Herman Koch – Sehr geehrter Herr M.

Es liegt nahe, in den Werken des Niederländers Herman Koch so etwas wie einen roten Faden zu erkennen. Da sind zum Beispiel die Protagonisten, die zwar nicht zu den Verlierern des Lebens gehören, aber eben auch nicht wirklich zu den Gewinnern: In deren Seelenleben gewährt Koch Stück für Stück Einblicke und nähert sich dem, was man wohl die ‚Abgründe der Psyche‘ nennen könnte. Gerne wird Koch deshalb das Label des Zynikers aufgedrückt, der quasi als Gedankenexperiment moralische Grundprinzipien unterläuft. Das täuscht aber darüber hinweg, was die eigentliche Faszination an Büchern wie Odessa Star, Angerichtet oder eben Sehr geehrter Herr M. ist: Die Frage nach der Moral tritt oft genug in den Hintergrund, wenn Koch seine Beobachtungsgabe und sein Gespür für die Feinheiten des Lebens und des Schreibens unter Beweis stellt. Die Einblicke in die Gedankenwelt seiner Protagonisten gestaltet er schonungslos ehrlich und erzeugt eine unglaubliche Überzeugungs- und Strahlkraft. So mancher Leser dürfte sich wohl schon dabei ertappt haben, wie er instinktiv den Gedanken der Figuren nickend zustimmt – um dann mit Entsetzen festzustellen, was Herman Koch da mit immensem erzählerischen Geschick gewendet und gedreht hat, bis es akzeptabel erscheint. Kochs Schreiben leitet im wahrsten Sinne des Wortes dazu an, sich selbst zu vergessen.

Dass es Koch gelingt, in seinen Romanen eine Gedankenwelt aufzubauen, die Leser verschlingen kann, hängt wohl mit seinem enormen ‚handwerklichen Können‘ zusammen. Was, wie so vieles, erst nach der Lektüre wirklich ins Bewusstsein dringt, ist, dass nicht nur der Aufbau des Plots, sondern augenscheinlich jeder Satz extrem gut durchdacht, fast durchkomponiert ist. Das zeigte sich schon in Angerichtet, mit dem Herman Koch auch in Deutschland der Durchbruch gelang, und zeigt sich in Sehr geehrter Herr M. noch viel deutlicher. Man muss es Koch zugutehalten, dass der komplexe Aufbau von Sehr geehrter Herr M. den Lesefluss nicht beeinträchtigt. Im Gegenteil versteht er es sehr gut, die Erzählstränge so anzuordnen, dass der Spannungsbogen nur dazugewinnt.

Auch die in den Niederlanden angesiedelte Handlung um einen Schriftsteller und zwei Schüler, die im Verdacht stehen, ihren Geschichtslehrer ermordet zu haben, knüpft an den bereits erwähnten ‚roten Faden‘ an. In vielen seiner Romane spielt die Schulzeit der Protagonisten eine wichtige Rolle, hier ist sie einer der Hauptschauplätze des Texts. In Sehr geehrter Herr M. offenbart sich sowohl in der Figur eines Schülers als auch des Schriftstellers, die beide kurioserweise den Namen Herman tragen, ein Spiel mit Fiktion und Wirklichkeit, das schon fast an Paul Auster erinnert. Auch ansonsten tragen die ‘zwei Hermans’ im Buch deutliche Übereinstimmungen mit Koch und seiner Biographie. Es gehört schon einiges dazu, beim Lesen von Sehr geehrter Herr M. nicht mal die Biographie des Autors zu googeln, so sehr spielt der Roman mit den Zweideutigkeiten.

Fazit: Sehr geehrter Herr M. steht Angerichtet, Sommerhaus mit Swimmingpool oder Odessa Star um nichts nach und sei deshalb allen, die Herman Koch bereits kennen und schätzen, wärmstens empfohlen. Gleiches gilt auch für all diejenigen, die Koch noch nicht kennen: Sehr geehrter Herr M. ist ein Roman mit Tiefgang, der aber vor allem Spaß macht und sehr unterhaltsam ist.

Herman Koch: Sehr geehrter Herr M.. Roman. Übersetzt von Christiane Kuby und Herbert Post. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016. Broschierte Ausgabe. 400 Seiten, 9,99 Euro.

Timo Poensgen

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