Archy Marshall – A New Place 2 Drown

Archy Marshall ist ein 21-jähriger Musiker, dessen persönlicher Stil kaum greifbar erscheint. Unter diversen Pseudonymen vermag er seinen kreativen, genreübergreifenden Entfaltungsdrang kaum zu stillen: als King Krule, Edgar the Beatmaker, DJ JD Sports oder Zoo Kid ging er stetig neuen Projekten nach. Im Dezember letzten Jahres erschien sein erster Soundtrack unter seinem Geburtsnamen. In der Diskographie physischer Exemplare reihen sich kategorisch die EP King Krule, sein Longplayer 6 Feet Beneath the Moon und zuletzt A New Place 2 Drown ein, die unter den Labels True Panther Sounds, sowie XL Recordings veröffentlicht wurden.

A New Place 2 Drown bildet einen kompletten Konrtrast zu den bekannteren Indie Tracks mit Jazz- und Rock’n’Roll-Einfluss, verzichtet auf virtuosen Einsatz von Gitarre und fällt durchaus beatlastiger aus. Das am meisten verwendete Equipment scheint hier digitaler Natur zu sein, während die Sounds in die Untergrundregionen der SE London-Szene abdriften und definitiv mit allen Nachtschwärmern und Gemütsmenschen sympathisieren wird, die einer klanglich erzeugten Atmosphäre frönen.

Es sollte betont werden, dass A New Place 2 Drown vorerst nur als digitaler Release am 10.12.2015 im Netz geplant war. Die Veröffentlichung unter dem Künstlernamen Archy Marhall, sorgte letztendlich dafür, dass die Verbreitung sehr langsam vonstattenging und folglich erst auf einen Nachruf der Hörer für den 19.08.2016 eine in Geringauflage produzierte Vinyl in Pressung ging.

Der Fokus des Albums liegt auf rohen Underground-Basslines, Synthesizern, toughen Hip-Hop-Beats und Ambient-Elementen, die verhallt und verwoben mit narrativen Strukturen in die Tiefen einer Nacht führen. Ob sie nun auf authentischen, vielleicht sogar autobiografischen Erlebnissen basieren, ist nicht direkt bewusst, jedoch lässt sich ein Zusammenhang zwischen Film und Soundtrack feststellen, der weitestgehend den persönlichen Alltag in den Südstadtvierteln Londons zusammenträgt. Eine Besonderheit liefert das Album vor allem dadurch, dass es den Soundtrack zu einem Kunstprojekt der beiden Brüder Jack und Archy Marshall darstellt und deshalb medienübergreifend zusammengesetzt wurde. Nachdem die letzte Ausstellung ,,Inner City Ooz” mithilfe von Visual Arts und Live Performances realisiert wurde, schlug sich das Konzept zu A New Place 2 Drown nun in einem 208-seitigem Buch, einem Kurzfilm, der von Will Robson Scott umgesetzt wurde sowie ergänztem Soundtrack nieder.

Wirft man einen Blick auf die elektronischen Produktionsmethoden und das verwendete Equipment, liegt die Vorstellung nahe, dass die Finger beim Bedienen von Drum Pads, Synthesizer und auftretenden Interfaces zu glühen drohten und eine exzessive work-in-progess-Situation omnipräsent war. Zwölf Tracks bilden ein rundes Konzeptalbum mit rauen, dumpfen Klangstrukturen, das sehr analog wirkt, durchaus mitreißend und smooth klingt und die Beatkultur der frühen 90’s mit poetischen Höchstleistungen verbindet. Kreirt wird hier tatsächlich ein neuer Ort, um abzutauchen und dem Alltag zu entfliehen. Man sollte sich also zurücklehnen (empfohlen werden ein bequemerer Sessel oder die durchgesessenen Autositze des favorisierten Gefährts – gerne sollten Umwege über die Autobahnschnellstrecken genommen werden), um das nächtliche Treiben einzuleiten und Laissez-Faire die oberste Priorität zuzusprechen.

A New Place 2 Drown demonstriert sich weniger instrumental, jedoch durchzogen von den immerwährend poetischen Texten Archy Marshalls, gelassen in einer Symbiose aus gesprochenen, als auch gesungenen Passagen in sonorer Tonlage. Wer die rock- und jazzlastigen Werke von King Krule präferiert, wird auch seine Neuinszenierung wertschätzen und sich auf eine trippige Reise mitnehmen lassen. Ein hoher Wiedererkennungswert kommt vor allem dann zum Tragen, wenn Archy seine Stimme erhebt, die bereits bei seinen ersten Veröffentlichungen 2010 sehr frühreif, gebrochen, wie gehüllt in Alkohol- und Zigarettendunst erschien und in entfernter Weise sogar Parallelen zum Indie Rock-Pionier Peter Doherty darstellt. Sein Mitbewohner Jamie Isaac aka Tom Cully lieh dem Konzept ebenfalls seine Stimme und wird im Track ,,Ammi Ammi” hörbar, der gekonnt mit Lo-Fi-Filtern arbeitet.

Im Intro ,,Any God of Yours” stehen Hi-Hat und Drums im Vordergrund und leiten mit Beats, überlagert von repetitiven ,,Hmmmm…” gleich in den ersten Track ,,Swell” über, der sehr dynamisch wirkt und im Verlauf an Tempo zunimmt. Erstmals wird hier das Piano mit hinzugenommen, während ,,A New Place 2 Drown” als Parole demonstrativ widerhallt. ,,Sex With Nobody” beginnt mit einem Kurzdialog, der aus einer Sitcom gesampled wurde, die mit klassischen Publikumslacher endet und geht zugleich in eine Autotunespur über, die später wie ein Ambienttrack fortgeführt wird, auf den Archy seine Erzählerstimme setzt. ,,The Sea Liner MK” und ,,Empty Vessels” erinnern klanglich an Mount Kimbie, die ziemlich dublastig ausfallen und den Einsatz von Drumpadbeats unterstützen. Vermutlich hat Archy Marshall dem Duo genauer über die Schulter geschaut, als er 2013 Lyrics zu ihrem letzten Album Cold Spring Less Faults einsang und mit der Band kooperierte. ,,New Builds” legt den Fokus auf das sphärische Erzeugen von Klangstrukturen und fungiert als Zwischentrack, der in den letzten Abschnitt des Albums führt. Ob hier jetzt bewusst eine Farce aufgefahren wird, da es sich um ein Feature mit King Krule handeln soll? Wer seinen Stilwandel verfolgt hat, wird auch dieses Geheimnis sofort aufdecken.

Definitiv wird hier bewusst, dass der gesangliche Part wieder das poetische Songwriting von Archy Marshall aufgreift und die populäre Themse entsprechend würdigt, bis hier nach drei Vierteln des Songs ein Bruch entsteht, der wie ein Hidden Track wieder beatlastiger anklingt und erneut auf Hi-Hats zurückgreift und später durch leiser werdende Tonspuren einen Abschluss findet.

Insgesamt ist der Soundtrack geprägt von schlüssigen Übergängen, die quasi verschiedene Szenen ineinander überleiten und spannt den Bogen zwischen poetischen Lyrics und sphärischen Basslines, die mit Drum Pad-Elementen überlagert wurden, die in einer 90’s-Manier vom Feinsten ihre Umsetzung fanden. Man realisiert hier sowohl stilistische Merkmale von Edgar the Beatmaker, Mount Kimbie, als auch einen gesanglichen Part á la King Krule  – Archy Marshall vereint hier dementsprechend jene skills, die er sich bereits bei unterschiedlichen musikalischen Projekten aneignen konnte und verbindet diese gleichzeitig mit musikalischen Inspirationen aus der eigenen Plattensammlung. Somit schafft er einen Soundtrack, der so schwelgend klingt, dass er den Titel A New Place 2 Drown regelrecht verdient hat.

Da es sich lediglich um eine geringe Auflage handelt, wird die Platte unter höherem Preisanstieg verkauft werden, der womöglich die Kosten einer normalen Vinyl übersteigt. Zusätzlich spielt der Importfaktor aus den UK eine maßgebliche Rolle. Doch die Fans werden es verzeihen, sobald sie in den Besitz einer limitierten Auflage gelangt sind – denn wenn wir ehrlich sind, geht es hier doch fast schon um ein künstlerisches Artefakt, in das man investiert.

Denise Schmid

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