Haldern Pop Festival 2016

Am Wochenende des 10.-13.08. verwandelte sich das kleine Städtchen Rees-Haldern erneut in eine Location der Sonderklasse: das Haldern Pop Festival ging in die 33. Runde. Wir waren live für euch vor Ort und haben uns einen Überblick verschafft.

Ankunft und Locations

Wie bereits im Vorbericht erwähnt, gab es besonders in NRW sehr dankbare Verbindungen des ÖPNV und man erreichte innerhalb von 2,5 Stunden den Zielort Haldern Bahnhof. Ebenso konnte man zugleich bei der Ankunft feststellen, dass ganz Rees-Haldern das einmal im Jahr stattfindende Festival sehr schätzt und sogar Bühnenspots im Zentrum von Haldern vorzufinden waren: zum einen die Haldern Pop Bar inklusive kleinem, nostalgischem Plattenladen, der Haldern Pop Recordings präsentiert, und eine gegenüberliegende Dorfkirche, die in diesem Jahr erstmals für die ruhigeren Chor- und Orchestereinlagen herhielt und mit einer verhallten Akustik eine besondere Stimmung garantierte. Der Marsch zum Festivalgelände beanspruchte maximal 20 Minuten, während der Zeltplatz um das Festivalgelände mit seinen Hauptbühnen angelegt wurde. Ein weiteres Highlight bot sich durch den Spot des kleinen überschaubaren Tonstudios, das maximal Platz für 50 Leute bot. Für die kleineren Locations galt de facto die Regel: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst – der Reiz, sehr schöne Konzerte in einer intimen und persönlichen Atmosphäre zu genießen, war daher sehr groß und rentierte sich über alle Maßen.

Donnerstag, 10.08.2016:

Nachdem der Zeltaufbau um die Mittagszeit mit freundlich gesinnten Wetterbedingungen erledigt war, führte schon der erste Act auf der Liste wieder zurück ins Dorf und kündigte sich in der gemütlichen Haldern Pop Bar an. Leider lautete die Devise: Anstellen und auf Einlass hoffen. Amber Arcades, eine verträumte Indie-Pop Band aus den Niederlanden traten auf einer kleinen aber feinen Bühne auf, während man noch vor der Türe ihren Sounds lauschen konnte. Mit etwas gedämpfter Akustik musste dennoch der örtliche Bierstand herhalten, um uns in diesem Szenario zu vertrösten. Eine sagenumwobene Stunde später wurde endlich für WOMAN der Durchgang zur Bar freigegeben. Man stand zwar sehr beengt und versuchte sich auf dem Fensterbrett noch einen vorteilhafteren Stehplatz einzuheimsen, aber der groovige Sound der Kölner Dreierformation animierte letztendlich doch so sehr zum Tanzen, dass man sich gerne mit weniger Sicht zufrieden gab. Eine Mischung aus funkig-elektronischen Balladen wie ,,Tension” und ,,Psychedelic Lover” erntete im Publikum eine Menge Beifall. Leider nur eine Performance von 30 Minuten: ,,Wie, das wars schon?” – ,,Das ist nur ‘ne EP”, begründete der Frontsänger Carlos belächelnd. Wir sind schon jetzt auf das erste Album gespannt und wer bei den Bands der Haldern Pop Bar im Anschluss im Plattenladen vorbeischaute, konnte sogar signierte Vinylscheiben abgreifen und mit einigen Künstlern persönlich plauschen.

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WOMAN, Haldern Pop Record Store

Gegen Abend lockte die von Wald umgebene Hauptbühne mit Damien Rice als Headliner und frönte den herzzerreißenden Balladen. Die Bühne wurde in gedimmtes Licht getaucht, während das Publikum emotional berührt Feuerzeuge in die Höhe hielt, um seine Klassiker ,,The Blowers Daughter”, ,,Volcano” sowie die neueren Tracks des Albums My Favourite Faded Fantasy entsprechend zu würdigen. Die Bühnenpräsenz von Damien Rice war überwältigend und seine Setlist wechselte sich mit sentimentalen, geladenen und impulsiven Songs ab, bei denen er sogar etwas rockigere Riffs auf seiner Gitarre anschlug.

Einen überraschenden Abschluss fand der Freitag mit dem Auftritt der dänischen Band Efterklang, die sich mit dem Neuzugang des finnischen Drummers Tatu Rönkö als Liima präsentierten. Beginnend mit ,,Roger Waters” zeigte sich die skandinavische Indie-Band plötzlich sehr elektronisch, vor allem basslastig und die Stimmung im Spiegelzelt stieg auch gegen 1:30 Uhr nochmal so sehr an, dass die Masse durchgehend tanzte, während wechselnde farbige Lichterspots das Geschehen untermalten. Weniger verträumt und schwermütig, sondern viel antreibender und positiv klangen Songs wie ,,Change of Time” und ,,Black Beach” und zauberten nicht nur dem Publikum ein Lächeln ins Gesicht. Die Musiker selbst verfielen in eine Dauergrinsestarre und bestückten einige ihrer Songs mit zusätzlichen Schlagzeug-, sowie Gitarrensoli, um jeden Einzelnen hervorzuheben. Auch im Bezug auf das Bühnenoutfit konnte der Frontsänger Casper Clausen punkten. Man nehme einen transparenten Regenmantel, kombiniere ihn mit einer gestreiften Badehose und reiße sich beim Showhöhepunkt gefühlt die Kleider vom Leib – casual outfit of the day.

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Casper Clausen: Liima, Spiegelzelt

Liima konnte wahnsinnig Eindruck schinden und so fühlte man sich besonders durch die musikalische Vielfalt und die gute Laune beseelt, die während der letzten Minuten übertragen wurde. Tag eins endete und ein zweiter längerer sollte sich zugleich ankündigen.

Freitag, 11.08.2016:

Nach dem regnerischen Wetterumschwung über Nacht war das Gelände eigentlich nur noch mit Gummistiefeln begehbar, während die Besucher mindestens 10 cm im Matsch versanken und in Rutschpartien ungewollt um die Wette eiferten. Das Programm am Nachmittag führte deshalb in die Dorfkirche, die mit ganz besonderem Ambiente glänzte. Gegen Nachmittag konnte man sich so die Performance des Berliner Chors Cantus Domus und das Musikerkollektiv Stargaze , die Songs von Boards of Canada, sowie David Bowie unter der Leitung des Dirigenten Andre de Ridder neu inszenierte, zu Gemüte führen. Der Bogen zwischen Pop- und zeitgenössischer elektronischer Musik wurde gespannt und demnach erwies es sich als Trugschluss, das Haldern würde sich nur auf Singer-Songwriter und Folk spezialisieren. Zwischen Altar und Kanzel wisperten sanfte Stimmen, während sich ein Hall schleichend in der ganzen Kirche verbreitete. Besucher saßen auf Bänken und Boden mit geschlossenen Augen und der eine oder andere schien von einer langen Nacht gezeichnet, die jetzt wieder durch entspanntes Zuhören regeneriert werden musste. Stargaze verlauteten gleich am Anfang, dass sie besonders von Künstlern covern, die entweder nicht mehr live auftreten können oder nicht mehr unter uns verweilen. Besonderen Beifall erntete das Orchester daher, als sie David Bowie die Ehre erwiesen und den Track ,,Let’s Dance” performten. Dies löste eine Menge Emotionen im Publikum aus, das auch altersmäßig sehr gemischt war und zum Teil in rege Nostalgie verfiel.

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Dorfkirche als Location für Orchester und Chorkollektive, Haldern

Leider musste nach jedem Konzert in der Kirche das Gebäude geräumt werden, um die Umbaupausen nicht zu stören, sodass ein Wiederanstellen unumgänglich war. Trotz alledem lohnte es sich, vor Beginn der Hauptacts mal die etwas andere Location ausgecheckt zu haben, um wieder Energie für das abendliche Line-Up zu sammeln.

Gegen 16.30 Uhr spielte die Indie Alternative Band MONEY im Spiegelzelt und sorgte für Gänsehautstimmung, als sie ihre ruhigen, fast schon folkigen Songs des Albums Suicide Songs spielten, die von Geige, Drums und Gitarre begleitet wurden. Im Kontrast zu sanften Instrumentals, sang der Frontsänger Jamie Lee mit seiner rauchigen Stimme ,,I am the Lord” und ,,I’ll be the Night” mit einem Hauch von Theatralik, die live stimmliche Parallelen zum skandinavischen Künstler Moddi zum Ausdruck brachten.

Haldern Pop_ Money_ Denise Schmid
Jamie Lee: MONEY, Spiegelzelt

Am Nachmittag bei Sonnenschein und guter Laune konnte man auf der Hauptbühne Jazz der Extraklasse erleben und sich instrumental von der britischen Big Band GoGo Penguin überzeugen lassen. Ein riesiger Flügel zierte die Bühne, während ebenso Schlagzeug und Kontrabass vertreten waren und dazu einluden sich ein paar Stunden zurückzulehnen und den luftigen, treibenden Kompositionen zu lauschen, die in sehr abwechslungsreichem Tempo sprangen und man als Zuschauer drohte sie mit dem Berliner Brandt Brauer Frick Ensemble zu verwechseln, die ihre ruhigen polyphonen House-Variationen demonstrierten.

Im Anschluss führte ein weiterer Gang ins Spiegelzelt, um Max Gruber mit seiner Band Drangsal auf die Spuren zu kommen: ist er nicht ein Meister des Zitats populärer Künstler? Was er hier wieder vereinte, waren Entertainment, Anklänge von New Wave und authentischem 80’s-Sound, sowie große Kunst. Nicht wenige müssten ihn bereits einige Stunden zuvor im Backstage der Bühne tanzen gesehen haben, als Die Nerven auftraten – und diese Groupietendenzen wurden wieder ersichtlich, als der Frontsänger sich während des Auftritts von seiner Polizeimütze mit den Worten ,,Das macht Morrisey auch immer so, die bekomme ich aber nach dem Auftritt wieder” verabschiedete und in der Zugabe The Smiths coverte.

Vor einigen Monaten sorgte Michael Kiwanuka mit der Veröffentlichung seines Albums Love & Hate  für ordentliches Aufsehen. Die Resonanz war durchweg positiv, sodass ihm auch auf dem Haldern Pop direkt die Hauptbühne überlassen wurde, um die Atmosphäre mit Soul zu füllen und den Soundtrack für die untergehende Sonne zu liefern. Man fühlte sich zeitlich in ein Woodstock-Revival versetzt, während Jazz und Funk mit rockigen Gitarrenriffs verbunden wurden. Ein passenderes Klangerlebnis hätte man sich kaum vorstellen können. Sein bekanntester Track ,,Black Man in a White World” ging sofort ins Ohr und getaktetes Klatschen verbreitete sich von der Bühne über das Publikum wie ein Lauffeuer.

Nach einer längeren Konzertpause sollte auch dieser Abend wieder im Spiegelzelt enden, wo allen schlaflosen Seelen ein Exkurs in die Traditionen Südkoreas geboten wurde. Auf mystische Weise verband die Band Jambinai traditionelle Instrumente mit hartem Gitarrenschreddern, die von sphärisch-monotonem Gesang untermalt wurden. Sowohl das Tempo, als auch die Lautstärke variierten in jedem Song und erreichten Höhen und Tiefen, bis sie letztendlich in tosenden Post-Rock-Passagen zu explodieren schienen.

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Kim Bo-Mi: Jambinai, Spiegelzelt

Eine besonders schöne Überraschung bot sich, als man müde und ausgelaugt vom Tag den Zeltplatz erreichte, wenn man den Himmel noch eine Weile beobachtete: Freitagnachts konnte man noch Sternschnuppen zählen und auch der nächste Tag sollte keine Wünsche mehr offen lassen.

Samstag, 12.08.2016:

Der letzte Festivaltag führte unter Sonnenschein und heißen Temperaturen ins Tonstudio Keusgen. Wer von Saunatemperaturen absehen und sich seinen Wunschact nicht entgehen lassen konnte, musste leider ein paar Schweißperlen über sich ergehen lassen. Scherzhaft wurden schon Zettel mit ,,der nächste Aufguss folgt: …” an den Glasscheiben des Studios angebracht, um Besucher subtil vorzuwarnen. Natürlich ließen wir uns davon nicht einschüchtern. Gewalt war keine Lösung, aber bot am Nachmittag eine gute Abwechslung zu den ruhigeren Künstlern der letzten Tage. Die Berliner Band machte es sich zur Aufgabe die Suche des Menschen zwischen Gott und dem Tod in ihren Songs auf absurdeste Weise wiederzugeben und eine Ode an den Punkrock zu realisieren, die auch durch ein mit Schweiß- und Kunstblut durchnässtes Hemd des Frontmanns anklang.

Nach einer Umbaupause, bei der ein eindrucksvoller Flügel in der Mitte des Raums positioniert wurde, erschien Martin Kohlstedt fast etwas schüchtern, barfuß und improvisierte wunderbar melancholische, sowie extrovertierte Stücke am Klavier. 50 Leute saßen in einer ziemlich persönlichen Atmosphäre auf dem Boden und etwa eine Stunde wurde es ganz still bis auf die Kompositionen, die schwelgend durch den Raum kreisten und alle nur mit Hilfe von drei Buchstaben betitelt waren.

Derweil herrschte im Spiegelzelt eine hocheuphorische Stimmung, als Izzy Bizu mit ihrer charismatischen Aura die Bühne betrat und unter anderem durch bekanntere Pop Songs á la ,,White Tiger” das Publikum zum Mitsingen und Schmunzeln anregte. Sie war nicht nur Liebling der im Pressegraben verharrenden Fotografen, sondern ebenso Gewinnerin der Herzen und lieferte den perfekten Sound für einen hoffentlich zu erwartenden Sommer.

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Abendliches Treiben auf dem Festivalgelände

Auch die restlichen Headliner des Abends sollten weiblicher Natur sein, fragil anmuten und dennoch mit viel Gefühl und Power performen. So durften für den finalen Haldern Pop-Abend die britische Band Daughter, sowie die shoegazelastige Formation der Minor Victories übernehmen.

Gleichermaßen konnte man hier während der Performance einen Kontrast zwischen der Publikumsinteraktion der trotz steigendem Erfolg schüchternen Sängerin Elena Tonra von Daughter und ihrer zarten Stimme feststellen, die hin und wieder ausbrach und die Außenbühne sphärisch überlagerte. Erkenntlich wurde außerdem der Reifegrad im Songwriting, der zunehmend selbstbewusstere Themen behandelte und die emotionale Gekränktheit und Sehnsucht zu überwunden haben schien, die bis dato durch Songs wie ,,Youth” bekannt war.

Das Festival neigte sich seinem Ende zu, als die Minor Victories, ein Zusammenschluss von bekannteren Größen der Bands Mogwai, den Editors und Slowdive übernahmen, die erst im letzten Jahr begründet wurde. Viele treue Fans, die das Alter 25+ dezent überschritten, begaben sich mit ihrem letzten abendlichen Bier in die ersten Reihen und ließen eine ebenso schwelgende Shoegazeperformance auf sich wirken, die teilweise orchestral ergänzt wurde und einen ganz besonderen Abschluss bot, der noch länger im Gedächtnis blieb.

Fazit:

Im Großen und Ganzen lieferte das Line-Up auch in diesem Jahr wieder eine überraschende Bandbreite an altbekannten Künstlern und neuen Sprösslingen der Musikszene, die sich lohnten entdeckt zu werden und auch im nächsten Jahr steht Rees-Haldern wieder ein ganzes Wochenende als Location musikalischer Spektakel im Mittelpunkt. Wir sind schon jetzt voller freudiger Erwartungen, welche Gäste uns wohl 2017 erwarten werden. Das Haldern Pop Festival ist definitiv noch immer ein Geheimtipp, wenn man Konzerte in einer überschaubaren Atmosphäre genießen möchte, die trotz des Kontingents von nur 6000 Tickets mit großen Headlinern besticht.

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One Comment

  1. linne sagt:

    6000 haldern tickets ist richtig. sonst gut reflektiert! danke!
    check auch mal http://www.kalternpop.com

    gruss, linne.

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