

Gegen 22 Uhr betraten Nite Jewel in einem Dreiergespann die Bühne und begannen ihr Set, das sanfte Synthie-Pop Tracks mit Einflüssen aus R’n’B verband und dabei eine Menge szenischer Bilder, die man aus dem Soundtrack einiger Independent Filme kennt, ins Gedächtnis rief, die zwischen Autobahn, der nächsten Party, Melodram und Schnulze schwankten und herzerwärmend und überspitzt daherkamen ohne old-fashioned zu sein. So verzauberte sie mit sphärischen Songs wie ,,Nothing but Scenery”, ,,One Second of Love” und dem Ohrwurm ,,Boo Hoo” ihres Albums Liquid Cool, der besonders durch redundante Takte und die einprägsamen Lyrics ,,if we knew each other..” so schnell nicht in Vergessenheit geriet:

Es scheint nicht weit hergeholt, hier Referenzen zu Bands wie Desire oder Chromatics zu ziehen, deren Stil in sanften Flächen aufgegriffen und sehnsüchtiger inszeniert wird. Wie sollte es auch anders sein, wenn Ramona bereits mit letzteren gemeinsam im Studio gesichtet wurde? Gegenseitige Inspiration scheint hier selbstredend zu sein.

Bereits 2009 bespielte die Frontsängerin in veränderter Besetzung das King Georg in Köln und von den wenigen Gästen stellte sich trotz alledem relativ schnell heraus, wer schon mit Veröffentlichung von Good Evening die Laufbahn der Künstlerin konstant verfolgt hatte. Neben den viel lo-fi-lastigeren Songs wie ,,What Did He Say” und dem verspielteren ,,Weak For Me” wurden hier altbekannte Tracks wiederholt, die sich doch sehr vom Stil des neuen Albums unterscheiden. Die Set List, die circa 11 Tracks enthielt, pendelte zwischen drei Alben, die in einer Zeitspanne von 7 Jahren aufgenommen wurden und fasste die stilistische Entwicklung nochmals live performed zusammen: Good Evening (2009), One Second of Love (2012) sowie die aktuelle Platte Liquid Cool (2016).

Wer derzeit auf der Suche nach einem poppigen Synthie-Verschnitt mit Soundtrack-Potenzial ist, sollte sich unbedingt mal durch die Veröffentlichungen des prachtvollen Nachtjuwels hören, damit auch in Zukunft die geplante Diskokugel an der Zimmerdecke in gewünschter Position angebracht werden und ihre Lichtkreise durch das viel zu kleine Zimmer ziehen kann. Denn wie in den uns vertrauten Serien besitzt jener Sound genau das gewisse Maß an Kitsch, um sich eines Abends mit einer Pulle Sekt, den besten Freunden (oder wahlweise auch alleine) betrunken auf der Tanzfläche wiederzufinden. Cheers!

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Denise Schmid

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